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Gelassen und entspannt führen - Im Gespräch mit Eberhard Huber

25.09.2013 – Eberhard Huber ist freiberuflicher Projektleiter in Forschung, Lehre und Praxis. Aktuell begibt er sich in einer Open-Source-Studie auf die Spuren des Projekterfolgs. In der Zusammenarbeit mit ihm fällt mir immer wieder auf, wie entspannt und gelassen er bleibt und so Begeisterung zur Selbstorganisation des Teams sanft in Bahnen lenkt. Ich sprach mit ihm über moderne Arbeitswelten und seine Vision von der Zukunft. Dabei geht es um Vertrauen, um Interaktion, um Identität, um Werte und unser Menschenbild. Als Impulsgeber wird er Ende Oktober beim LifeWorkCamp 2013 dabei sein.

Franziska: Hallo Eberhard. Bitte stelle Dich kurz vor: Wer bist Du und was machst Du?

Eberhard: Eine kurze Vorstellung ist ein kniffliges Anliegen. Ich bin immerhin schon ein halbes Jahrhundert alt.

Beruflich komme ich aus den Naturwissenschaften, habe Physik mit den Schwerpunkten Astro-, Kern- und Plasmaphysik studiert. Promoviert habe ich in Werkstoffwissenschaften. Die wissenschaftlichen Wurzeln versorgen mich bis heute mit einer gewissen Grundneugierde und dem Drang, alles zu hinterfragen.

Seit acht Jahren bin ich selbstständiger Projektleiter in Forschung, Lehre und Praxis. Das heißt, ich forsche in Sachen Projektarbeit, lehre gelegentlich an Universitäten oder coache andere Projektleiter. Um den Realitätsbezug nicht zu verlieren, rede ich nicht nur über Projektarbeit sondern arbeite in real existierenden Projekten. Um genau zu sein, verdiene ich mit der Praxis die Brötchen.

Projektarbeit ist auch der rote Faden durch die verschiedenen Stationen meiner beruflichen Laufbahn – hierfür ist wohl auch die Lust auf Neues verantwortlich. Zweimal bin ich bewusst von der Karriereleiter in großen Unternehmen abgestiegen, um etwas Neues zu beginnen bzw. Zeit für meine Familie zu haben.

Der Drang Neues zu beginnen scheint mir in die Wiege gelegt worden zu sein, deshalb engagiere ich mich in verschiedenen Initiativen. Sowohl bei openPM als auch der PM Camp Bewegung bin ich von Beginn an dabei.

Zu guter Letzt treibt mich noch ein gewisses Mitteilungsbedürfnis. Ich blogge seit vielen Jahren, einmal im projekt(B)LOG über Projektarbeit. Zum anderen in meinem privaten Blog über Kunst, Fotografie, Politik und anderes mehr. Im privaten Blog stehen auf der Seite „über den Schreiberling“ die folgenden Worte:

Mensch, Suchmaschine mit Sprachsteuerung (“Papa – hast Du meinen Schulranzen gesehen?”), Querdenker, Wissenschaftler, Dozent, manchmal Abenteurer, Projektleiter, Kunst-, Fotografie und Berg-Liebhaber, Hobby-Knipser, Fahrrad- und Bahnfahrer, Pfadfinder. Die kleine Pfadfinderseele treibt mich gelegentlich Texte zu schreiben, die meine Überzeugung von einer möglichen, besseren Welt zum Inhalt haben.

Damit soll der Vorstellung auch genug sein.

Franziska: Wir haben uns über open PM kennengelernt und Anfang des Jahres gemeinsam das erste PM Camp in Stuttgart organisiert. Das BarCamp mit dem Schwerpunkt Projekt Management stellten wir unter das Motto „Menschen sind keine Ressourcen“. Für mich war es ein klares Statement pro Humanismus in der Betriebswirtschaft. Ein Thema, das wir auf dem LifeWorkCamp vertiefen werden.

Eberhard: Ich bin der Überzeugung, dass Menschen im Grunde soziale Wesen sind. Interaktion, Beziehungen und gemeinsames Handeln sehe ich als menschliche Grundbedürfnisse an. Die moderne globalisierte Arbeitswelt nimmt darauf leider sehr wenig Rücksicht. Dem Diktat von Arbeitsteilung und Profitmaximierung wird allzu oft alles andere untergeordnet.

Die „moderne“ Arbeitswelt ist in vielen Bereichen nach den Vorstellungen einer Produktion gestaltet. Die Menschen sind Teile von Prozessen, werden zu austauschbaren Teilen einer Maschine. Ich betrachte es nahezu als Verbrechen, Menschen auf die potentielle Nützlichkeit in einem Prozess zu reduzieren. Diese Reduktion vernichtet langfristig die Solidarität. Solidarität ohne Gegenleistung ist Menschlichkeit.

Die Reduktion auf Nützlichkeit führt auch zwangsläufig zu der Frage nach dem Wert eines Menschen. Eine bedeutsame betriebswirtschaftliche Vokabel ist die Wertschöpfung. Das ist ein abstrakter und unpersönlicher Begriff. Dann kommt die Prozessdefinition. Dann die Optimierung. Irgendwann wird die Bewertung persönlich.

Als nächstes kommt der Begriff des toten Humankapitals mit dem jene bezeichnet werden, die durch ein Bewertungsraster gefallen sind … ganz am Ende einer langen Entwicklung stehen dann Begriffe wie der des „unwerten Lebens“.

Für mich sind Menschen per se wertvoll. Ich hatte das vor einiger Zeit in einem kurzen Artikel mit „Der Wert des Menschen ist unermesslich“ überschrieben. Unermesslich in dem Sinn, dass der Wert eines Menschen nicht mit einer Skala erfasst werden kann und darf und damit nicht messbar, also unermesslich ist.

Das soll zu dem Thema vielleicht genügen, sonst rede ich mich vollends in Eifer und Rage.

Franziska: In der Zusammenarbeit mit Dir fällt mir immer wieder auf, wie gelassen und entspannt Du führst. Ich habe dieses Vertrauen in mich und meinen Teil der Arbeit sehr genossen. Den anderen schien es genauso zu gehen. In meiner Beobachtung hat das zu einem hohen Maß an Selbstorganisation und viel Spaß in der Zusammenarbeit geführt.

Eberhard: Ich freue mich, wenn meine Führung als entspannt und gelassen wahrgenommen wird. Das ist ein Beitrag zur gefühlten Sicherheit.

Führung ist ein zentrales Thema für mich. Ich bin da sehr stark von der PfadfinderInnen Bewegung beeinflusst worden. Bei der Pfadfinderei geht es nicht darum, alten Frauen über die Straße zu helfen oder mit Wimpeln durch die Natur zu wandern. Im Kern geht es um Erziehung zu selbstverantwortetem Handeln. Ein Pfadfinder-Gruppenleiter soll den Jugendlichen helfen, eigene Ideen zu verwirklichen, in kritischen Situationen den Weg zu weisen, zu unterstützen und gelegentlich die Eltern vom Leib halten. Letztendlich schafft Leitung so einen Frei- und Schutzraum.

Leitung soll für Sicherheit sorgen. So ähnlich halte ich es auch, wenn ich im beruflichen Kontext in eine Führungsrolle einnehme. Ich versuche, einen Rahmen zu schaffen in dem sich alle mit ihren individuellen Fähigkeiten einbringen können. Das ist ein ganz wesentlicher Punkt, jede/r sollte sich mit einem Teil seiner individuellen Fähigkeiten einbringen dürfen.

Franziska: Inzwischen setzen wir unsere Zusammenarbeit fort und planen das PM Camp Stuttgart 2014. Wir sind ein tolles und erfolgreiches Team – obwohl (vielleicht auch gerade weil) wir sehr unterschiedliche Persönlichkeiten sind.

Eberhard: Gute Ergebnisse auf dem eigenen Spezialgebiet machen einerseits persönliche Freude, andererseits sind das schöne Erfolgserlebnisse für den gemeinsamen Aufgabentopf. Wenn sich der gemeinsame Aufgabentopf langsam mit Erfolgserlebnissen füllt, wächst auch das Vertrauen ineinander. Das wachsende Vertrauen ist dann der Steigbügelhalter für die nächsten Aufgaben.

Ich könnte das jetzt noch mit beeindruckenden Worten zu moderner Teamarbeit und Selbstorganisation verbrämen – das würde aber wieder vom Kern ablenken. Es geht um etwas Grundsätzlicheres:

Menschen sind nicht als Einsiedler geboren, es funktioniert nicht sich in ein stilles Kämmerchen zu setzen und in Meditation und Reflexion der eigenen Fähigkeiten seine Identität zu finden. Identität ergibt sich vielmehr aus der Interaktion mit anderen Menschen. Bewusste individuelle Fähigkeiten, Rückmeldungen von anderen Menschen, individuelle Erfolgserlebnisse UND erfolgreiches Zusammenarbeiten sind wichtige Bausteine für die Suche nach der eigenen Identität.

Das ist auch der Grund, warum sich Menschen ohne Zwänge zu Gruppen bestimmter Größe zusammenfinden um dieses Bedürfnis zu befriedigen.

Franziska: Das kann ich aus meiner eigenen Arbeit bestätigen. Daher ist es mir auch so wichtig, dass wir uns am Anfang von Projekten dafür Zeit nehmen, die Menschen im Projekt und ihre Motive kennenzulernen. Wenn ich verstehe (und akzeptiere), was für sie sinnvoll ist, kann eine ganz besondere Kraft der Gruppendynamik entstehen. Nämlich, die bei der gemeinsame Arbeit Freude bereitet.

Eberhard: Projektartiges Arbeiten ist eine Form diese Interaktion zu ermöglichen. Letztendlich ist Projektarbeit eine sehr menschliche Angelegenheit. Mein ganz persönliches Verständnis von Führung ist genau dieses zu ermöglichen.

Um nochmal auf das „Menschen sind keine Ressourcen“ zurück zu kommen. Ich weigere mich geradezu, Aufgaben nur nach Effizienzgründen zu verteilen, es ist nicht immer die beste Idee, die Aufgabe dem Schnellsten zu übertragen. Jede/r sollten auch für sich persönlich profitieren können. Unterm Strich habe ich immer wieder bemerkt, dass in der Endabrechnung auch die vermeintlich verschenkte Zeit wieder aufgeholt wird.

Da fällt mir noch was zu meiner Entspanntheit in Sachen Führung ein: Wenn ich an den Beginn meiner beruflichen Laufbahn zurück denke. Als ich sehr schnell leitende Positionen inne hatte und meine Position im Organigramm mich als Führungskraft auswies, kam ich in den Genuss diverser Privilegien. Um ganz ehrlich zu sein, diese Privilegien haben mir durchaus geschmeichelt.

Es hat eine Weile gedauert, diese Privilegien als Teil eines Belohnungs- und Loyalitäts-Test System zu durchschauen. Führungsposition als Selbstzweck war ein wesentlicher Teil dieses Systems. Überspitzt formuliert misst sich das Ego in solchen Systemen an der Höhe der Rückenlehne des Schreibtischstuhls. Das ist leider kein reiner Witz. Der Priestersitz in einer katholischen Kirche hat eine höhere Lehne als die Sitze der Ministranten. Der Bischofssitz im Dom hat eine noch höhere.

Der Manager hat keinen Stuhl sondern einen hochlehnigen Sessel. Wenn ich einen Blick in den leeren Plenarsaal des Bundestags werfe, sehe ich, dass der Sitz von Angela Merkel eine höhere Lehne hat als alle anderen. Über die Lehnen von Thronsitzen muss ich wohl kein weiteres Wort verlieren.

Genug gespottet. Wie gesagt, es hat eine gewisse Zeit gedauert, mich von meinen Privilegien zu lösen. Ich kann heute mit Überzeugung sagen, dass mir Führung als Selbstzweck nicht mehr wichtig ist. Ich kann heute still genießen, wenn ein Projekt ins Rollen kommt.

Und noch ein Gedanke … wer führt sollte sich seiner Haltung und seines Menschenbildes bewusst sein.

Franziska: Kommen wir noch einmal auf Deine aktuellen Projekte zu sprechen. Du bist „Auf den Spuren des Projekterfolgs“. Soll heißen: Du hast eine eigene Studie begonnen, in der Du bereits das Design der Studie selbst mit seinen Hypothesen und der Art der Fragestellung zur Diskussion stellst.

Eberhard: Meine erste Studie zur Projektarbeit liegt nun schon Jahre zurück. Die Studie wurde im Rahmen eines Seminarprojektes an der Universität Mannheim erstellt. Im Fokus standen damals Software Entwicklungsprojekte. Wir hatten uns primär für Methoden, Arbeitsbedingungen und zu einem geringen Teil für die so genannten weichen Faktoren interessiert. Das für mich damals überraschende Ergebnis war, dass wir keine wirklich signifikante Korrelation zwischen Projekterfolg und Methodeneinsatz gefunden haben. In weiteren Untersuchungen hat sich das noch bestätigt.

Gleichzeitig hatte ich die Fragen nach sozialer Interaktion und gruppendynamischen Effekten vertieft. Die mit Abstand stärkste Korrelation zeigte sich dann zwischen Projekterfolg und gruppendynamischer Reife des Projektteams. Die Ergebnisse wurden in der Zeitschrift Objektspektrum veröffentlicht: Warum Projektteams erfolgreicher sind als Projektgruppen.

Die Ergebnisse dieser und einer Nachfolgestudie bestätigen zwar die Wichtigkeit der Gruppendynamik, lassen aber auch Fragen und Zweifel offen. Drei Fragestellungen beschäftigen mich besonders: Wie spielen Methodeneinsatz, Führungsstil und Gruppendynamik zusammen? Gibt es förderliches Verhalten? Gibt es förderliche Methoden?

Prinzipielle Zweifel bewegen mich in Sachen Projektdefinition und Projekterfolg: Reden wir alle vom gleichen wenn wir Projekt oder Erfolg sagen? Genau an dieser Stelle habe ich mich entschlossen nicht mehr im Elfenbeinturm der Wissenschaft zu verbleiben, sondern das Design der Untersuchung in einem offenen Prozess zu gestalten.

Die Entstehung des Forschungsdesigns wird auf openPM zu verfolgen sein. Meinungen und Anregungen sind gefragt. Auf dem PM Camp in Stuttgart hatte ich schon eine Session dazu angeboten, auf dem LifeWorkCamp und dem PM Camp in Dornbirn wird es weitere geben. Die erhobenen Daten der Untersuchung werde ich als Open Source Daten auf openPM veröffentlichen.

Franziska: Leben und Arbeiten gehören zusammen….

Eberhard: Ich muss den Satz von vorne und von hinten ergänzen. „Ich wünsche mir eine Gesellschaft in der wir die begriffliche Trennung von Leben und (Erwerbs)-Arbeiten nicht mehr brauchen.“

Ich habe Arbeit bewusst um „Erwerb“ ergänzt. Es wird immer gelegentlich auch unangenehme Tätigkeiten geben, die sich als Arbeit bezeichnen lassen. Manche dieser Tätigkeiten werden mit Geld entgolten andere nicht.

Ich wünsche mir ein Leben, das von verschiedenen Arbeiten durchdrungen ist. Ich wünsche mir, dass die Überbewertung der „gut dotierten Erwerbsarbeit“ aufhört. Mir ist klar, dass das eine Utopie ist. Jedoch wünsche ich mir zumindest eine Gesellschaft, in der das „Wickeln eines Babys“ den gleichen Respekt erfährt wie das Führen eines Unternehmens.

Franziska: Worin liegt für Dich die Zukunft der Arbeit – die Zukunft von Führung?

Eberhard: *Hmmm (wiege bedächtig den Kopf) Die Frage ist für mich nachrangig. Ich bin der Überzeugung, dass das verbrauchs- und wachstumsorientierte Wirtschaften in absehbarer Zeit am Ende sein wird. Über kurz oder lang werden alle Ressourcen richtig knapp werden. Ich sehe nur einen Ausweg.

Ein nachhaltigeres, kleineres, Energie- und Ressourcen-sparendes Wirtschaften. Damit wird eine Regionalisierung und einen Verkleinerung von Unternehmen einhergehen. In diesen kleineren Strukturen wird die projektartige Arbeit eine wichtige Rolle schließen. Damit schließt sich für mich der Kreis zu dem was ich zu Führung gesagt habe.

Franziska: Du wirst beim LifeWorkCamp in Stuttgart dabei sein. Hast Du schon eine Idee für Deine Session?

Eberhard: Da habe ich schon eine ganze Menge: vielleicht etwas zur Projekt-Untersuchung, das mache ich aber sicher von der Stimmung und Interessenlage abhängig. Vielleicht biete ich auch etwas zu Gruppendynamik, Teamentwicklung und Führung an.

Franziska: Was rätst Du Interessenten? Was ist das Besondere am LifeWorkCamp?

Eberhard: Da ich das erste Mal am LifeWorkCamp teilnehme, fällt mir die Antwort schwer. Ich kann aber sagen was ich mir wünsche: Über meine Utopie in Sachen Leben und Arbeiten habe ich schon etwas gesagt. Ich würde mir wünschen, mit anderen darüber zu diskutieren und ggf. andere Menschen zu treffen, die in ähnliche Richtungen denken.

Franziska: Eberhard, ich danke Dir!

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