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Gut ist uns nicht gut genug. Warum eigentlich?

18.01.2014 – Wir wollen die Besten. Eine alltägliche Anforderung für alle, die ein Team zusammenstellen. Aber wie erkennt man die fähigsten Kandidaten für das Projekt oder gar den festen Job? Vor allem, wenn sich jede/r heute an Eliten messen lassen muss? Wie wäre es zur Abwechslung mal mit gutem Mittelmaß? Mittelmaß hat ja nichts mit Mittelmäßigkeit zu tun, sondern mit der statistischen Normalverteilung. Ein begabter Projektleiter erreicht gemeinsam mit seinen Leuten mehr als genervte Kollegen unter einem genialen Kopf, dem es an emotionaler Intelligenz fehlt.

Neulich prangte seit langem mal wieder eine Stellenausschreibung in meinem Sichtfeld. Neugierig begann ich zu lesen: Ganz supertolles Unternehmen im High-End-Bereich von Soundso sucht High-Potentials: Studienabschluss mit Auszeichnung innerhalb von drei Jahren. Davon fünf Jahre im Ausland. Um die Dreißig mit einer Dekade Berufserfahrung – natürlich in der angestammten Branche. Gut aussehend, rank und schlank plus interessante Hobbys bitteschön. So kann man beim Einstieg ins Bewerbungsgespräch (und später beim Mittagessen) nett über das Handicap und Spinnaker plaudern.

Stellenangebote dieser Art wecken meine Neugier. Ich stelle mir vor, Bewerber erfüllten tatsächlich all diese Kriterien. Ich frage mich: Wie arbeitet es sich in einer Firma voller Überflieger? In meinem Kopf beginnt ein Film: Das Büro befindet sich im 40. Stock. Das verschafft den Überblick über alle anderen. Der Doktortitel auf dem Türschild ist Pflicht. Auf dem Schreibtisch steht ein Erinnerungsfoto, geknipst vor den heiligen Hallen von Harvard oder Oxford. So langsam beschleichen mich Zweifel: Wer nicht aus dem Stegreif 2.876.452 mal 934 löst und im Kopf komplexe Raumstrukturen dreht, fliegt? Wie schätzt man Soft Skills in dieser Gesellschaft ein? Erwartet man von seinen Mitarbeitern zusätzlich ein Pädagogik- und Psychologiestudium? Abgeschlossen selbstverständlich cum laude?

Elite. Mit diesem Begriff schmückt sich natürlich jedes Unternehmen gern. „Wir stellen nur die Besten ein!“. Das würden vermutlich die meisten Personalmanager unterschreiben. Nur noch Einser-Kandidaten. Hm, aber macht das die Fachkraft erfolgreicher am Arbeitsplatz? Es soll ja Menschen geben, die können zwei und zwei nicht zusammenzählen, anderen aber glaubhaft vermitteln, dass fünf als Lösung gar nicht so schlecht ist. Und es gibt sicher viele Jobs, bei denen gerade diese Fähigkeit gefragt ist.

Seien wir mal ehrlich. Die Mehrzahl der Arbeitsplätze und Projekte, die ausgeschrieben werden, verlangen keine Hochbegabung. Die ideale Basis, um sie erfolgreich auszufüllen, sind Fleiß, Zielstrebigkeit und ein gerüttelt Maß an Frustrationstoleranz. Mit einem begabten, engagierten Chef, der die Kompetenzen seiner Mitarbeiter schätzt und sie daher aktiv in die unternehmerischen Entscheidungen einbezieht, erreicht eine Arbeitsgruppe mehr – als unter einem genialen Kopf, der sich nicht kümmert.

Ausschließlich Hochintelligente zu fördern und zu umwerben, bewirkt schnell das Gegenteil. Nämlich Frustration bei allen anderen. Das heißt, Mittelmaß neu schätzen lernen. Tatsache ist: Sowohl Genies als auch geistig völlig Minderbemittelte gibt es nur sehr wenige. Nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit finden sich die meisten Menschen irgendwo um den Durchschnitt. Beim Intelligenzquotienten zum Beispiel wird der Mittelwert als 100 definiert. Die große Mehrheit weist einen IQ zwischen 85 und 115 auf.

Der Großteil der Bevölkerung fühlt sich unter seinesgleichen am wohlsten. Ich weiß nicht, wie es Dir geht, ich arbeite auch lieber mit Menschen zusammen, mit denen ich über die spannenden Dinge des Lebens auf Augenhöhe diskutieren kann – ganz ohne Lexikon. Menschen wie Du und ich, mit tollen Stärken. Und mit sympathischen Schwächen. Mit Gleichgesinnten, die vielleicht nach objektiven Gesichtspunkten nicht zu den Genies oder Hochintelligenten gehören, aber mit so viel Engagement und Begeisterung ans Werk gehen, dass sie Großes vollbringen.


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