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Arbeitswelten: Unter‘s Volk mit Bus und Bahn

18.02.2014 – Nirgends lernen Führungskräfte mehr als beim Mischen unter’s Volk. Bewaffnet mit Kaffee und Bretzel wird allmorgendlich der neueste Klatsch und Tratsch ausgetauscht. Nirgendwo erfahren wir so viel in so kurzer Zeit aus anderen Abteilungen, über Kollegen und Kunden wie beim Feierabendplausch in öffentlichen Verkehrsmitteln. Oder beim gemeinsamen Pendeln mit dem Fahrrad. Selbst für Introvertierte lohnt sich jede autofreie Tour. Zurück an der Basis eignet sich jede Fahrt ideal für Produktstudien. Ob Mode oder Technik, in Bus und Tram oder mit dem Einspurigen kann man bestens beobachten, was gerade in ist.

Wenn sie im Stau stehen und sich über die verlorenen Stunden ärgern, wenn sie nach einem Parkplatz suchen und die Zeit bis zum vereinbarten Termin immer knapper wird, wenn sie die EC-Karte über den Tresen der Tankstelle schieben, dann sind das Momente in denen viele sich schwören: ab Morgen nehme ich die Bahn!

Ja, warum eigentlich nicht?! Weil es regnet. Weil die Sonne zu heiß scheint. Weil wir wieder zu spät dran sind. Es kostet eben doch ein bisschen mehr Planung 8:07 Uhr an der Haltestelle zu stehen, als kurz nach acht ins allzeit bereitstehende Auto zu steigen. Das mit Klimaanlage und der gehobenen Ausstattung. Zugegeben, es macht Spaß, mit 100 Sachen im schicken Flitzer über die Landstraße zu brettern. Im Ohr die Lieblingsmusik aus der Anlage, für die sie nochmal genauso viel bezahlt haben wie für den Rest des Wagens. Vergessen sind dann gute Vorsätze.

60% aller Berufstätigen fahren in Deutschland mit dem Auto zur Arbeit. Umweltfreundlich ist das nicht. Und gesellschaftlich (oder sollte ich lieber gesellig schreiben?) erst recht nicht. Wie wäre es, das Geld fürs Parkhaus gleich in die Fahrt zu investieren? Wir kommen nicht nur entspannter im Büro oder beim Geschäftspartner an, wir haben was anderes gesehen, uns den Hauch der Großstadt um die Nase wehen lassen.

Ausgerüstet mit Kaffee und Bretzel treffen sich Pendler zum allmorgendlichen Frühstück. Zwischen Zeitung-lesenden und auf ihr Smartphone starrenden Passagieren tauschen sie sich angeregt über ihre Arbeit, aber auch Urlaubsziele und den neuesten Tratsch & Klatsch aus. Nirgendwo erfahren wir so schnell so viel aus anderen Abteilungen, über Kollegen und Kunden wie beim Feierabendplausch in der Bahn. Gerade für Workaholics kann dabei sehr heilsam sein, sich zu einer bestimmten Uhrzeit zur Heimfahrt zu verabreden. Sie kommen erst gar nicht in Versuchung, die nächste Überstunde aufzubauen. So sehen sie auch mehr von Freunden und der Familie.

Zurück an der Basis eignet sich die Tour zudem ideal für Produktstudien. Ob Mode oder Informationstechnologie, in öffentlichen Verkehrsmitteln können wir bestens beobachten, was zurzeit in ist. So weißt Du schon lange vor dem Mitbewerb, was bei Verbrauchern ankommt.

Statt Manager auf ein eintägiges Führungskräfte-Seminar zu schicken, macht es also durchaus Sinn, das Budget in Monatskarten für den öffentlichen Nahverkehr oder auch Fahrräder als Dienstfahrzeuge zu investieren. Im direkten Gespräch können wir auf Augenhöhe für die eigenen Ideen werben. Entscheidungen werden so den Ruf des “Elfenbeinturms” von allein verlieren. Es entsteht Verständnis für die Wünsche, Sorgen und Nöte des jeweils anderen.

Nicht mehr mit dem Auto zur Arbeit zu fahren bedeutet, die individuelle Isolation bewusst aufzugeben. Es kostet Mut, sich der Belegschaft und Kollegen anzunähern. Keine Frage, wir müssen uns dann auch kritischen Themen stellen. Aber mal ehrlich, ist es nicht einfacher, sich mit drei, vielleicht vier Kollegen im Abteil zu unterhalten als vor 500 Personen eine schmissige Strategie-Rede zu halten?

Den Kontakt zum Fußvolk suchen. In einer Fachzeitschrift blättern. Wonach uns am Tag selbst auch immer der Sinn steht: Die Zeit ist sinnvoll genutzt. Die nächste Litfasssäule gibt den Impuls für einen Konzert- oder Kinobesuch. Der Supermarkt liegt auf dem Weg. Selbst für den Spielertyp ist etwas dabei: Wer will, kann seine persönliche Statistik aufstellen, ob es beim Ticket ziehen nutzt, dass man die Münze vor dem Einwurf kurz am Automaten rubbelt.

Für mich steht jedenfalls seit Jahren fest: Ich fahre Bahn, mit dem Rad oder gehe auch zu Fuß.

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