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Inklusion. Nur in cool. Im Gespräch mit Johannes Mairhofer

29.03.2017 – Barrierefreiheit steht u. a. für den freien Zugang zu Wissen und Teilhabe. Dahinter verbergen sich gesellschaftliche Themen, wie beispielsweise unsere Haltung, unser Menschenbild, das Akzeptieren von Vielfalt. Es beinhaltet weiterhin Infrastruktur-Themen wie Stadt- und Verkehrsplanung sowie Netzpolitik. Schließlich geht es um komfortables Leben und Arbeiten für alle Generationen. Ich unterhalte mich mit Johannes Mairhofer über digitale Barrierefreiheit und die Idee für ein UnityCamp. Und warum Barrierefreiheit nicht nur ein Nischenthema im Zusammenhang mit Inklusion ist.

Franziska:


Hallo Johannes. Willkommen bei uns!

Schon eine ganze Weile verfolge ich Dein reges Tun via Twitter. Für alle, die Dich nicht kennen, eine kurze Vorstellung: Du arbeitest als freier Dozent und Berater für die Themen WordPress, Social Media und digitale Barrierefreiheit. Zu Deinen Fachthemen berätst Du Fotografen, Schauspieler, Freiberufler oder kleine Start-ups im 1:1 Gespräch oder unterrichtest z. B. an der Volkshochschule.

Um für Abwechslung und den Spaß zu sorgen, bist Du bei verschiedenen BarCamps als Teilnehmer oder Helfer dabei. Ganz aktuell initiierst Du das UnityCamp – derzeit noch ein Arbeitstitel – bei dem es um gesellschaftliches Miteinander und gegenseitige Akzeptanz geht. Darauf kommen wir gleich noch einmal zurück.

Wie viele Unternehmer bist Du also sehr umtriebig. Welche Themen und Fragen beschäftigen Dich zurzeit am stärksten?

Johannes:


Alles richtig bisher :-) Danke das ich hier sein darf.

Zu den Themen: Das variiert. Ich mag die Abwechslung und nicht immer dieselbe Tätigkeit durchführen. Vor zwei Jahren war es noch die Fotografie, mittlerweile beschäftige ich mich vermehrt mit digitalen Themen, Social Media und auch ein bisschen mit gesellschaftlichem Miteinander.

Digitale Barrierefreiheit und die Sache mit der Filterbubble

Bei der digitalen Barrierefreiheit geht es darum, Dokumente und Webseiten möglichst allen Menschen auf möglichst vielen Geräten zugänglich zu machen. Und mit allen Menschen meine ich nicht nur Menschen mit Behinderungen, sondern ich denke, es wird für immer mehr Menschen wichtig und relevant. Ganz banales Beispiel: In der U-Bahn ist der Empfang schlecht, da möchte ich z. B. Websites ohne Bilder laden, damit es schneller geht.

Außerdem ist da noch das Ding mit der Filterblase: Im Netz leben wir alle in Filterblasen. Alles, was außerhalb der Blase passiert, bekommen wir selten oder gar nicht mit. Das Thema der digitalen Barrierefreiheit taucht leider viel zu oft nur in einem Segment meiner Blase auf, das sich mit Inklusion beschäftigt. Dabei ist es meiner Meinung nach ein Thema, das uns alle — egal ob behindert oder nicht — tangiert.

Spätestens wenn die ersten Gebrechen auftauchen, wird uns bewusst, wie viel wir über die verschiedenen Kanäle kommunizieren. Wir sollten dies allen Menschen ermöglichen. Digitale Barrierefreiheit denken – nicht, weil wir müssen, sondern einfach, weil wir’s können. Und auch hier nicht nur die Gebrechen und Sonderfälle, sondern auch für Situationen wie die besagte U-Bahn. Oder stell dir vor, die Sonne ist zu grell, Du willst trotzdem mit Google Maps nach Hause finden: Zack, Sprachsteuerung.

Franziska:


Dem kann ich nur zustimmen. Da ich selbst Websites programmiere und mich gerade in die Thematik des responsive Webdesign einarbeite, weiß ich jedoch auch, dass das gar nicht so trivial ist.

Websites mit wenigen kleinen Kniffen barrierearm gestalten

Johannes Mairhofer, 2017 im März, fotografiert von Sandra Schink

Johannes:


Ja und nein. Es gibt ein paar Punkte, mit denen ohne viel Aufwand die eigene Website zumindest barrierearm gemacht werden kann. Diese sind z.B.:

  • Inhalte für mindestens 2 Sinne verfügbar machen.
  • Bilder mit Bildbeschreibung und alt-text versehen. In WordPress geht das z. B. ganz einfach im WordPress Editor
  • Videos mit Untertiteln versehen. YouTube kann das bis zu einem gewissen Grad sogar automatisch.
  • Einfache Sprache verwenden und Texte sinnvoll gliedern.
  • Überschriften als Überschrift (h1, h2, …) definieren und nicht nur fett formatieren.
  • Überschriften hierarchisch ordnen. Wenige h1, dieser Hauptüberschrift der Seite dann Überschriften der nächsten Stufe (h2, h3 etc) unterordnen.
  • Aufzählungen wie diese hier mit Aufzählungszeichen anstatt mit – (Minus) umsetzen.
  • Inhalt und Design trennen. So kann z. B. mit einem Wechsel der CSS Daten der Kontrast erhöht, die Schriftart vergrößert oder die Seite ohne Bilder geladen werden.


Wenn diese Punkte eingehalten werden, kann z. B. eine Screenreader Software die Website besser ‘verstehen’ und somit übersetzen. Überschriften und korrekte Aufzählungszeichen ermöglichen das einfachere Navigieren etc.

Franziska:


Danke für die wertvollen Tipps.

Johannes:


Gerne. Zudem beschäftige ich mich mit Arbeit und der Zufriedenheit mit Arbeit. Ich frage mich beispielsweise, warum so viele Arbeitnehmer 40 Stunden die Woche – das muss man sich mal vorstellen – irgendwas tun, was sie eigentlich gar nicht wollen. Noch schlimmer. Ich zitiere Tyler Durden aus ‘Fight Club’, der sinngemäß sagt:

“Von dem Geld, das wir nicht haben, kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen, um Leuten zu imponieren, die wir nicht mögen.”

Lebens- & Arbeitswelten mit Zukunft und der ideale Rahmen für Freude an der Arbeit

Franziska:


Stimmt, für viel zu viele Menschen trifft das heute noch zu. Einer der Gründe und weiterer Motivator für EnjoyWork. Ich leiste einen Beitrag dazu, dass die Alternativen bekannter werden. Eine meiner Grundüberzeugungen ist, dass aus Kompetenz, Freude an der Arbeit und aus Überzeugung Erfolg entsteht.

Frei interpretiert und assoziiert: Was verbindest Du mit Lebens- & Arbeitswelten mit Zukunft?

Johannes:


Lebens- & Arbeitswelten mit Zukunft bedeutet mir, einer Arbeit nachzugehen, die mich zufrieden macht. Ich versuche das immer wieder. Dadurch, dass ich neugierig bin und bleiben möchte, führt das zwar dazu, dass ich selten lange der gleichen Tätigkeit nachgehe, aber so bleibt es spannend :-)

Johannes Mairhofer, 2017 im März, fotografiert von Sandra Schink

Franziska:


Was ist aus Deiner Sicht der ideale Rahmen für Freude an der Arbeit?

Johannes:


Das kann nur jeder für sich selbst entscheiden. Für mich ist es Vielseitigkeit, Herausforderung und Kommunikation. Jeder ist hier seines Glückes Schmied. Christopher Lauer sagt wunderbar in seinem Twitter Profil

“In den letzten 30 Sekunden Deines Lebens wird niemand erscheinen, der Dir ‘nen Preis für ein besonders langweiliges Leben verleihen wird …”

Humor hilft in der zwischenmenschlichen Kommunikation

Franziska:


Lass uns den Aspekt “Kommunikation” noch einmal in Bezug zu Deinem Fachthema Barrierefreiheit setzen. Uns Menschen ohne Behinderungen fällt es oft schwer, mit Menschen mit Behinderungen umzugehen. Das liegt auch an den Berührungsängsten. Wir wissen nicht so recht, wie wir uns angemessen verhalten sollen. Ich fühlte mich lange wie ein Elefant im Porzellanladen … etwas tapsig und stets in Gefahr, einen Fettnapf umzuwerfen.

Nun ist nicht jeder Mensch gleich, eh klar. Du schaust 2D in unsere Welt und gehst selbstbewusst damit um: Ein Auge ist genug. Wie geht man mit Dir am besten um? Was macht es Dir einfach(er) im Umgang mit Menschen?

Johannes:


Humor. Wer sich selbst zu ernst nimmt, hat meiner Meinung nach was falsch gemacht. Ich kann über Behindertenwitze lachen. Ein Thema, das ich gern auch als Session auf dem UnityCamp sehen würde.

Ich möchte betonen, dass es für mich so funktioniert. Es gibt aber auch Menschen, die das nicht können. Das gilt übrigens nicht nur für Menschen mit Behinderung, es gibt auch viele humorbefreite Menschen ohne Behinderung.

Franziska:


Oh ja ;-)

Meiner Erfahrung nach kommt die für Homor notwendige Gelassenheit durch wohlwollende Selbstreflexion. Und damit meine ich nicht den Abgleich zwischen an mich gestellten Anforderungen und meiner Fähigkeit, “zu funktionieren”. Ich meine die eigene Reise des Verstehens, die mir erlaubt, mich als Person und im Spiegel der Gesellschaft zu erkennen.

Etwas pragmatischer: Ich lernte viel über mich und den Umgang mit Menschen mit Behinderungen durch mein ehrenamtliches Engagement für ein Matinee-Projekt des Inklusiven Kinder- und Jugendhauses VILLA e. V. und für BeSINNungen: Blinde Menschen öffnen uns die Augen, ein inklusives Projekt der Stuttgart Connection. Es half mir, Dinge zu hinterfragen, von denen ich bis dato glaubte, dass sie so und so gemacht werden müssen, um gut zu sein. Nur ein Beispiel sind Protokolle. Für Menschen mit Sehbehinderung protokollierten wir Arbeitsergebnisse anders.

Ruf mich nicht (unangekündigt) an!

Nur weil Menschen mit Sehbehinderung es möglicherweise etwas schwerer haben, Dinge zu lesen, heißt das jedoch noch lange nicht, dass sie stets zum Telefonhörer greifen. Du hast beispielsweise eine gewisse Aversion gegen das Telefonieren entwickelt.

Johannes:


Ja :-)

Einen Anruf empfinde ich als Störung, es reißt mich immer aus dem, was ich gerade tue, raus. Egal, ob das Arbeit ist, Interviewfragen beantworten [ :-) ] spazieren gehen oder Bier trinken. Der (unangekündigte) Anruf stellt seine Probleme und Zeit damit immer über meine eigene und “überfällt” mich. Cold-Call Werbeanrufer nutzen eben genau das, um ihren Kram zu verkaufen. Das mag arrogant klingen, im verlinkten Text schreibe ich das etwas ausführlicher.

Wer mit mir Kontakt aufnehmen will, hat zahlreiche Social Media, um mich zu erreichen: Facebook Messenger, WhatsApp, Twitter, E-Mail und wenn’s sein muss auch über SMS. Ich reagiere meistens schnell. Und ich treffe mich auch sehr gern direkt und live.

Johannes Mairhofer, 2017 im März, fotografiert von Sandra Schink

Franziska:


Der Impuls für unser Gespräch entstand via Twitter. Unter dem Arbeitstitel Barrierefrei raus aus der Filterblase – Ideen zu einem UnityCamp rufst Du auf, ein BarCamp für Menschen mit und ohne Behinderungen zu organisieren.

Gesellschaftliche Vielfalt, Diversität, Einhornzüchter und Verrückte

Johannes:


Meiner Erfahrung nach ist das Thema Inklusion noch zu oft und zu tief in einer Nische bzw. Filterblase. Und der Begriff ist auch nicht gerade sexy. Viele assoziieren Inklusion eher mit einer alten muffigen Amtsstube als mit einem hippen fancy und coolen Thema.

Außerdem will ich eben nicht nur diese “Behindertenblase” öffnen, sondern allgemein das Thema der gesellschaftlichen Vielfalt dort sehen. Also z. B. auch Transgender, Freigeister, Anders- und Querdenker, Einhornzüchter und Verrückte. Einfach um die Menschen aus ihrem Horizont zu holen und zu zeigen: Hey, der eigene Weg ist zwar vielleicht ok, aber nicht der einzige.

Kurz gesagt: Es soll der Mensch, sein Wissen und sein Charakter im Vordergrund stehen. Es soll um gesellschaftliches Miteinander und fairen Umgang jedem Individuum gegenüber gehen. Das Anerkennen von anderen und die Akzeptanz von unterschiedlichen Meinungen und Lebensformen.

Organisation und Finanzierung eines BarCamps

Franziska:


Ein Themen-BarCamp zu organisieren ist jetzt zwar kein Hexenwerk, doch erfordert es schon ein hohes Maß an Engagement. Woher ziehst Du die Kraft? Was ist Dein Motivator?

Johannes:


Kurz gesagt: Ich hab einfach Bock drauf.

Franziska:


;-)

Wer oder was hilft Dir dabei? Und wie kann man Dich unterstützen?

Johannes:


Bis jetzt ist das UnityCamp nur eine Idee. Um es umsetzen zu können, brauche ich eine(n) CoOrga, die/der mit mir zusammen die Vorbereitung übernimmt. Außerdem eine barrierefreie Location und eine Firma oder einen Verband, der die Finanzen abwickelt. Es geht da nicht darum, alles zu zahlen. Dafür werden Sponsoren gesucht. Diese juristische Person stellt aber z. B. die Rechnungen an Sponsoren aus und zahlt die Rechnungen von Catering etc. So etwas möchte ich ungern über mein Freiberufler-Konto laufen lassen, das ist gut in einer Firma oder einem Verein angesiedelt.

Franziska:


Diesen Aspekt kann ich gut nachvollziehen. Mit einem BarCamp jonglieren die Organisatoren mit nicht unerheblichen Finanzen. Ohne ein ausgeklügeltes Geschäftsmodell und eine fundierte wirtschaftliche Basis würde ich keinem raten, ein BarCamp mal eben aus dem Boden zu stampfen. Das weiß ich aus der Erfahrung in der Organisation vom EnjoyWorkCamp, den PM Camps und anderen Unkonferenzen, die ich in der Organisation und Moderation coache und berate.

Was ein BarCamp zu einem BarCamp macht

Das ist jedoch alles machbar und sollte niemanden abhalten. Denn der gemeinsame Nutzen übersteigt diesen Aufwand um ein Vielfaches. Ich gehöre zu den Anhängern dieses Veranstaltungsformates. Weil es Menschen zusammenbringt, die sich für das Thema interessieren. Gleichzeitig öffnet es den Raum, das BarCamp aktiv zu gestalten. Das ist kein Gimmic, das ist Programm. Es setzt Energie frei. Was ist für Dich das Besondere?

Johannes:


Ja, sehe ich genauso. Dadurch, dass jeder Teilnehmer gleichzeitig nicht nur Gast sondern auch Mitmacher, Referent, Workshop-Leiter etc. ist, findet ein großer Wissenstransfer statt. Jeder gibt und nimmt auch was mit.

Franziska:


Weißt Du noch, wann Dein erstes BarCamp war?

Johannes:


Ja, Isarcamp 2013.

Franziska:


Als Moderator und Organisator: Worauf achtest Du? Was sind für Dich Kernelemente eines BarCamps, die ein BarCamp erst zum BarCamp machen?

Johannes:


Ach, Moderator muss ich gar nicht sein. Da suche ich noch jemand und hab auch schon jemand im Sinn. Verrate ich dann, wenn die Zusage kommt :)

Kernelemente des Orga-Teams sind, einen guten Rahmen zu schaffen und den Leuten Lust drauf zu machen, eine Session abzuhalten. Die Orga kümmert sich um den Rahmen: besorgt einen Raum, Getränke, bestenfalls ein gutes Mittagessen. Der Inhalt kommt von den Teilnehmern.

Franziska:


Dann hoffe ich, dass es mit dem UnityCamp klappt. Was wünschst Du den Menschen, die dabei sein werden?

Johannes:


Spaß :)

Franziska:


Vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

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Vielen Dank an Sandra Schink für die tollen Fotos!

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Dieser Artikel wurde verschlagwortet mit: Lebenswelten, Arbeitswelten, Inklusion, Barrierefreiheit, Vielfalt, digitale Transformation, Webdesign, Wissen, Teilhabe, BarCamp, UnityCamp, Organisation



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