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Leben & Arbeiten im Einklang: Nachhaltiger Ramadān (3/3)

14.07.2013 – Wir alle freuen uns, wenn Menschen an unsere Feste denken, die nicht unsere Konfession teilen. Ein Ramadān Kareem und vor allem ein Eid Said zum Zuckerfest wird daher muslimische Kollegen und Geschäftspartner besonders erfreuen. Zur Religionsfreiheit gehört auch das Achten von Traditionen unserer Mitmenschen. Was können Führungskräfte, Kollegen und Geschäftspartner tun, um den Ramadān in ökologischer, ökonomischer und auch sozialer Form nachhaltig zu gestalten? Was zu (be)achten ist – für beide Seiten – in Bezug auf Arbeitsschutz, Arbeitszeiten, Mahlzeiten, offenem Dialog und Arbeitsrecht.

Zum Ramadān und zum Zuckerfest gratulieren

Muslime freuen sich, wenn auch ihre nichtmuslimischen Nachbarn an ihre Feste denken. So wie Muslime Christen frohe Weihnachten wünschen, so ist es seit Jahren gebräuchlich, dass Kirchen und Staatsoberhäupter den muslimischen Verbänden zum Ramadān gratulieren. Doch nicht jeder Muslim praktiziert seinen Glauben oder gar das strenge Fasten im Ramadān. Was gut gemeint ist kann also dennoch unsensibel beim Gegenüber ankommen. Dies lässt sich durch (angemessene) Beobachtung und ein offenes Wort unter Kollegen sensibel in Erfahrung bringen.

Hat man es mit einem praktizierenden Muslimen zu tun, wünscht man zu Beginn bzw. während des Ramadāns einen gesegneten / segensreichen / besinnlichen / guten / schönen Ramadān. Auf Türkisch: Hayırlı Ramazanlar. oder auch İyi Ramazanlar. Auf Arabisch: Ramadan karim. Dies scheint jedoch weniger üblich zu sein.

Nachbarn, Freunde, Kollegen und Geschäftspartner wird es besonders freuen, wenn Du am das Ende des Fastenmonats (heuer also am 9. August 2013) an sie denkst. Zum sogenannten Zuckerfest wünscht man sich ein gesegnetes / frohes / schönes Fest, türkisch: Bayramınız mübarek olsun; arabisch: Eid Mubarak oder Eid Said.

Religionsfreiheit bietet die Chance zum Entschleunigen und dadurch höherer Produktivität

Zugegeben, mir wäre lieber, wenn Moslime in der Fastenzeit Wasser zu sich nehmen könnten (siehe Folge 2 zu dieser Serie über nachhaltigen Ramadān). Doch dies ist grundsätzlich erst einmal nicht erlaubt. Über die Grundregel hinaus kann jeder praktizierende Moslem die Strenge, mit der er die Regel einhält, selbst entscheiden.

Die Produktion der Mannschaft muss nicht leiden durch die Gebetspausen und die durch aufgrund der Enthaltsamkeit nötigen Pausen. Methoden, wie beispielsweise die Pomodoro-Technik, kann sogar die Produktivität und Leistungsfähigkeit erhöhen. Lösen sich kürzere aktive Phasen mit Pausen ab, arbeitet es sich deutlich konzentrierter und effektiver. Die Tradition des Ramadān kann also dabei unterstützen, diese Methoden zu erlernen und zu üben.

Essens- und Getränkeduft am Arbeitsplatz vermeiden

Wer in Großraumbüros und Fabrikhallen arbeitet kennt es: plötzlich duftet es verführerisch nach Kaffee, Tee oder Essen. Für Menschen, die fasten ist dies eine Qual. Vermeide also aus Rücksicht auf Deine Kollegen Düfte am Arbeitsplatz und lüftet regelmäßig. Dabei sollte es erst recht eine Selbstverständlichkeit sein, keine (halb) leer gegessenen Teller im Büro oder der Küche/Kochnische stehen zu lassen. Dies gilt natürlich nicht nur für den Ramadān.

Es wäre ebenfalls eine gute Gelegenheit, die Belüftungsanlage der Mensa/Kantine zu prüfen und bei Bedarf in Stand zu setzen. In vielen Häusern beobachte ich, dass bereits in den Vormittagsstunden der Mief der (ohnehin ungesunden) Friteuse und andere Gerüche durch das ganze Gebäude wabert. Das ist wieder eine Maßnahme, die allen Kollegen nutzt.

Flexible Arbeitszeiten, Orte der Entspannung und Betriebsärzte unterstützen beim veränderten Tagesablauf und Arbeitsschutz

Viele der praktizierenden Muslime stehen zwischen 4 und 5 Uhr morgens auf, um vor Tagesanbruch noch ausreichend zu trinken und zu essen. Erst mit Einbruch der Nacht dürften sie wieder ihren Durst löschen und Nahrung zu sich nehmen. Die Zeit zwischen Morgengrauen und Sonnenuntergang ist sehr lang – gerade jetzt in den Sommermonaten können dies in Deutschland bis zu 17 Stunden sein. Die Nächte hingegen sind um so kürzer.

Die reinigende Wirkung des Fastens erfordert also viel Kraft. Lasse daher möglichst individuelle Ruhe- und auch Schlafzeiten zu. Idealerweise stehen dafür Rückzugsorte und gelernte Rituale wie „stille Stunden“ zur Verfügung. Auch dies ist wieder etwas, das im Grunde die Leistungsfähigkeit der gesamten Belegschaft dauerhaft stärken kann.

Arbeitgeber tendieren in Deutschland oft dazu, Entscheidungen für die Belegschaft zu treffen. Diese sind in der Regel gut gemeint. Doch gut gemeint ist nicht (immer) gut gemacht. Viel wichtiger ist aus meiner Sicht, mit den Betroffenen und ihren Arbeitskollegen ins Gespräch zu gehen. Sie können sich gemeinsam mit Betriebsärzten beraten, wie sich Fasten und Arbeit miteinander vereinbaren lassen.

Unterstütze flexible Arbeitseinteilung für die Mitarbeiter. Vor allem bei körperlich anstrengenden Arbeiten oder an heißen Arbeitsplätzen sind ausreichend Pausen wichtig. Der Verzicht auf Getränke birgt gesundheitliche Risiken wie Austrocknen, Kreislaufschwäche, Erschöpfung. Aufgrund von Konzentrationsstörungen erhöht sich zudem die Unfallgefahr. Hier bewähren sich Teams und Gruppenarbeit bei der die Kollegen auch untereinander Acht geben und Aufgaben flexibel untereinander einteilen können.

Die zwischenmenschliche Kommunikation fördern, Problembewusstsein und akzeptiere schaffen und die von der Belegschaft erarbeitete Lösung unterstützen: Das sind die Erfolgsfaktoren für ein Arbeitsklima, in dem jede/r gern und fleißig arbeitet. Als Arbeitgeber muss man nicht jedes Problem individuell lösen. Im Gegenteil: verstehen sich die Frauen und Männer als Gemeinschaft kann langfristig ein Arbeitsklima des Vertrauens und nachhaltigen, unternehmerischen Denkens aufgebaut werden.

Glaube versus Gehorsam – Kündigungsgrund Religion?

Kommen wir zu den etwas heikleren Fragen, zum Beispiel inwieweit Arbeitnehmer aus Glaubens- oder Gewissenskonflikten Anordnungen verweigern dürfen. Dies hängt von den einzelnen Umständen ab. Höchstrichterlich sind bislang nur wenige Fälle entschieden worden.

Im Jahr 2002 entschied beispielsweise das Landesarbeitsgericht Hamm (Nordrhein-Westfalen), dass Moslems nicht ohne das Einverständnis ihres Arbeitgebers zusätzliche Gebetspausen einlegen dürfen. Eine mögliche Lösung für alle Beteiligten könnte also sein, eine Ausnahmeregelung für den heiligen Fastenmonat, den Ramadān, zu gewähren. Dies signalisiert: Wir respektieren Euch.

Die meisten Menschen sehen ihr eigenes Weltbild unbewusst als allgemeingültig an. Ich empfehle daher stets den offenen Dialog und Respekt vor den Wünschen des jeweils anderen. Nehmen wir das Beispiel eines jungen Moslems aus Schleswig-Holstein: Er war als Ladenhilfe beschäftigt und weigerte sich strikt, alkoholische Getränke in die Verkaufsregale zu räumen. In so einem Fall lässt sich doch mit Sicherheit gemeinsam mit Kollegen ein Tausch realisieren bevor der Konflikt eskaliert. Werben sie für Toleranz und Offenheit für die Bedürfnisse des Einzelnen und der Gruppe.

Immer wieder sorgen auch Fragen der Kleiderordnung für öffentliche Diskussionen. Im August 2010 erklärte beispielsweise das Bundesarbeitsgericht die Abmahnung einer Erzieherin aus Baden-Württemberg für rechtens, die im Kindergarten ihr Kopftuch nicht ablegen wollte. In einem anderen Fall wurde das Arbeitsverhältnis zwischen einer Muslimin einvernehmlich beendet, die darauf bestand, mit einer Burka verschleiert in der Frankfurter Stadtverwaltung zu arbeiten.

Der Arbeitsrechtler Gregor Thüsing von der Universität Bonn betont: “Grundsätzlich ist der Arbeitsplatz kein religionsfreier Raum”. Religionsfreiheit dürfe nur nicht dazu führen, dass arbeitsvertragliche Pflichten nicht erfüllt werden. “Wie viele Zugeständnisse der Arbeitgeber machen muss, ist eine Abwägung im Einzelfall.” Niemand sei gezwungen, gegen sein Gewissen zu handeln. “Die Frage ist immer, kann ich deswegen gekündigt werden, weil ich persönlich ungeeignet bin für die Tätigkeit und ist es dem Arbeitgeber zumutbar, diese Leistungen anderen zuzuweisen.”

Letztlich geht es um ein Miteinander in dem jeder Zukunft gestalten kann. Zeige, dass Du kein Verständnis Fanatismus oder gar Antifaschismus hast. Lebe eine Kultur der Vielfalt. Diversität erhöhrt die Zahl und Varianz der Ideen und Lösungsansätze für Eure tägliche Arbeit. Ein Fundus aus dem Ihr gemeinsam schöpfen könnt.

Vertrauenskultur und Kultur des Miteinander gestaltens

Von Muslimen zum Fastenbrechen eingeladen zu werden, ist eine große Ehre. In der Regel ist es die Gelegenheit, einen schönen Abend mit herzlichen Gastgebern zu verbringen. Familien und Moscheegemeinden laden ein, aber auch immer häufiger Institutionen und Kulturvereine. Wer also eingeladen wird, der sollte wenn möglich annehmen. Und das Gastgeschenk? Datteln natürlich!

Viele islamische Verbände stellen den Fastenmonat unter das Motto „Nachbarschaft“ oder „Fest der Vielfalt“. Als Beispiel stellvertretend für zahlreiche Aktionen seien die Nächte des Ramadān in Berlin genannt. Es präsentieren sich ganz unterschiedliche muslimisch geprägte Kulturen. In der Metropole mit dem größten muslimischen Bevölkerungsanteil in Deutschland, ist das Kulturfestival fest im Veranstaltungskalender verankert. Vereine laden ein, neue Orte zu entdecken und sich kennenzulernen.

Im Sinne eines Corporate Social Responsibility oder Public Private Partnership kannst Du diese Idee intern aufnehmen. Wie wäre es beispielsweise, Mitarbeitern in der Zeit des Ramadan (und auch darüber hinaus) ein bis zwei Stunden pro Monat für ehrenamtliche Arbeit oder Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen?

Spreche die jeweiligen Mitarbeiter an und laden sie die interessierten Kollegen und Geschäftspartner vor Ort zu einem gemeinsamen Fest der Kulturen ein. Sie werden überrascht sein, welche Wirkung dies langfristig auf den Zusammenhalt und das Arbeitsklima im Unternehmen hat (siehe auch meine persönliche Geschichte im Auftakt-Artikel zu dieser Miniserie „Nachhaltiger Ramadān“).

In diesem Sinne: Ramadān Karim! Ich wünsche uns einen friedlichen und besinnlichen Ramadān sowie allen (praktizierenden) Muslimen ein glückliches Zuckerfest ab dem 9. August 2013,


Dieser Beitrag ist der dritte Teil der Folge “Nachhaltiger Ramadān” den ich unter den Fokus von Leben und Arbeiten im Einklang gestellt habe:

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Dieser Artikel wurde verschlagwortet mit: Ramadan, Fasten, Fastenzeit, Unternehmenskultur, Diversität, Vielfalt, Kultur, Toleranz, Religion, Tradition, Mitbestimmung, Respekt, selbstbestimmt Leben, selbstbestimmt Arbeiten, Führung, Personalentwicklung, Motivation



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