Vier Tage Chaos – Ein Ende ist nicht abzusehen #30c3

04.01.2014 – Willkommen 1984! Alle Jahre wieder findet zwischen Weihnachten und Neujahr der Chaos Communication Congress statt. Zum dreißigsten Treffen reisten mehr als neuntausend Teilnehmer auf Einladung des Chaos Computer Clubs nach Hamburg. Ein Besucher-Rekord. Diese Gravitation wurde hauptsächlich durch den „Snowden-Effekt“ ausgelöst. So beschäftigten sich auch die Mehrzahl der Redner des Kongresses mit technischen, gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen rund um Datenschutz, IT-Sicherheit, Überwachung, Geheimdienste. Zentrale Botschaft der Impulsgeber: Die Macht liegt in unseren Händen.

Seit nunmehr dreißig Jahren trifft sich das Who-is-Who der Nerds alljährlich in Deutschland. So richtig ist mir dies letztes Jahr bewusst geworden. Doch kaum hatte ich begonnen besser zu begreifen, was mit unserem virtuellen Leben heute aus Sicht der IT-Spezialisten verbunden ist, kam die Meldung, die mich zutiefst berührt hat: Der Freitod von Aaron Swartz. Am 22.01.2013 verfasste ich meinen ersten Weckruf für eine sinnvolle Netzpolitik.

Heute schaue ich erschüttert auf Monate voller Enthüllungen zurück, die mich und die Netzwelt in Atem halten. Ich muss erfahren, dass die Bundesrepublik bei weitem kein so souveräner Staat ist wie ich bisher dachte. Zugegeben: Es ist kompliziert. Dennoch kann ich nur enttäuscht zusehen, wie wenig Volksvertreter mit Rückgrat und Mut es in Deutschland gibt. Zumeist wird von den Spitzenvertretern Deutscher Politik kommunikativ derart herumgeeiert, dass ich mich irritiert frage: Wollen die uns für dumm verkaufen oder wissen sie es nicht besser?

Der „Snowden-Effekt“

Ich sehe aber auch, dass sich eine weltweite Bewegung auf den Weg gemacht hat, sich das Netz zurückzuerobern. Edward Snowden ist es nicht zuletzt mit Hilfe seiner zahlreichen Unterstützer gelungen, „Freiheit und Sicherheit in der Internetwelt“ zu thematisieren. Sie werfen nicht wirklich Neues auf. Es gelingt ihnen jedoch, uns wieder für wichtige Themen der Gesellschaft zu sensibilisieren – und viele Menschen zu mobilisieren.

Dies zeigt sich am Gravitationsfeld, dass der 30th Chaos Communication Congress (30c3) ausübte. 2013 folgten mehr als neuntausend Frauen und Männer der Einladung des Chaos Computer Clubs, kurz CCC. Computerspezialisten, Internet-Fachleute, Systemadministratoren, Social Media Experten, Wissenschaftler, Datenschutz-Beauftragte, Menschenrechts-Berufene, Journalisten und Interessierte pilgerten zwischen den Jahren nach Hamburg ins Mekka der Hackerszene.

Via Web schalteten sich dem Kongress Redner aus der ganzen Welt zu. So gehören die Keynote von Glenn Greenwald und der Aufruf von Julian Assange, sich international zusammenzutun sicher ebenso zu den Höhepunkten wie die Reden, die vor Ort aufgezeichnet und nun veröffentlicht wurden (meine Auswahl zu Grundverständnis der Problematik so wie rund um Gemeinwohl und unternehmerische Verantwortung siehe unten).

Rund um die Uhr Live-Berichterstattung – die Vorzüge des Internets

Der Gruppe der Netzaktivisten schloss ich mich an. Sehr komfortabel musste ich dafür nicht eigens in die Hansestadt reisen. Teilweise saß ich stundenlang am Bildschirm und verfolgte eine Rede nach der anderen. Oft waren neben mir mehr als sechshundert Nutzer im selben Stream verbunden. Da es nicht nur diverse Kanäle für die Direktübertragung zu einem Vortrag, sondern auch zahlreiche Referate parallel zu sehen gab, gehe ich von über 10.000 tatsächlichen Live-Teilnehmern des Chaos Communication Congresses aus.

Vier Tage lang konnten wir die 170 Fachvorträge vom Schreibtisch oder Sofa aus verfolgen. Ein Gefühl von Einsamkeit kam dabei nie auf. Ich stand virtuell in Kontakt mit den Moderatoren, den Engeln und Teilnehmern. Es sind die Vorzüge der IT-Welt, von denen ich profitiere.

Vielen Dank an dieser Stelle für die professionelle Organisation des 30c3. Rund um die Uhr Livestreaming – bereits jetzt, da ich diesen Beitrag veröffentliche – mehr als 100 Videos der Vorträge online. Das ist spitze!

Erobern wir uns das Netz zurück

Seit Menschengedenken fürchten Herrscher um ihre Macht. Sie setzen Spitzel ein, um Trends wie Gefahrenpotenzial in ihrem Umfeld zu beobachten. Sie nutzen Agenten, um ihre Interessen zu vertreten und bei Bedarf auch mit drastischen Maßnahmen durchzusetzen. Das ist nicht neu. Sicher wurde schon im alten Griechenland darüber debattiert, ob erlaubt sein soll, was möglich ist.

Heute haben wir die einmalige Chance, die systematische und oft unmenschliche Überwachung der Gesellschaft über die Hintertürchen unserer virtuellen Welt aufzuzeigen. Es ist richtig, die Aktivitäten der obersten Staatsfrauen/-männer mit Unterstützung ihrer jeweiligen Geheimdienste – oder auch die Verselbständigung Letzterer ihren Auftraggebern gegenüber – offenzulegen. Insbesondere sollten wir die mit diesem Vorgehen verbundenen Probleme und Risiken klären.

Für mich stellt Massenüberwachung ein Misstrauensvotum in die Demokratie dar. Es ist daher wichtig, nach Alternativen zu suchen. Die große Herausforderung ist, individuelle Bedürfnisse gegen Staatsinteressen abzuwägen. Es gilt offen zu diskutieren, welche kulturellen Veränderungen ein Generalverdacht von Staatsoberhäuptern gegenüber ihren Bürgern und den Bürgern anderer Staaten zur Folge hat.

In den vergangenen Monaten führte ich zahlreiche, zumeist intensive Gespräche mit Freunden, Kooperationspartnern und Bekannten. Je länger ich mich mit dem Thema Massenüberwachung, Datenschutz, Geheimdienste im Spannungsfeld von Persönlichkeitsrechten und (innen- bzw. außenpolitischer) Sicherheit beschäftige, desto öfter möchte ich Fontane zitieren: „Es ist ein weites Feld.“ Unter jedem Stein sitzt eine Kröte. Schnell kommen wir vom Hundertsten ins Tausende. So vieles greift ineinander, ist abhängig – oft, ohne dass wir die Kausalitäten messbar erklären können.

Stellen wir uns der Herausforderung und bleiben nicht untätig

Wir haben es also mit einem komplexen Thema zu tun. Komplexität lässt sich am besten gemeinschaftlich im interdisziplinären Diskurs reduzieren. Das nennt sich Schwarmintelligenz. Die “Snowden-Affäre” ist die Einladung an alle Wissensarbeiter, sich aktiv in die Diskussion um eine moderne Demokratie einzubringen. Mutige vor! Stellen wir uns diesem Thema. Bleiben wir nicht untätig.

Meine Thesen

  • Es gibt den Bedarf für “großen Daten”: Wir wollen ein Trendbarometer für Chancen, Trends und ein Frühwarnsystem für Bedrohungen. Wir wollen Zusammenhänge erkennen, Daten konglomerien, Statistiken – um unsere Schlüsse für Entscheidungen ziehen zu können.
  • Es gibt das Bedürfnis nach Überwachung – individuell, wirtschaftlich, politisch. Zum Beispiel wollen wir die Möglichkeit haben, Terroranschläge zu verhindern oder Verbrechen aufzuklären. Sei es, eine entführte Person oder auch das geklaute Fahrrad wiederzufinden. Wir wollen ohne Angst an Großveranstaltungen teilnehmen und in einem sicheren Land leben.
  • Fakt ist auch, wir wollen virtuell unser Leben mit anderen Menschen teilen und uns mithilfe der Internet-/Computer-Technologie das Leben erleichtern.

Meine offenen Fragen

Entgegen meinem Bestreben, in diesem Blog Ideen und pragmatische Lösungen aufzuzeigen, werfe ich mit diesem Artikel Fragen auf. Lasst uns gemeinsam nach Antworten suchen:

  • Wie gehen wir (als Souverän) mit dem Spannungsfeld aus Notwendigkeit, technischen Möglichkeiten und sozialer Verantwortung um? Welche Rahmenbedingungen setzen wir uns? In welchem Turnus prüfen wir diese Rahmenbedingungen? Wer gewährleistet die Umsetzung?
  • Welche Auswirkungen hat die Massenüberwachung auf den Menschen? Welche kulturellen Veränderungen schleichen sich so in die Gesellschaft ein? Wollen wir das? Gibt es Alternativen, die auch zum gewünschten Ziel führen und die Sicherheitsbedürfnisse befrieden – ohne dass wir alle unter Generalverdacht stehen?
  • Welche Kontrollinstanzen observieren Geheimdienste? Wie stellen wir die verloren gegangene Gewaltenteilung, wie die Souveränität unseres Staates wieder her? Wie könnten dafür nationale und internationale Standards aussehen?
  • Was bin ich selbst gewillt zu tun? Was bin ich bereit zu unterlassen? Wie ist mein eigener Beitrag (ganz persönlich aber auch als Unternehmen)? Wie kann ich meine widerstreitenden Bedürfnisse und individuellen Konflikte auflösen?

Ich lade Dich ein, liebe Leserin – lieber Leser, nach Antworten zu suchen. Lasst uns gemeinsam darüber nachdenken und konstruktiv diskutieren. Gern in Form einer Blog-Parade. Kommt gern auf mich persönlich zu. Sprecht Freunde, Bekannte, Kollegen an.

Wenn Du Dich in einer größeren Gemeinschaft zum Thema Informationstechnologie im Spannungsfeld von Politik und Gesellschaft austauschen möchtest, solltest Du Dir das Wochenende vom 17. und 18. Mai 2014 vormerken. Wir treffen uns in Stuttgart zum PrISMCamp (Privacy, Internet Security and Masssourveillance).

Kurzlink zur Community: prismcamp.mixxed.de.

Impulse zu Gemeinwohl und Anregungen für wirtschaftliche Verantwortung vom 30c3

170 Vorträge – das sind sehr, sehr viele Stunden Informationen. Je nach Interessenlage lohnt es sich, zahlreiche der Videos in Ruhe anzuschauen, darüber nachzudenken und zu diskutieren.

Hier meine persönliche Auswahl der besten Reden vom Chaos Communication Congress 30c3. Ausgewählt habe ich Grundlagen-Vorträge (für das Grundverständnis der Zusammenhänge) sowie die Referate mit Schwerpunkt auf Gemeinwohl und wirtschaftliche Verantwortung:

Beiträge rund um Deutschland

Statements, Hintergrundberichte und Beiträge zur internationalen Situation allgemein

Wissenschaftlich / technische Analysen und ihre Auswirkungen auf unsere Gesellschaft

  • 30c3 RFID Treehouse of Horror
    Hacking City-Wide Access Control Systems – black-box analysis of an electronic contact-less system, by Adrian Dabrowski
  • 30c3 Plants & Machines [EN]
    Food replicating Robots from Open Source Technologies by mrv bbuegler
  • 30c3 Forbidden Fruit
    Joe Davis about “Widespread concern about food safety has been exacerbated by the introduction of genetically modified crops and questionable practices of world agro-business.”

Das Aufmacherfoto habe ich zusammengesetzt aus den Elementen des 30c3 Designs von Evelyn Schubert. Vielen Dank!

Einschlägige Blogbeiträge aus meinem Netzwerk

Ich freue mich über Hinweise und ergänze Beiträge sehr gern. Vielen Dank.

Meine Blogbeiträge zum Thema (Auswahl)

Dieser Artikel wurde verschlagwortet mit: Chaos Communication Congress, 2013, 30c3, Chaos Computer Club, Hamburg, Deutschland, Massenüberwachung, Edward Snowden, Glenn Greenwald, Netzpolitik, Vorratsdatenspeicherung, Datenschutz, Datensicherheit, Innenpolitik, Außenpolitik



Hast Du eine Idee und Anregung für Deine Frage gefunden?

Weitersagen heißt unterstützen. Empfehle uns gern weiter in Deinem Netzwerk. Vielen Dank!

Aus Gründen des Datenschutzes ist diese Funktion zum Teilen per default inaktiv. Mehr erfährst Du über den Button i.
Über das Zahnrädchen kannst Du Deine gewünschte Standard-Einstellung wählen.

Gutes Karma - Kleines Dankeschön an Franziska via PayPal überweisen