Auf Leben und Tod - Mahler "Auferstehungssinfonie"

22.07.2014 – Auf der Bühne 250 Musiker. Zweihundertfünfzig. Richtig gelesen. 120 Instrumentalisten, 130 Sängerinnen und Sänger. Vom ersten, scharf angerissenen Streicher-Tremolo bis zum fulminanten Schlussakkord - Gustav Mahlers zweite Sinfonie ist beeindruckend. Kammermusikalische Episoden mit filigranen, intimen Gesprächen. Sattes Blech wie eine Kathedrale, wo wir uns bereits vor dem Himmelstor wähnen. Tänzelnder Flirt. Sehnsucht. Liebe. Trauer. Jede Stimme ist individuell. Sie fügt sich zu einem Klangteppich, der höchste Präzision im Musikalischen erfordert. So feiert das CSO 45jähriges Jubiläum.

Im Jahr 1969 wurde das Christophorus Symphonie Orchester (CSO Stuttgart) gegründet. Ein Kreis musikliebender Schüler und Studenten formierte sich zunächst als Kammer-Ensemble. Die neu erbaute Stuttgarter Christophkirche bot für die wöchentliche Probenarbeit ausreichend Raum und wurde so zum Namensgeber.

1979 übernahm Patrick Strub die musikalische Leitung des Ensembles. Sein ansteckender Enthusiasmus, seine Musikalität und effiziente Probenarbeit sowie das rein ehrenamtliche Engagement aller Instrumentalisten formte in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten das Sinfonieorchester. So setzt sich das gut 90köpfige Orchester heute aus Musikliebhabern aller Berufsgruppen, Studenten und hauptberuflichen Musikern zusammen. Ich selbst gehöre seit dem Winter 2001 dazu.

Das Besondere am Christophorus Symphonie Orchester Stuttgart

… ist für mich das Miteinander und der Anspruch an ein semi-professionelles Niveau, das eine hohe Einsatzbereitschaft mit der Freude am Musizieren verbindet. Das überträgt sich in unseren Konzerten auch aufs Publikum. Mit Patrick haben wir einen Dirigenten, der uns fördert und fordert. In der Auswahl der Stücke, in die er uns stets aktiv einbezieht, steckt immer auch eine Herausforderung – technisch, musikalisch und im Zusammenspiel der Stimmgruppen.

In der Probenarbeit faszinieren mich zwei Aspekte: Patrick ist stets perfekt vorbereitet und hat klare Vorstellungen von der Interpretation des jeweiligen Werks. Auf der anderen Seite nehmen wir Musiker seine Impulse auf, machen sie uns zu eigen und können dann im Konzert frei und intuitiv der Musik folgen. Für diesen Entwicklungsprozess nehmen wir uns drei bis vier Monate mit wöchentlichen Proben à drei Stunden plus Probenwochenende und individuellem Üben Zeit.

In der ersten Probe “lesen” wir das Stück. Im Spielen nehmen wir Kontakt mit den Noten auf und verschaffen uns einen Überblick über das Ganze. Diese Probe liefert uns in der Regel die Klippen des Stückes, denen wir uns individuell, in den Stimmgruppen und im tutti* besonders widmen müssen.
* tutti leitet sich aus dem Italienischen ab und bedeutet “alle”.

Mit dem Gesamteindruck aus der ersten Probe beginnen wir mit der eigentlichen Probenphase. Wir nehmen das Stück auseinander (Einzel- und Stimmproben) und setzen es wieder zusammen (Streicher-, Bläser- und Tutti-Proben). Für Musik genügt es nicht, Noten lesen und die entsprechenden Töne auf dem Instrument zum Klingen bringen zu können. Den Sinn der Musik erkennt man erst, wenn wir miteinander kommunizieren. Dann wird Musik zum Erlebnis.

Der göttliche Funke der Musik

Immer wieder üben wir einzelne Abschnitte. Dann fügen wir sie ineinander. Probieren verschiedene Techniken und Interpretationen aus. Melodien, Akkorde, Rhythmus, Atmung, Klangfarbe, Lautstärke, Dynamik, Phrasieren, Emotion – Interpretation hat viele Facetten. Bis der Klang entsteht, bei dem wir die Musik spüren. Jeder Ton, jede Phrase bekommt einen Sinn, weil wir – jeder für sich – die Musik selbst empfinden. Weil es aus unserem zu diesem Zeitpunkt Gelebten entspringt und im Gesamtklang stimmig ist. Erst damit können wir auch ein Publikum überzeugen.

Nicht zu jedem Stück – oder auch zu allen Sätzen einer Sinfonie – haben wir gleichermaßen Zugang. Es gibt Stücke, für die ich seit meiner Kindheit schwärme. Es gibt Kompositionen, die ich in einer Probenphase lieben lerne. Es gibt Werke, zu denen ich wohl niemals meinen Zugang finden werde. Meinen Orchesterkollegen geht es da genauso.

Ich nähere mich einem Stück, indem ich mich mit der Biografie des Komponisten, der Geschichte des Werkes und jener Zeit als es entstand sowie mit den Interpretationen anderer Ensembles auseinander setze. Ich lege die Noten vor mich und in meiner Vorstellung erklingen die Töne. Ich höre ein Stück (z. B. im Konzert oder auf CD) und lese die Noten mit. Ich nehme meine Geige und übe zu Hause an Technik und Interpretation. Ein Projekt mitzuspielen heißt darüber hinaus für mich, an allen Proben des CSO teilzunehmen.

Am Schönsten sind die Momente, wenn ich Technik und Interpretation so gut beherrsche, dass ich mich spielend leicht ins Orchester einfüge. Ich löse mich vom Notentext und höre / sehe mehr. Dann kann ich Ideen der Musiker um mich aufnehmen und darauf antworten. Als zweite Geige seltener, manchmal haben auch wir die Chance, dass es andersherum ist. ;-) Wir fördern dieses Zusammenspiel im CSO noch zusätzlich, in dem wir von Probe zu Probe unsere Plätze innerhalb der Stimmgruppe wechseln. Wer schon einmal im Orchester saß, weiß wie sich der Eindruck ändert je nachdem, wo man spielt.

Sinfonien sind ein vielstimmiger Dialog

So entsteht – ähnlich einem guten Gespräch – ein vielstimmiger Dialog. Er ist spontan. Die Musik wird lebendig. Dies sind die intensivsten Momente im Hier und Jetzt. Verbunden sehr oft auch mit Gänsehaut. So ist jede Probe und jedes Konzert ein neues Erlebnis.

Jeder, der schon mit anderen ein Geburtstagsständchen gesungen hat, weiß, dass es nicht immer so einfach ist, gemeinsam zu musizieren. Bei einer Sinfonie wird dies ungleich schwieriger. Da nicht jeder eine Partitur lesen kann, hier eine sehr gelungene Visualisierung einer solchen zu Beethovens “Schicksalssinfonie” (1. Satz der 5. Sinfonie):

Quelle: © 2011 Music Animation Machine

Sind Sinfonien von Beethoven schon komplex, so sind es Mahler-Partituren erst recht. Jede Stimme ist individuell. Vielschichtig entsteht ein Klangteppich: Unisono mit 250 Musikern oder mit bis zu 50stimmig ineinander verwobener Stimmführung. Allein Streichersätze (Violine I und II, Bratsche, Cello, Kontrabass) können bis zu drei mal fünf also 15stimmig sein. Dazu noch die Bläser und Sänger.


Partitur Gustav Mahler Sinfonie Nr. 2 “Auferstehungssinfonie”, 1. Satz, 1. Seite, Quelle: © www.lamb.cc

Die einzelnen Instrumente und Stimmen übergeben in fliegendem Wechsel eine zentrale Melodie. Drumherum flechten sich Harmonie, Tonalität und Emotion. Klangvoll bereitet sich die Grundstimmung aus. Eine Gruppe Bratschen wird zu bedrängender Hektik. Geigen flimmern in der Hitze. Kontrabässe klingen wie Bienenschwärme. Blechbläser werden zur Inkarnation des Bösen und können im nächsten Moment wie Engel klingen.

Die Auferstehungssinfonie von Gustav Mahler ist eine Herausforderung für Musiker und Publikum gleichermaßen.

Genau dafür liebe ich jedoch die Sinfonien von Mahler. Auch nach dem hundertsten Hören und spielen entdecke ich Neues. Spüre den einzelnen Stimmen und meinen Emotionen nach. Wie ich so in der Probe und später dann in den beiden Konzerten sitze, steigen Bilder vor dem inneren Auge auf. Ich bin entrückt von einer Arbeitswelt und hineingezogen ins Hier und Jetzt.

In seiner Konzertkritik zum Konzert des CSO in der Stiftskirche Tübingen beschreibt es Achim Stricker (“Schwäbischen Tagblatt”) so: “Als Zuhörer hatte man nirgens das Konzert-Gefühl von Vorgesetzt-Bekommen und Konsumieren, sondern war gewissermaßen selbst in diesen Prozess hineingeworfen, persönlich involviert.”

Das ist es, was musizieren im Christophorus Symphonie Orchester für mich ausmacht. Es betrifft mich. Wir spielen nicht nur Noten. Wir machen ganz großartige Musik. Sehr bewegend!

Die Mahlerschen “Schrecksekunden”

Mahlers “Auferstehungssinfonie” ist symphonische Philosophie zwischen den existenziellen Polen von Leben und Tod. Es ist die ganze Welt von Gedanken und Gefühlen: tiefste Ängste und die Hoffnung auf Ewigkeit und Frieden.

Quelle: © 2011 Royal Concertgebouw Orchestra

Der erste Satz ist ein überdimensionaler Trauermarsch. Mit einem gewaltigen musikalischen Nachruf wird der Held zu Grabe getragen. Die Musik ist ein Ringen und Aufbäumen. Tiefe Trauer und Sehnsucht. Liebe und Erhabenheit. Gustav Mahler schreibt dazu:

“Wir stehen am Sarge eines geliebten Menschen und sehen uns der großen Frage gegenüber: Warum hast du gelebt? Warum hast du gelitten? Ist das alles nur ein großer furchtbarer Scherz? Zum letzten Male laufen sein Leben, Kampf, Leiden und Bestrebungen in unseren Gedanken vorbei. Und jetzt, da wir alle Trivialitäten des täglichen Lebens abstreifen ist unser Herz von der Stimme gerührt, der wir sonst im Alltag kaum Achtung schenken: Was jetzt? Was ist das Leben- und nun dieser Tod? Gibt es ein Fortbestehen? Ist das nur ein verwirrter Traum oder hat dieses Leben und dieser Tod eine Bedeutung?”


© Andrea Sadri, zitiert aus dem Programmheft des CSO, Juni 2014.

Glück. Seeligkeit. Und Friede.

Dann, nach knapp 25 Minuten, endlich die Erlösung. Neben mir wird ein Taschentuch gezückt und heimlich ein Tränchen getrocknet. “Ein glückseliger Augenblick aus dem Leben des geliebten Verstorbenen und eine sehnsuchtsvolle Erinnerung an seine Jugend und seine verlorene Unschuld.” (Mahler) Ein friedlicher Ländler suggeriert eine träumerisch-schöne Stimmung. Die Idylle bleibt trügerisch, wird sie doch immer wieder getrübt und ironisch unterbrochen von Streichern und Holzbläsern.

Der dritte Satz fließt. Ein tänzerisches Scherzo, das von den Bläsern ins Groteske gezogen wird. Der kammermusikalische Dialog zwischen Querflöte und Sologeige. Jauchzend erheben sich die Trompeten in stürmische Höhen. Mahler: “Wenn sie dann aus diesem wehmütigen Traum aufwachen, und in das wirre Leben zurück müssen, so erscheint die Welt wie im Hohlspiegel, verkehrt und wahnsinnig. – Mit dem furchbaren Aufschrei der so gemarterten Seele endet das Scherzo.”

Dann der Zauber einer menschlichen Stimme. Nach 50 Minuten Instrumental-Sinfonie erklingt das “Urlicht” (Alt: Renée Morloc, im Bild rechts):

“O Röschen roth,
Der Mensch liegt in grösster Noth,
Der Mensch liegt in grösster Pein!
Je lieber möcht’ ich im Himmel sein.
[…]
Der liebe Gott wird mir ein Lichtchen geben,
Wird leuchten mir bis in das ewig’ selig Leben!”

“Das ‘Urlicht’ ist das Fragen und Ringen der Seele um Gott und um die eigene göttliche Existenz über dieses Leben hinaus.” schreibt Natalie Bauer-Lechner, eine Freundin Mahlers, über diesen Satz. Es ist ein feierliches, schlichtes Lied und wird so zur Verbindung von Totenfeier und Auferstehung. Im Beethovensaal der Liederhalle könnte man eine Stecknadel fallen hören, so gebannt ist die Stille unter den knapp 1.500 Zuhörern.

Dies irae

Dann im fünften Satz das jüngste Gericht (“Dies irae”). “Du hast nicht umsonst gelebt.” Paradiesische Unschuld und mitunter kaum auszuhaltenden Dissonanz und Lautstärke. Auf Apokalypse folgt mystische Beseeltheit. Ein Ruf aus der Ferne (Bläser im Fernorchester – besonders beeindruckend in der Stiftskirche Tübingen). Ein vorwärts drängender Marsch der Toten. Der gesamte letzte Teil des finalen Satzes ist “ein großer, sich steigernder Spannungsbogen, der auf eine Schluss-Apotheose ausgerichtet ist” (Andrea Sadri, CSO Stuttgart).

Mahler schreibt dazu: “Die Erde bebt, die Gräber springen auf, die Toten erheben sich und schreiten in endlosem Zug daher. Die Großen und die Kleinen, die Gerechten und die Gottlosen – alle wollen dahin – der Ruf nach Erbarmen und Gnade tönt schrecklich an unser Ohr.”

“Nach dem großen Appell macht sich Stille breit. Nur ein Vogel singt in der Ferne. Da erhebt sich in feinstem Pianissimo einer der effektvollsten Chorsätze der Konzertliteratur.” (Andrea Sadri, CSO Stuttgart). Der Chor singt:

“Aufersteh’n, ja aufersteh’n wirst Du. […]
Mit Flügeln, die ich mir errungen, werde ich entschweben!
Sterben werd’ ich, um zu leben.”

Es ist das fulminante Finale einer neunzig-minütigen Sinfonie. Nach der atemlosen Pause folgt tosender Applaus. Mich durchströmt ein Glücksgefühl, das unbeschreiblich ist. Ich wache wie aus einer Trance auf. In der Liederhalle reißt es mich aus dem Konzertsessel. Auch in der Stiftskirche “Standing Ovations”. Einfach grandios!

Was bleibt

Ein Ohrwurm aus idyllischen Klanginseln und schwelgende Natur-Romantik, die im nächsten Moment “von einem dröhnenden Trauermarsch eingeholt und auseinander gerissen werden” (Achim Stricker, Schwäbisches Tagblatt). Und die unbändige Freude: Ich bin Teil dieses Ensembles.

Auf die nächsten 45 Jahre!


Mein Dank und weiterführende Informationen

Vielen Dank an Patrick, an die CSOler, an Natalie Karl (Sopran) und Renée Morloc (Alt), an die Sänger des Philharmonischen Chors Esslingen und des Akademischen Chors der Universität Tübingen, an die vielen vielen Helfer rund um unsere Konzerte. Ihr wart einfach großartig!

Besten Dank an Andrea Sadri für die musiktheoretischen Texte in einem wie immer exzellenten Programmheft, das schon seit vielen Jahren von Jo Buch gesetzt und produziert wird.

Wer mehr über Musikalität und Probenarbeit erfahren möchte, dem sei der TEDx-Vortrag von Yayoi Takano-Beck empfohlen: Die Arbeit des Interpreten (TEDx Stuttgart 2013).

Das nächste Konzert des CSO findet am Dienstag, den 2. Dezember 2014 in der Liederhalle Stuttgart statt. Wenn Dich mein Beitrag neugierig auf klassische Musik gemacht hat, schließe Dich gern meinem Freundeskreis “Achtung Klassik!” an. Ich freue mich immer noch einmal mehr, wenn ich weiß, für wen ich mir die Seele aus dem Leib spiele ;-)


Creative Commons Lizenzvertrag

Meine Fotos von Auf Leben und Tod – Gustav Mahler Auferstehungssinfonie sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.

Dieser Artikel wurde verschlagwortet mit: Gustav Mahler, Auferstehungssinfonie, Christophorus Symphonie Orchester, CSO, Musik, Natalie Karl (Sopran), Renée Morloc (Alt), Patrick Strub (Dirigent), Akademischer Chor Universität Tübingen, Philharmonischer Chor Esslingen, Liederhalle, Stuttgart



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