Filmauslese: „Der Junge Siyar“ („Before Snowfall“)

14.09.2014 – Wie frei sind wir in unseren Entscheidungen, wenn es um Familie, um Verantwortung und um Ehre geht? Ist Recht von Unrecht stets einfach voneinander zu unterscheiden? Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich zwischen 14 und 20 anfing, Dinge in Frage zu stellen, die vorher für mich selbstverständlich waren. 1989 war nicht nur die Zeit der politischen Wende. Mit dem Wechsel auf die Erweiterte Oberschule und später das Studium begann ich zu begreifen, dass es manches in meiner Familie gab, das bei anderen Familien doch spürbar anders lief. Ich veränderte mich. Das war nicht immer leicht.

Ein kleines, kurdisches Dorf im Nord-Irak. Karge Landschaft so weit das Auge reicht. Eine Obstplantage auf der Kinder Verstecken spielen wirkt wie eine Oase. Wasser holen die Frauen aus einem Dorfbrunnen. Wege werden hauptsächlich zu Fuß erledigt. Nur die Wohlhabenden besitzen ein Auto. Zum Überleben muss die Familie zusammenhalten. Entscheidungen trifft der Patriarch. Es ist ein spartanisches Leben, streng, hierarchisch, beeinflusst von den lokalen Vertretern des reichen Dorf-Clans. Hier lebt der 16-jährige Siyar mit seiner Familie. Als ältester Sohn gilt er nach dem Tod des Vaters traditionsgemäß als Familienoberhaupt.

Er ist ein introvertierter junger Mann. Die Rolle des Patriarchen lastet schwer auf ihm. Unterstützung und Halt in seinen Entscheidungen findet er lediglich in den Traditionen der kurdischen Dorfgemeinschaft und ihren Stammesführern. Als sich einer dieser Männer für seine Schwester Nermin interessiert, fasst er einen folgenschweren Entschluss. Er stimmt der noch vom Vater arrangierten Hochzeit zu, versucht sie jedoch aufzuschieben. Am Vorabend der Vermählung wird im Gespräch mit Nermin deutlich, wie wichtig Siyar der Zusammenhalt der Familie ist.

Um so schwerer trifft es ihn, dass Nermin noch in dieser Nacht gemeinsam mit ihrem heimlichen Freund nach Europa flüchtet. Siyar fühlt sich im Stich gelassen und verraten. Wütend und um das Ansehen der Familie in den Augen der Dorfgemeinschaft zu retten, beschließt er die beiden Liebenden zu verfolgen. Sein Ziel: Nermin finden und töten. Wie stark diese Gefühle von Ehre und Verantwortung für Siyar sind, wird deutlich, wenn wir sehen, in welch Gefahren für sein eigenes Leben sich Siyar auf seiner Odysee vom Irak, durch die Türkei, über Griechenland und Deutschland bis nach Norwegen begibt.

Es grenzt an Selbstmord, wie Siyar sich gleich zu Beginn des Films in Folie einwickeln lässt. Nur ein kleines Loch für den Mund gibt ihm Luft zum Atmen. An eine Kette geklammert hängt er in einem Tanklaster, der die Grenze vom Irak in die Türkei überquert. Als Zuschauer hält man unbewusst die Luft an, als Siyar tatsächlich komplett im Erdöl untertauchen muss, um der Entdeckung durch die Grenzsoldaten zu entgehen. Es ist der erste verstörende Beweis für die kreative, menschenverachtende Herangehensweise der Schmugglerbanden. Aber auch für den unbedingten Willen, seine Schwester zu ermorden und ihren Verrat zu rächen.

Dies wird besonders in der nächsten Szene deutlich. Auf der anderen Seite der Grenze – im kurdischen Teil der Türkei – begegnet Siyar einem Einheimischen. Nach dem Ziel seiner Reise befragt, hat Siyar nur eine Antwort: „Meine Schwester suchen. […] Sie ist weggelaufen. Ich finde sie und bringe sie um.“ Es ist der Blick voller Trauer, Verstehen, Weisheit und Zweifel des alten Mannes, der mir durch Mark und Bein geht. Gerade selbst nur knapp überlebt denkt Siyar nur ans Töten? Ich bin erschüttert. Ein Gefühl, das auch die großformatigen Bilder einer wunderschönen Landschaft, die nun folgen, nicht nehmen können.

Quelle: © 2014 “Der Junge Siyar” – Film-Trailer (de) von Dualfilm Verleih

Regisseur Hisham Zaman ist 1975 im Irak geboren und selbst Kurde. Als Jugendlicher floh er mit seinen Eltern aus Kirkuk nach Istanbul und dann nach Norwegen. Für die Besetzung seines Titelhelden suchte Hisham Zaman zwei Jahre. Letztendlich hat er ihn in Taher Abdullah Taher, einem Laiendarsteller und Arbeiter in einem Gewächshaus, gefunden. Fast chronologisch gedreht, sollte der Schauspieler die Erfahrungen der Hauptfigur erleben und so nachempfinden können. Es ist diese Authentizität, auf die der Filmemacher großen Wert legt. In ungeschönten Bildern thematisiert er Aufeinanderprallen von Tradition und Moderne. Distanziert, beobachtend verfolgen wir den Reifeprozess von Siyar.

Hisham Zaman will keine Lösungen zeigen. Vielmehr fungiert er als Vermittler zwischen den Kulturen und gibt Denkanstöße. Mit seinem Kinofilm-Debüt will er „Probleme sichtbar machen“. Er begab sich selbst auf die Reise und sprach mit Schmugglern genauso wie mit Kurden in ganz Europa. Aus den realen Erlebnissen und Zeitzeugnissen dieser Menschen formt er zusammen mit Drehbuchautor Kjell Ola Dahl („Vinterland“) die erfundene Geschichte des „Jungen Siyar“. Bedenkt man, dass ein Teil der Statisten in der Unterkunft in Istanbul tatsächlich illegal in der Türkei lebende Kurden sind, bekommt der Kinofilm fast etwas Dokumentarisches.


“This film shows that Kurds have internal conflicts and individual problems like everyone else in the world. The Kurds supporting a film like this to be made show a good progress in their culture and democracy. But we need to get rid of bad influenced culture which the Kurds are surrounded by.

Many Kurds have understood that they need to highlight some of the taboo issues rather than hide them and never talk about them. This movie shows the Kurds as peaceful people that have managed to make a progress in some harsh issues.

Siyar is 16 and becomes old enough to be a man […]He gets long hair, so the journey actually takes several months. He learns more about himself and more important about love and hopefully understand the sisters choice. He is not this naive village boy anymore to take order from the clan leader. He knows maybe what is right and wrong.”
Hisham Zaman

Zwangsheirat, die Folgen der Irak-Kriege für die Bevölkerung, Vergewaltigung, auseinander gerissene Familien, Ehrenmord, Menschenhandel, Flucht und das Leben als Illegaler in Europa. In 105 Minuten sind das schwerwiegende Themen, die der Regisseur in seinem Drama aufgreift und miteinander verwebt. Dabei zeigt er auf, wie schwer es ist, richtige Entscheidungen zu treffen.

Er zeigt, wie groß – zu groß? – die Verantwortung für einen 16-jährigen ist, der zwischen Geschwisterliebe und den Erwartungen anderer in innere Konflikte gerät. Der nicht nur ein Mal eine folgenschwere Entscheidung trifft. Hisham Zaman zeigt aber auch wie engmaschig vernetzt das Schmuggler-Netzwerk und wie global operierend die Kontroll-Instanz der Clans ist. Wie kreativ ihre Methoden und wie knallhart ihr Geschäft.

Während seiner Reise aus Nahost nach West-Europa wird die Auswahl an alternativen Lebenskonzepten für Siyar größer. Er wird älter, selbstbewusster und selbständiger. Erscheint ihm der Sinn seiner Suche nach Nermin und sein Mordauftrag zu Beginn klar und eindeutig, zieht er sich mehr und mehr in Grübeleien zurück. Die Reise gibt ihm viel Zeit zum Nachdenken über Sitten, Anstand und Moral. Er sucht jedoch stets wieder Kontakt zu Stammesführern und ihren Rat. Nicht zuletzt, da seine Reise vom Vater des Schwagers in spe finanziert ist, sodass es ihm nicht nur deswegen schwer fällt, sich von den Dogmen seines Clans zu lösen.

Einzig in der Begegnung mit der Straßendiebin Evin, die er in Istanbul kennenlernt, erfährt er erste Zuneigung außerhalb der eigenen Familie. In den Gesprächen mit ihr, fängt er an zu begreifen, dass es Alternativen und andere Sichtweisen gibt. Er beginnt, eigene Wertvorstellungen zu hinterfragen. Seine zarten Gefühle für Evin können ihn jedoch nicht von seiner Verfolgungsjagd abbringen.

Das verstörende Ende des Films macht deutlich:

In einer fundamentalistisch dominierten Welt
zahlen für die glückliche Wendung des einen
andere einen sehr hohen Preis.

Ich danke Richard Kilian von Dualfilm für die Einladung zur Filmpremiere und die persönliche Begegnung mit Regisseur Hisham Zaman.

Euch meinen geschätzten Lesern empfehle ich diesen Film. Wie auch „Slumdog Millionaire“ und „The Kite Runner“ gehört „Der Junge Siyar“ zur Filmauslese für die große Kinoleinwand. Zum einen, um sich mit Themen wie Ehre, Verantwortung, der Freiheit eigener Entscheidungen und zum anderen mit fremden und damit der eigenen Kultur auseinanderzusetzen.

Besonders beeindruckend ist die ausgezeichnete Kameraführung und das Location-Scouting, die der teils sehr kargen Landschaft wunderschöne Bilder und Stimmung entlockt. Die minimalistische Redaktion (sehr gut synchronisiert), ebenso sparsam und perfekt eingesetzte Filmmusik plus Sound geben viel Zeit und Raum, die eigenen Grenzen zu erkennen und den Erfahrungshorizont zu weiten.


Fotos und Trailer: Der Junge Siyar von Dualfilm Verleih GmbH.

Wer mehr über den Film, das Leben sowie Geschichte und Tradition von Kurden erfahren möchte, dem seien folgende Links empfohlen:

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