Corporate Social Responsibility - Im Gespräch mit Kai-Uwe Hellmann

10.12.2015 – Er gehört zu den BarCampern der ersten Stunde. Ich sprach mit dem Philosoph und Soziologie-Professor Kai-Uwe Hellmann über Erfahrungen in der Teilnahme, der Moderation und der Organisation dieses Großgruppen-Formats. Was macht ein BarCamp zur Unkonferenz? Wo liegen die Grenzen dessen, was ein BarCamp leisten kann? So kamen wir auch auf die "Tragödie der Kultur" sowie die unternehmerische Verantwortung für unsere Gesellschaft, heute oft als CSR abgekürzt, zu sprechen. Und wie wir Menschen ermächtigen können, sich diesen Herausforderungen mit viel Mut und Schaffensfreude zu stellen.

Franziska: Lieber Kai-Uwe, bitte stelle Dich kurz unseren Lesern vor. Wer bist Du? Was machst Du?

Kai-Uwe: Mein Name lautet Kai-Uwe Hellmann, ich bin Jahrgang 1962 und Hochschullehrer am Institut für Soziologie der TU Berlin. Studiert habe ich allerdings Philosophie, und von daher rührt auch mein großes Interesse am Analytisch-Systematischen. Meine Forschungsschwerpunkte sind aktuell Konsum- und Wirtschaftssoziologie.

Neben der Lehre habe ich zu Beginn dieses Jahres mit Frank Feldmann eine kleine Unternehmung gegründet, die Feldmann & Hellmann Barcamp Organisation GbR. Hintergrund ist, daß Frank und ich 2008 zusammen eines der ersten Themencamps begründet haben: das CommunityCampBerlin. Unser Interesse an Barcamps rührt wiederum daher, daß wir dem unkonventionellen Charakter von Barcamps sehr viel abgewinnen können und seit Beginn damit immer nur sehr gute Erfahrungen gemacht haben.


Franziska: Du – beziehungsweise Frank und Du – gehör(s)t also zu den BarCampern der ersten Stunde. Was macht für Dich die Faszination dieses Veranstaltungsformats aus?

Kai-Uwe: Ich habe von Barcamps erstmals 2007 auf einer Konferenz in Wiesbaden gehört und dann sofort mehrere Barcamps besucht, etwa in Berlin, Hamburg und Hannover. Was mich daran von Anbeginn fasziniert hat, war der unkonventionelle Charakter, der bei den Teilnehmern enorm viel freisetzt, wie Engagement, Kreativität, Spontanität, und die Szenen, die ich dort angetroffen habe, ganz andere verglichen zu denen, die ich von Wissenschaftstagungen kannte.

Barcamps stellen eine Ergänzung zu herkömmlichen Tagungs- und Konferenzformaten dar. Hier spielt gewissermaßen eine Art Dialektik im Hintergrund mit: Was die einen nicht bedienen, liefern die anderen, beinahe komplementär aufeinander bezogen. Barcamps sind dabei sehr „bottom up“ orientiert, da nur die Teilnehmer den Input einbringen; sie bestimmen, was auf einem Barcamp wie diskutiert wird. Damit ergibt sich eine gewisse Unberechenbarkeit, aber auch Überraschungswert, der den Gleichlauf der Dinge wie bei vielen konventionellen Eventformaten strukturell durchbricht.

Barcamps haben eindeutig Grenzen. Diese liegen etwa bei ihrer Größe, weil Vorstellungsrunde und Sessionpitch unverhandelbar sind, sich diese beiden Verfahren aber kaum mehr durchführen lassen, wenn die Zahl der Teilnehmer z. B. 500 überschreitet. Grenzen werden aber auch erreicht, wenn es um Effizienz und Effektivität geht. Je nachdem, welchen Wert man der konkreten Lösung bestimmter Probleme oder der Ergebnissicherung beimißt, erweisen sich Barcamps als tendenziell überfordert. Anders gesagt: Barcamps lassen sich nicht für alles gleichermaßen gut einsetzen; sie besitzen eine Spezifik hinsichtlich ihrer Einsetz- und Durchführbarkeit, die es zu beachten gilt.


Franziska: Diese differenzierte Betrachtung finde ich sehr gut. BarCamps sind keine Allzweckwaffe. Je nach Wunsch und Rahmenbedingung stehen zahlreiche Großgruppen-Formate zur Wahl, um zusammen etwas zu erarbeiten und das Know how dazu zu teilen – Wissen, Strategie, einen Überblick, neue Ideen, Kreatives. Wie Du gesagt hast: Das fängt mit der Größe der Gruppe an und hört mit der Antwort auf die Frage auf, wozu das Treffen dienen und wie es im gemeinsamen Gestalten wirken soll.

Nun gibt es Stimmen, die behaupten BarCamps sind schon wieder überholt. Andere prophezeien ein weiteres Wachstum vor allem für Themen-BarCamps. Als Professor für Soziologie an der TU Berlin – wie ist Deine Prognose für die Zukunft?

Kai-Uwe: Das „Bar“ von „Barcamp“ entstammt ja der Programmiersprache und bedeutet „Leerstelle“. Mit anderen Worten können Barcamps für alles Mögliche eingesetzt werden, zumindest thematisch. Und da viele von Barcamps noch gar nichts gehört haben, prognostiziere ich Barcamps wie auch Themencamps und Corporate Camps weiterhin Zukunft, zumindest als Ergänzung zu herkömmlichen Eventformaten. Denn nicht jeder wird Barcamps mögen, und Barcamps lassen sich auch nicht für alles Mögliches gleichermaßen produktiv einsetzen, das sollte auch bedacht werden. Aber sie werden sich weiter ausbreiten. Damit sind dann gewisse Verflachungs- und Verwässerungseffekte verbunden, dies ist unvermeidlich, wann immer ein Format populär wird. Aber die Besonderheit von Barcamps, die ich in Aspekten wie Gleichheit, Partizipation, Selbstorganisation sehe, kann bewahrt werden, wenn man darauf Acht gibt.


Franziska: BarCamps sind für mich Spiegel einer Haltung. Ich persönlich nutze sie, um mich selbst weiterzubilden und ein Netzwerk Gleichgesinnter zu knüpfen. Als Moderatorin des EnjoyWorkCamps nutze ich das Format, um Impulse für Lebens- & Arbeitswelten mit Zukunft zu setzen. Du nimmst an BarCamps teil und organisierst BarCamps. Was sind für Dich die wichtigsten Grundprinzipien, die eine Unkonferenz zum BarCamp machen?

Kai-Uwe: Frank und ich haben uns jüngst erst darüber Gedanken gemacht, für eine Publikation über neue Eventformen, und uns folgenden „Werte“-Kanon diesbezüglich überlegt (alphabetisch sortiert): Diversität, Egalität, Informalität, Inklusivität, Kreativität, Partizipation und Selbstorganisation.


Franziska: Alles Punkte, die mir spontan und beim draufrumdenken sofort einleuchten. Ich verbinde sie mit der Zukunft der Arbeit und den Themen, woran auch wir intensiv arbeiten. Das bringt mich zur Frage: Welche Herausforderungen siehst Du, wenn wir Leben ins Arbeiten bringen wollen?

Kai-Uwe: Wir befinden uns in einem grundlegenden Prozeß der Differenzierung von Arbeit: Auf der einen Seite lebenslange Festanstellung, die an Bedeutung verliert, auf der anderen Seite temporäre Beschäftigungsformen, die an Bedeutung gewinnen und zumeist hochgefährdete Prekarität bedeuten.

Dieser soziale Wandlungsprozeß – Symptom für einen unaufhaltsam stattfindenden sozialen Wandel im Allgemeinen – ereignet sich mit zunehmender Geschwindigkeit, ohne daß wir angemessen darauf vorbereitet sind: Wir ändern zu schnell und lernen zu langsam!

Aktuell bin ich überfordert, eine präzise Auskunft über die Zukunft zu geben. Sicher erscheint mir allenfalls, daß eine isolierte Betrachtung derartiger Probleme inzwischen längst obsolet geworden ist, damit aber Lösungen auf rein nationalstaatlicher Ebene mittelfristig zu kurz greifen: Die Globalisierung ist zuweit vorangeschritten und irreversibel geworden.


Franziska: In welchem Zusammenhang steht dies für Dich in Bezug auf Corporate Social Responsibility?

Kai-Uwe: Corporate Social Responsibility ist für mich in erster Linie organisations-soziologisch von Belang. Wie der soziologische Neoinstitutionalismus vor Jahrzehnten aufgezeigt hat, sind formale Organisationen – stärker als in der Tradition Max Webers gedacht – gezwungen, sich auf Erwartungen ihrer relevanten sozialen Umwelten affirmativ einzulassen. Corporate Social Responsibility ist möglicherweise der schlagendste Beweis für diese Annahme, da das Bedürfnis nach mehr Verantwortlichkeit auf Seiten der Unternehmen ein genuin zivilgesellschaftliches, also der sozialen Umwelt formaler Organisationen entsprungen ist.

Inzwischen sind nun viele jüngere, dementsprechend sozialisierte Mitarbeiter auch in den Organisationen selber aktiv, so daß derartige Erwartungen an die Unternehmensführung nicht nur von außen, sondern auch von innen an sie herangetragen wird. Inwieweit allerdings CSR und Marktwirtschaft im globalen Maßstab reibungslos vereinbar sind, ist zu bezweifeln: Das eine tun, könnte sich zum Nachteil des anderen auswirken, solange es sich nur um freiwillige Vereinbarungen handelt. Die Vortäuschung falscher Tatsachen, wie es der soziologische Neoinstititionalismus diskutiert, gehört dann zum „business as usual“.


Franziska: Wirtschaft soll dem Menschen dienen. Das scheint vielen Menschen im Zusammenhang mit Arbeit heute nicht mehr so recht auf dem Schirm zu sein. Corporate Social Responsibility entspringt meines Erachtens einer inneren Haltung – die einen, die es auf den sozialen Aspekt zu Werbezwecken und für ein “gutes Image” reduzieren “Wir haben dieses Jahr Weihnachtskarten von Kindern aus Afrika.” (Ok, ich überspitze das hier).

Für die anderen ist es der Kern, wozu ihre Firma dient und wem bzw. welchem Thema sie sich in ihrem Engagement in Dienst stellen. Zudem wie sie dieses Engagement umsetzen – dazu gehört schonend mit Ressourcen umzugehen, den eigenen wie denen der Menschheit. Für sie macht das Sinn (für mich ebenso) mit dieser Arbeit gutes Geld zu verdienen. CSR ist für mich mehr als nur eine Marketing-Strategie. Social verstanden als Gesellschaft. Wissen heißt Verantwortung übernehmen. Für uns selbst (ohne ICH kein WIR). Und unseren Enkeln eine Welt zu hinterlassen, in der auch sie gestalten können.

Dabei spielt eine große Rolle, ob wir für oder mit den Menschen Gegenwart mit Zukunft gestalten. Die Mitarbeiter der Firma, die Partner und Kunden mitzunehmen, das heißt systemisch denken. So wird CSR zu einem lebendigen Teil der Firma und dann ist “business as usual” doch super. CSR sollte das nicht das “Normale” sein?! Sehr spannend dazu finde ich die Gedanken, die sich meine Kollegin Daniela Röcker im Zusammenhang mit Unternehmensdemokratie gemacht hat: CSR und Unternehmensdemokratie – geht das? Dadurch festigte ich meine eigenen Werte und fand Klarheit. Sehr lesenswert.

Was sind für Dich die zentralen Fragen, denen wir uns als Gesellschaft widmen sollten? Wo liegen die Herausforderungen unserer Zeit?

Kai-Uwe: Wir leben in einer Weltgesellschaft, und je weiter dieser Prozeß voranschreitet, desto größer wird die „Tragödie der Kultur“, wie Georg Simmel es vor mehr als 100 Jahren mal formuliert hat: Der Abstand zwischen dem, was das insgesamt verfügbare Wissen um die Weltkomplexität ausmacht, und dem, was der je einzelne kognitiv und emotional verarbeiten kann, wird immer größer, ohne daß absehbar ist, ob dieser Divergenz je Einhalt geboten werden und in eine Konvergenz verkehrt werden kann.


Franziska: Große Themen, die nach gemeinsam laut Nachdenken rufen. Um auf die Suche nach Antworten gehen zu können und weiter an diesen Fragen zu arbeiten, organisierst Du das CSRcamp. Welche Wünsche verbindest Du damit?

Kai-Uwe: Nicht selten sind CSR-Initiativen in (größeren) Unternehmen nicht viel mehr als solche Legitimationsprojekte, wie sie der soziologische Neoinstitutionalismus beschrieben hat: Schönwetter-Maßnahmen ohne Konsequenzen, ohne Nachhaltigkeit, dafür da, die Öffentlichkeit zu blenden.

Daran wird sich erst etwas ändern, wenn die Zahl jener Mitarbeiter in solchen Unternehmungen, die das CSR-Prinzip vollumfänglich verstanden haben und es nicht bloß aus Karrieremotiven auf ihrer Agenda mitführen, deutlich größer wird, so daß eine offensive Auseinandersetzung über dieses Prinzip in den Unternehmungen selber geführt werden muß.

Um das zu erlernen, kann das CSRcamp einen wesentlichen Beitrag leisten, sofern es nicht allzu normativ agiert, mit grandiosen „taken for granted“-Annahmen, mit weitgehender Vorverständigtheit, sondern durchaus (selbst)kritisch-skeptisch auf dieses Phänomen reagierend und sich aufmerksam für die Bedingungen der (Un)Möglichkeit von CSR-Maßnahmen interessierend.


Franziska: Damit schließt sich für mich der Kreis zu oben: Ein Themen-BarCamp zu CSR kann genau das leisten: Gemeinsam Nachdenken, Erfahrungen wie Wissen tauschen, uns von Hierarchien befreien, in einer bunten Vielfalt uns den Themen nähern. Vor allem, wenn die Teilgeber (wie wir die Teilnehmer von BarCamps nennen) fragend wie wissend an diese große Aufgabe herantreten und den Mut mitbringen, es nicht bei Diskussionen zu belassen, sondern die Dinge danach auch anpacken. Ich kann allen Beteiligten dafür nur viel Erfolg und gutes Gelingen wünschen.

Kai-Uwe, ich danke Dir für das interessante Gespräch.


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Dieser Artikel wurde verschlagwortet mit: Corporate Social Responsibility, CSR, gesellschaftliche Verantwortung, Diversität, Egalität, Informalität, Inklusivität, Kreativität, Partizipation, Selbstorganisation, BarCamp, Unkonferenz, Großgruppen-Formate, Trends, Soziologie, Unternehmensdemokratie



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