Digitale Transformation im Bauhandwerk

21.02.2017 – Wie jede Branche wandelt sich auch die Bauindustrie und das Baugewerbe. Ein Sektor, der ohnehin schon extrem zeit- und preisgetrieben ist, soll mithilfe der Digitalisierung noch effizienter, ressourcenschonender und schneller werden. Building Information Modeling (BIM), Mundpropaganda via Social Media, Recruiting von Fach- und Nachwuchskräften via Web - es gibt zahlreiche Trends und Lösungsansätze, den alltäglichen Herausforderungen im Bauhandwerk zu begegnen. Ich sprach mit Roland Riethmüller über eine Branche im Aufbruch und seinen Anteil daran, diesen Veränderungsprozess zu begleiten.

Franziska:


Guten Tag Roland. Herzlich Willkommen!

Für diejenigen, die Dich noch nicht kennen, eine kurze Vorstellung: Du bist Gründer und Chefredakteur von Meistertipp.de. Das ist ein Online-Nachrichtenmagazin für Fachleute aus dem Bauhandwerk. Nach zahlreichen Leitungspositionen in baubezogenen Fachverlagen und im Online-Marketing von Villeroy & Boch hast Du Dich 2014 mit dem Portal selbständig gemacht. Mit Deinem Background fokussierst Du Dich dabei auf die Digitalisierung der Branche.

Roland:


Ja, das fasst meinen bisherigen Werdegang ganz gut zusammen. Mir ist es wichtig, die Unternehmer und Mitarbeiter der Branche für das Thema zu sensibilisieren. Ich sehe dafür großes Potenzial, sich die Arbeit leichter zu machen und von disruptiven Entwicklungen nicht überrascht zu werden.

Franziska:


Mit Eurem Online-Angebot unterstützt Ihr Handwerksbetriebe im Arbeitsalltag. Was beschäftigt Handwerker derzeit am stärksten? Was ist Deine Beobachtung?

Roland:


Aktuell können sich Handwerker vor Aufträgen kaum retten. Damit bleibt ihnen die oftmals für sie lästige Auftragsakquise erspart. Dennoch belastet nach wie vor der Fachkräftemangel. Denn gute Fachleute sind im Prinzip nicht zu bekommen. Doch auch die Nachwuchskräfte sind rar und können sich am Ende die Betriebe aussuchen.

Franziska:


Und was sollte Handwerker beschäftigen? ;-)

Roland:


Genau das ist die Herausforderung für die Handwerksbetriebe. Eigentlich haben sie keine Zeit, sich mit Social Media auseinander zu setzen. Um eine hohe Arbeitgeberattraktivität auszustrahlen, kommen sie jedoch nicht drumherum. Gerade Nachwuchskräfte informieren sich heute sehr intensiv über die Betriebe bevor sie einen Ausbildungsvertrag unterschreiben.

Franziska:


Als Chefredakteur eines Fachmagazins für’s Bauhandwerk wirkst Du stark darauf hin, womit sich Eure Leser beschäftigen. Mit welchen Zukunftstrends und Themen befasst Ihr Euch?

Roland:


Das große Thema der Bauwirtschaft ist die Digitalisierung und die damit erwartete Kosten- und Zeiteffizienz. Die Politik drängt aktuell immer stärker darauf hin und möchte, dass bis 2020 Großaufträge nur noch digital mit dem sogenannten Building Information Modeling (BIM) gebaut werden. Dabei ist klar, dass die Baukonzerne schon ganz anders unterwegs sind als die kleinen und mittelständischen Betriebe oder gar die sogenannten Baubetriebe ohne Beschäftigte. Trotzdem wird das in den kommenden Jahren auch immer stärker den Mittelstand beschäftigen. Daher ist es wichtig, sich rechtzeitig mit diesem Thema zu beschäftigen. Meistertipp.de präsentiert Best-Practices und zeigt, wie man sich mit digitalen HIlfsmitteln modern aufstellen kann.

Franziska:


Lass uns diesen Trend, der in allen Disziplinen zu beobachten ist, noch einmal genauer anschauen. Da gibt es einerseits die Utopie, dass uns Maschinen (Roboter und Software-Programme) die Routine-Tätigkeiten und schweren Arbeiten abnehmen. Auf der anderen Seite wächst die Angst, keine bezahlte Arbeit mehr zu finden. In einer Branche wie dem Bau, die ohnehin unter einem großen Zeit- und Preisdruck steht, ist das vermutlich Feuer unter dem Kessel. Wie schätzt Du den aktuellen Stand in Bezug auf die Baubranche ein?

Roland:


Eins ist klar: die Bauleistung wird man auch in Zukunft nicht im Online-Shop digital runterladen können. Trotzdem werden heute bereits immer mehr Aufträge online vermittelt. Das ersetzt zwar nicht die klassische Mundpropaganda bei der Kundenakquise, wird in Zukunft aber eine immer stärkere Rolle spielen. Doch auch die klassische Bauleistung wird immer stärker digitalisiert. So gibt es erste Roboter, die Mauern errichten können und auch ganze 3D-Drucker, die Häuser aus Beton drucken. Zwar sind dies bisher experimentelle Einzelfälle, doch zeigt sich, wohin die Reise geht.

Franziska:


Worauf sollten sich Handwerksbetriebe einstellen? Wie schaffen sie ein Umfeld, in dem sie selbst und ihre Mitarbeiter Zukunft gestalten können?

Roland:


Handwerkern wird nachgesagt, dass sie wenig innovativ sind. Doch es gibt jetzt schon zahlreiche Beispiele für Handwerksbetriebe, die sich modern aufstellen. Interessanterweise sind das dann auch die erfolgreichen Unternehmen, die Aufträge und Mitarbeiter fast automatisch anziehen. Aus diesem Grund sollten Inhaber die Weichen rechtzeitig stellen und ihren Betrieb für die Zukunft rüsten. Dazu gehört auch, die Mitarbeiter auf die Digitalisierung vorzubereiten. Denn auch Roboter und Software müssen durch erfahrenen Menschen gesteuert werden.

Franziska:


Meine Partner und ich setzen uns für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen in D-A-CH ein. Das heißt, wir bringen Leben ins Arbeiten. Wir ermächtigen Menschen zu Selbstorganisation in den Firmen. Wir hinterfragen die Grundannahmen und Methoden der konventionellen Betriebswirtschaft(slehre) und setzen ihr Alternativen entgegen. Aufbauend auf aufklärerischen, humanistischen Grundhaltung stärken wir so das unternehmerische Denken. So können Mitarbeiter ihre Firma gestalten und empfinden dabei Freude an ihrer Arbeit. Etwas, das für mehr Menschen (wieder) selbstverständlicher sein sollte. Was bedeutet für Dich Lebens- & Arbeitswelten mit Zukunft? Wann empfindest Du Arbeitsfreude?

Roland:


Für mich ist es wichtig, meine Arbeit selbst einteilen und Entscheidungen treffen zu können. Das ist in Baubetrieben eigentlich nicht anders und prägt auch die Arbeit am Bau: Die Mitarbeiter können eigenständig arbeiten und werden nach ihren Zielen beurteilt. Aber dennoch musste oftmals gemacht werden, was der Chef sagt – ohne wenn und aber. Das wandelt sich gerade. Denn ich hatte eingangs schon davon gesprochen, dass der Arbeitsmarkt im Bauhandwerk wie leergefegt ist. Das bedeutet auch, dass sich Betriebe immer mehr um ihre Mitarbeiter bemühen müssen und sie möglichst lange im Betrieb halten wollen. Kluge Handwerksmeister von heute handeln daher anders und lassen auch die Jüngsten mal zu Wort kommen. Der Spaß an der Arbeit gewinnt an Bedeutung, das Teamgefühl wird gestärkt. Moderne Themen wie Employer Branding gehören auch dazu.

Franziska:


In Transformationsprozessen ist ein Teil, die Menschen ins Draufrumdenken zu bringen, Vertrautes zu hinterfragen. Um Menschen ins Handeln zu bringen, braucht es darüber hinaus den Austausch mit Gleichgesinnten. Als wir uns das erste Mal über das Handwerkscamp unterhielten, sagtest Du mir, Du möchtest diejenigen zusammenbringen, die weiter denken.

Roland:


Das ist richtig. Das Konzept eines Barcamps bietet eine Plattform für den ungezwungenen Austausch von Menschen, die sich aus ihrer Komfortzone bewegen, um Änderungen mitzugestalten. Genau diese Vor- und Weiterdenker beschäftigen sich oftmals selbst im Kleinen mit der digitalen Transformation im Bauhandwerk und freuen sich, ihre Erkenntnisse zu teilen und von anderen zu lernen.

Franziska:


Für viele ist die Vorstellung ungewohnt, dass sich Azubis, Gesellen, Poliere, Handwerksmeister, Betriebsleiter und Geschäftsführer auf Augenhöhe austauschen. Lösen wir uns von der klassischen Rollenverteilung in Betrieben, entsteht ein Raum für persönlichen Austausch von Praxiswissen. Was ist für Dich das Besondere an BarCamps?

Roland:


Es ist die Energie, die dabei entsteht, wenn sich Menschen unterschiedlicher Hierarchiestufen jedoch mit einem gemeinsamen Interesse auf Augenhöhe begegnen. So ist es das Bauhandwerk und die Lösung der damit in Verbindung stehenden Herausforderungen, die die Teilnehmer bewegt.

Franziska:


Kannst Du Dich noch an Dein erstes BarCamp erinnern?

Roland:


Oh ja, das kann ich! Es war 2006 in Berlin – das erste Barcamp in Deutschland. Mein Chef hat mich für verrückt erklärt, zu einer Konferenz zu fahren, wo man nicht mal weiß, wer über was spricht. Doch ich habe mich durchgesetzt und selbst eine Session vorbereitet. Ich wollte allerdings erstmal abwarten und bin dann automatisch auf meinem Stuhl runtergerutscht, als die Frage nach Freiwilligen für die Sessions gestellt wurde. Doch was dann kam, macht mir heute noch Gänsehaut: Fast alle Hände gingen hoch und jeder wollte seine Themen vorstellen. Natürlich habe ich dann auch eine Session gehalten. Es war eine großartige Erfahrung!

Franziska:


Was sind für Dich die Kernelemente eines BarCamps?

Roland:


Ein Barcamp lebt von aktiven Menschen, die sich nicht einfach nur zurücklehnen und beschallen lassen. Diese Prosumenten sind viel offener als die reinen Konsumenten. Ich habe über die Jahre auf Barcamps so viele interessante Menschen kennengelernt und von ihnen viel gelernt. Und auch durch jede eigene Session kann man selbst nur gewinnen!

Franziska:


Worauf achtest Du als Organisator und Moderator? Was ist Dir dabei wichtig?

Roland:


Nun, als Organisator und Moderator muss ich einen Rahmen schaffen, in dem sich alle wohl fühlen können. Denn das ist die Basis für einen ungezwungenen Austausch der Teilnehmer. Gleichzeitig muss ich auch das Konzept erklären und die Teilnehmer motivieren, damit auch Neulinge den Mut für eine eigene Session aufbringen.

Franziska:


Als Moderator kannst Du den geschützten Raum für den Austausch der Teilnehmer schaffen und halten. Letztlich liegt es jedoch in den Händen der Teilnehmer, was sie aus dem BarCamp machen.

Roland:


Das ist richtig. Das Barcamp lebt von den Aktivitäten der Teilnehmer und der daraus entstehenden Eigendynamik! Denn die Erfahrung zeigt, dass nur eine bestimmte Art von Mensch das Wochenende investiert, um sich gemeinsam auszutauschen. Doch bisher habe ich kein Barcamp erlebt, auf dem die Teilnehmer ihre Teilnahme bereut haben.

Franziska:


Was wünschst Du Handwerksbetrieben, die sich mit den von uns angesprochen Themen beschäftigen?

Roland:


Die Zukunft ist auch in der Baubranche nicht aufzuhalten. Wer das beherzigt und sich rechtzeitig entsprechend aufstellt, wird künftig ein großes Stück vom Kuchen abbekommen. Wer an Althergebrachtem verkrampft festhält, wird dagegen bald nur noch Rücklichter sehen. Besonders eindrucksvoll beweist das die SHK-Innung Berlin als Schirmherr vom Handwerkscamp: So wurde das Barcamp als Programmpunkt in die Jubiläumsfeier aufgenommen. Denn 400 Jahre Tradition schließen nicht aus, sich an zukunftsorientierten Veranstaltungen zu beteiligen…

Franziska:


Was wünschst Du den Teilnehmern vom Handwerkscamp?

Roland:


Wer über den Tellerrand schaut und seinen Horizont erweitert, wird überrascht sein. Ich wünsche den Handwerkern den Mut, diesen Weg zu gehen. Sie werden sehen, dass der Besuch eines Barcamps ein ganz besonderes Erlebnis ist.

Franziska:


Und was wünschst Du Dir?

Roland:


Ich freue mich auf eine tolle Veranstaltung und wünsche mir, dass möglichst viele Handwerker den Mut aufbringen und beweisen, dass das Bauhandwerk eben nicht so verstaubt ist, wie es gemeinhin gilt.

Franziska:


*schmunzelt.

Sehr schön. Das wünsche ich allen Beteiligten auch. Vielen herzlichen Dank für das Gespräch, Roland.

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