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Aus der Werkstatt

KW 35 / 2021

veröffentlicht: 05.09.2021 · Franziska Köppe | madiko

Aus der Werkstatt 2021

Controlling, Digitalisierung, FAHRRADkultur,
EnjoyWork LeseLust und mehr

Diese Woche hatte ich mir das Thema “Controlling” vorgenommen. Da dies nicht zu meinen liebsten Tätigkeiten gehört (auch wenn ich es ganz passabel umsetzen kann) schaute ich, dass ich mir die Tage noch mit schönen Dingen aufwertete. Es war einiges los, das ich in Blogform zu gießen trachte. Überhaupt begegnet mir zurzeit so viel, sodass ich nach Wegen suche, die zahlreichen Eindrücke zu verarbeiten. Ich nahm meine abendlichen Spaziergänge wieder auf. Ein erster Schritt und doch nicht ausreichend, alles zu sortieren, einzuordnen und zu verwahren im Kurz- wie Langzeitgedächtnis. Das Aussortieren ebenfalls nicht zu vernachlässigen. Manches gehört einfach abgeschlossen und abgehakt.

Foto: Aus der Werkstatt 2021
[ 2020-03 Franziska Köppe | madiko ]

Forschungsprojekt
“Peer Innovation”

Einen Glanzpunkt konnte gleich mein Montag setzen. Ich hatte ein Auftakt-Gespräch zum Forschungsprojekt “Peer Innovation” des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung an der Technischen Universität Berlin. Die Forscher:innen untersuchen, “wie Gleichgesinnte in ihrer Freizeit gemeinschaftlich nachhaltige Lösungen schaffen. Das Projekt erprobt neuartige Messmethoden und erarbeitet Instrumente, mit denen die Dynamiken und Potenziale dieser Aktivitäten besser verstanden werden können.” (Zitat der Startseite)

Unabhängige Entwickler:innen leisten in verschiedenen Bereichen wichtige Impulse für neue Produkte und technische Verfahren. Wissen, das auf diese Weise entsteht, wird in der Regel nicht durch Patente vor Nachahmung geschützt, sondern bereitwillig mit anderen geteilt. Im offenen Austausch mit Gleichgesinnten können die Ideen so gemeinsam weiterentwickelt werden. Dabei entstehen neuartige Lösungsansätze, die sich von kommerziell ausgerichteten Innovationen erheblich unterscheiden. Welche Chancen liegen darin für eine sozial-ökologische Transformation?

Institut für ökologische Wirtschaftsforschung

Open Citizen Science, Social Impact
und digitale Nachhaltigkeit

Im Zentrum steht also Social Impact Measurement für Open Citizen Science – beides Bereiche, die mich seit einigen Jahren sehr interessieren. Die Peer-Group OpenBikeSensor, die ich seit Sommer 2019 unterstütze, wäre der Forschungsfokus, sollte die Kooperation zustande kommen. Mehr kann ich an dieser Stelle (noch) nicht verraten. Drückt mal die Daumen, dass es klappt. Wäre spannend und ich bin auf die Erkenntnisse neugierig. Zumal dieser junge Mensch, mit dem ich ein intensives wie kurzweiliges Gespräch über seinen Forschungsansatz führte, sehr sympathisch und engagiert war. Falls Du das liest: Viel Glück und Erfolg fürs Exposé!

Weiterlesen: Die Forscher:innen veröffentlichen regelmäßig Arbeitsberichte, Präsentationen, Artikel und mehr. Es lohnt sich, da mal zu stöbern!

FAHRRADkultur

Zweirat Stuttgart: DashFactory

Am Montagabend ging es direkt weiter in Sachen FAHRRADkultur. Leila König, Mit-Gründerin von DashFactory war zu Gast im alternativen Fahrradforum Zweirat Stuttgart. Es war ein sehr konstruktiv-kritisches Gespräch (online, via BBB). Leila berichtete vom Stand der Entwicklung, der Produktion und zum Lieferstatus der DashBike, ein rechtssicherer, vollautomatischer Überholabstandsmesser für Fahrräder. 2019 gründete sie zusammen mit Sandro Beck das Unternehmen. Wie alle Start Ups durchliefen sie seither zahlreiche Höhen und Tiefen – von der Produktentwicklung über Finanzierung (inklusive Abzocke von Geschäftspartnern, wir alle kennen das) und enormen Lieferschwierigkeiten (COVID19 und ein querstehendes Schiff im Suez-Kanal haben das ja nicht gerade besser gemacht und die fragilen Lieferketten deutlich offengelegt) bis hin zu einer ausgesprochen ungeduldigen und mittlerweile stark verärgerten Fahrrad-Community. Nun sollen Ende September endlich die ersten 620 DashBikes an die “Early Birds” und “Ambassadors” aus der Kickstarter-Kampagne ausgeliefert werden. Ob es klappt, hängt weiter an der Zertifizierung (Datenschutz und Rechtssicherheit). Ich bin mit Leila für in zwei Wochen verabredet. Darauf freue ich mich. Wir wollen schauen, was wir gemeinsam bewegen und umsetzen können.

EuroBikeShow:
Geschäftsmodelle rund um “Transport-Fahrräder”

Ende August / Anfang September ist EuroBike Zeit. Eine Pandemie hat ihre Vorzüge und so konnte ich mir sogar im “Controlling”-Wahn den Donnerstag freischaufeln, um mir den Track “Cargobike-Academy” anzuschauen und live mitzutwittern. Besonders hatten mich interessiert die Runden:

Ich wurde nicht enttäuscht! Wirklich hoch spannende Beiträge von engagierten Männern. Diese maskuline Dominanz war augenfällig. Nur eine Frau bereicherte die Panel. Eine Erkenntnis, die Arne von CargoBike.jetzt, Moderator und Organisator des Tracks, teilte: Die Fahrrad-Branche ist eindeutig zu männlich dominiert. Er formulierte gleich zu Beginn den Aufruf und Wunsch, dass sich mehr Frauen aktiv einbringen. Gleichwohl war es eine bunte, internationale und umtriebige Community. Fasziniert schaute ich zu, wie auf Deutsch gefragt und auf Englisch und Französisch geantwortet wurde (oder umgekehrt). Simultan-Übersetzung für die Anwesenden vor Ort. Ich mag vor allem die Wertschätzung, die die Beteiligten füreinander zeigen. Hier spürt man, dass sie für die Gesellschaft etwas bewegen wollen und ihre einzelnen Beiträge zum Ganzen zwar kritisch beäugen, untereinander jedoch kollaborieren und kooperieren. Eine Wohltat und für mich ebenfalls Ausdruck von FAHRRADkultur.

Der Livestream war noch recht hakelig. Da wäre Verbesserungspotenzial. Insgesamt war ich begeistert und hoffe sehr, die Zeit zu finden, die zahlreichen Erkenntnisse für EnjoyWork / FAHRRADkultur aufbereiten zu können, sobald die Videos der Aufzeichnung online sind. Da also mal den YouTube-Kanal der EuroBike und die Internetseite im Auge behalten.

Digitale Transformation von madiko

Tabellen-Kalkulation, Online-Banking und Aufgaben-Organisation

Wenn Du meine Reise schon eine Weile verfolgst, dann weißt Du es bereits: Ich erkämpfe mir die digitale Souveränität und möglichst eine Unabhängigkeit von amerikanischen Konzernen zurück. Mich erschreckt, wie stark wir in Europa vom Silicon Valley abhängig sind. Zudem habe ich mehr Vertrauen in Open Source-Communities als in Konzerne.

Nun machen uns die gesellschaftlichen Strukturen und globalen Rahmenbedingungen den Umstieg nicht leicht. Umso mehr freuen mich die Tipps und Tricks aus meiner Community. Diese Woche konnte ich einer Empfehlung von Stefan Röcker von den Kultur-Komplizen folgen und vollzog den ersten Schritt zur Unabhängigkeit von Microsoft Office (MS Office).

Büro-Software: LibreOffice

Das System heißt LibreOffice und ist ein internationales OpenSource-Projekt. Die Schulungsvideos in Deutsch sind gewöhnungsbedürftig. Mir scheint die Vertonung mit einem Automaten realisiert worden zu sein. Da halte ich keine zwei Minuten durch. Die Handbücher hingegen sind gut und vor allem umfassend. Einen großen Respekt vor der Community für diese exzellente Dokumentation. Als langjährige MS Office-Nutzerin fällt mir der Umstieg also nicht schwer, zumal die Bedienerführung der von MS Office sehr ähnlich ist.

Ich warte eher auf die Momente, wo ich etwas aus der Gewohnheit heraus tue und das Programm anderes als erwartet reagiert. Unter anderem geht mir das beim Kopieren und Automatisieren von Datensätzen hinsichtlich der Formeln so. Ich bin noch nicht dahinter gekommen, wie die innere Logik von LibreOffice diesbezüglich funktioniert. Da muss ich mein altes Mathe-Genie wieder entstauben und reanimieren. Das ist aus Mangel an Nutzungshäufigkeit leider arg in Vergessenheit geraten. *seufz

Nach einer Woche Nutzung stelle ich zudem betrübt fest: Es gibt ein paar Dinge, die ich in LibreOffice Calc vermisse, besonders was die Formatierungen der Tabellen anbelangt. Da ist viel mehr händische Doppel-Arbeit nötig als ich es von MS Office gewohnt bin. Ich hoffe, dass ich diesbezüglich weiterkomme, wenn ich mich in die Logik der “Vorlagen” bei LibreOffice reingefuxt habe. Die ist weder mit MS Office noch mit der der Adobe CC Suite vergleichbar. Von daher tue ich mich schwer. Da Formatierungen ohnehin extrem zeitaufwändig sind, bin ich darüber nicht so glücklich. Gleichwohl kenne ich mich: In riesigen Excel-Listen helfen mir Formatierungen enorm, die Zahl der Fehler zu reduzieren und mein Arbeitstempo zu erhöhen. Controlling frisst ohnehin schon viel zu viel Zeit. Meine tiefe Bewunderung für alle Buchhalter:innen, Steuerberater:innen, Analyst:innen und Daten-Ingenieur:innen! Wie macht Ihr das nur?! Daher suche ich nach graphischer Unterstützung und Automatisierung (Querlinks und Formeln, Formeln, Formeln!!!), um mich auf das beschränken zu können, was händisch eingegeben werden muss. Dann bleibt mehr Zeit für die Analyse der Ergebnisse und das Ausarbeiten der unternehmerischen Entscheidungen auf dieser Basis.

Mithin: Mich in die Programme einzuarbeiten und durch die lästige Controlling-Arbeit zu quälen, lohnt sich in der Gesamtsumme. Und ich nehme mir aufs Neue vor, diese Arbeiten gleichmäßiger übers Jahr zu verteilen. 1 Tag pro Monat (idealerweise der erste oder zweite Werktag im Monat) ist besser als eine Woche am Stück, wo ich dann die Versäumnisse aufholen muss. Zumal eine aktuelle “Wasserstandsmeldung”, wie es Stephan nennt, in jedem Fall ratsam ist. Jetzt kann ich dies mit noch etwas mehr Lust tun mit LibreOffice.

Um im Bild zu bleiben: In Sachen Wirtschaftlichkeit wäre ein bisschen mehr Flut auf meinem Konto übrigens auch deutlich besser als wir das dieses Jahr in der Natur weltweit beobachten. Anderes Thema. Noch ein tiefes *seufz

Online-Banking: Starmoney

Im Zusammenhang mit meinem Controlling-Marathon prüfte ich übrigens auch mein Online-Banking-Programm auf Alternativen. Hier ist das Angebot an Open Source allgemein mager, für Freiberufler:innen noch karger. Vor allem für diejenigen wie mich, die hinsichtlich IT-Infrastruktur größtenteils auf uns selbst gestellt sind und nicht gerade Software-Entwickler und System-Administratoren sind oder werden wollen.

Beim Online-Banking setze ich meinen Spielraum für Experimente deutlich enger. Ich habe vor Sicherheitslücken enorm Respekt und bin weit weniger risikofreudig. Fazit meiner Online-Recherche: Ich bleibe bei StarMoney. Das Produkt der StarFinanz, einer Tochter des Sparkassen-Verbands, ist ok und erfüllt meine wichtigsten Grundprinzipien an HackingEthik. Ich vertraue darauf, dass dort Profis am Werk sind. Es ist sicher nicht das kostengünstigste Produkt und spätestens alle zwei Jahre sollte man das Upgrade kaufen. Ich habe jedoch in den letzten 10 Jahren Selbständigkeit gelernt, dass es deutlich teurer werden kann, wenn man hier an der falschen Stelle versucht zu sparen. Lehrgeld, dass ich Dir, liebe:r Leser:in vielleicht hiermit erspare.

Mein Traum wäre ja, eine integrierte Open Source-Lösung aus Online-Banking, ERP und CRM-System, das einen hohen Anspruch an Datenschutz und Datensicherheit sowie Schnittstellen zum E-Mail-Programm, zur Bank, zum Newsletter-Tool und idealerweise Social Media bietet. Mehr Automatisierung und die Option für asynchrones Arbeiten im Team bitte auch. Das Ganze dann bitte integriert mit marktorientierten Gehalts-/Honorar-Systemen. Na ja, träumen darf ich.

Kanban mit Kanboard

Apropos träumen: Ein Traum ist mein neues, selbstgehostetes KANBAN. Ich habe das OpenSource-Tool Kanboard seit Mitte April im Einsatz und bin hellauf begeistert. Die Updates waren genial einfach. Vielmehr: Das tägliche Arbeiten mobil und lokal sowie die Backups der Datenbank sind effizient und produktiv. Echt klasse. Danke an dieser Stelle noch einmal für den genialen Tipp, Dirk! Kann ich nicht oft genug wiederholen.

EnjoyWork LeseLust:
Geführter Lesezirkel ab Herbst

Schon vor über einem Jahr wurde ich aus der EnjoyWork-Community heraus gebeten, einen Lesezirkel zu organisieren. Dann kam COVID19. Nun werden die Pläne konkreter. Meine Motivation erhöht hat auch die “Guided Reading Guild”, eine Gruppe, die Gerrit Beine ins Leben gerufen hat.

Lesereise “Nachhaltigkeit”

Dort wagen wir uns ab Oktober an den Themenkomplex “Nachhaltigkeit”. Aus der EnjoyWork LeseLust, dem Griff in mein Bücherregal sowie guten Buchtipps von befreundeten Geschäftspartnern und Gleichgesinnten stellte ich eine Liste an Büchern zum Thema zusammen. Ich ordnete sie den Zielen für nachhaltige Entwicklung zu. Gerade sind wir dabei, unsere Favoriten auszuwählen (aktueller Stand ist grün markiert in der Liste).

Zum Auftakt schlug Ferdinand Grah das Buch “Die Entdeckung der Nachhaltigkeit” von Ulrich Grober (Verlag Kunstmann) vor. Als Guide wird er uns am 6. Oktober durch die Guided Reading Guild führen. Ich habe mir das Werk ebenfalls bestellt und bin neugierig auf die “Kulturgeschichte eines Begriffs”.

Ab November ist dann geplant, dass ich ein Mal pro Monat die Guided Reading Guild führe. Wir wagen damit ein neues Setting für die Gruppe, in der wir uns dem Thema Nachhaltigkeit aus verschiedenen Perspektiven nähern wollen. Ich war überrascht, denn die Teilnehmenden der Strategie-Runde für das kommende Programm sind mit dem Begriff, seinen Theorien und Konstrukten noch wenig vertraut. Das wird spannend!

Wie alles begann

Rico Grimm fragte Anfang der Woche via Twitter, wann wir verstanden hätten, dass der Klimawandel ein wirklich ernstzunehmendes Problem ist? Und was hat euch das klargemacht? Überrascht stellte ich fest, dass das bei mir schon Anfang der 1980er Jahre war. Damals hatten mein Großvater und ich einen Ausflug in den Braunkohle-Tagebau süd-westlich von Leipzig gemacht. Rudi-Batschi zeigte mir die Ödlandschaft, die einst sein elterliches Dorf gewesen war. Er hatte Fotos dabei. Statt der lebendigen Dörfer sahen wir eine unfassbar karge, immens große Brache und mittendrin dieses Monster von Braunkohletagebaubagger, der sich durch die Erde fraß. Nur einzeln eine mutige Birke, die sich gegen die menschliche Verwüstung zu stemmen schien. Heute – mehr als vierzig Jahre später – ist das alles “Naherholungsgebiet”. Es wird lange dauern, bis im Leipziger Neuseenland wieder dichte Mischwälder stehen und sich die Natur ihren Platz zurückerobert hat.

Deutschland / Sachsen: Leipziger Neuseenland: Braunkohlebagger. Bild: copy Franziska Köppe | madiko

Deutschland / Sachsen: Leipziger Neuseenland: Braunkohlebagger
[ 2015-08 Franziska Köppe | madiko ]

Es gab in meiner Kindheit und Jugend viele andere, unübersehbare Anzeichen, dass wir Menschen der Natur und unseren eigenen Lebensbereichen schaden: So waren die Häuser damals alle schwarz vom Ruß der Schornsteine. Braunkohle und, wenn wir Glück hatten, Steinkohle war(en) das Heizmittel dieser Zeit. Angefacht wurde der Ofen mit Papier, Anzünder und Holz. Von unserem Dorf aus sahen wir sehr deutlich die Dunstglocke über Gera – eine braune Schicht von Smog. Saurer Regen und kahle Wälder waren die Folgen. Grausig, wenn ich an die toten Bäume denke, denen wir auf unseren Wanderungen begegneten. Mir jagt das heute noch einen Schauer über den Rücken, wenn ich mich daran erinnere. Pleiße und Weiße Elster waren die Flüsse meiner Kindheit. Ich kannte sie nur seifenschaum-gekrönt. Oftmals trieben Fische mit ihren weißen Bäuchen nach oben darin und auch die, die aus eigener Kraft schwammen, waren mehr tot denn lebendig. Angeln? Eher nicht.

Ich erinnere mich zudem an die wilden Rehe, die ich von meinem Kinderzimmerfenster aus über die Felder hinterm Haus bis ans Dorf heranpirschen sah. Schafe zählen? Ich zählte Rehe, ob alle da sind. Traurig, wenn wieder eines fehlte. Also sammelten wir im Herbst Kastanien und Eicheln, um die hungrigen Tiere im Winter füttern zu können. Wir Kinder unterstützten die Jäger und den Tierpark. Ich erinnere mich gut an die Ausflüge mit dem Kindergarten, wie wir im Schnee durchs dicke Tannicht stolperten und die Krippen füllten, immer darauf bedacht, möglichst leise zu sein. Unvergessen bleibt auch die zerstörerische Gewalt des Hochwassers des unscheinbaren, kleinen Saarbach. Binnen Stunden war 1981 aus dem flurbereinigten Bächlein ein rasender Strom geworden, der ganze Häuser versetzt oder gänzlich mit sich fortgeschwemmt hatte. Wir hatten damals enormes Glück, da wir auf der “dürren Henne” oben auf dem Berg wohnten. Die Familien im Tal, in der unsere Schule war, waren hingegen stark betroffen. Mein Großvater Erich, mein Vater und eine ganze Reihe Dorfbewohner setzten sich dafür ein, dass die Flur renaturiert und die Begradigungen zurückgebaut wurden. Ich war oft bei den Gesprächen zugegen und habe so allerlei über das Bauen im Einklang mit der Natur gelernt. Mir wird erst jetzt bewusst, wie viel dieses Wissens ich als allgemein bekannt erachte. Genauso wie ich einiges über natürliche Kräuter, Vegetation und Fauna weiß. Alles nicht selbstverständlich. Leider.

Wissens- & Erfahrungsaustausch im Lesezirkel

All das hat letztlich dazu beigetragen, dass ich mich schon als Kind für die Umwelt eingesetzt habe. Auch in meiner Berufswahl achtete ich darauf, wie umweltfreundlich und sozial die Unternehmen waren, für die ich meine Arbeitskraft einsetzte. Im Verlaufe der letzten Jahrzehnte hat sich das verstärkt. Ich lerne beständig hinzu, versuche, mein Wissen auf dem neuesten Stand zu halten und auszubauen. Mir wurde die Dringlichkeit für den Systemwechsel bewusster. Ich traf immer konsequenter Entscheidungen. Und nähere mich dem Ideal eines nachhaltigen Lebens und Arbeitens dennoch weiter nur an. Die Entscheidungsprozesse sind komplex, vielschichtig und bedingen oft ein Abwägen unterschiedlicher Bedürfnisse und Konsequenzen. Das fällt mir auch nicht immer leicht. Doch meine Haltung ist klar. Wenn ich also anderen im Erkenntnisprozess Impulse setzen, mein Wissen und meine Erfahrungen weitergeben kann, finde ich das großartig. Ich freue mich darauf.

Wissenswertes

Apropos Wissen erweitern. Ich bin auf den Geschmack von Podcasts gekommen. Dafür nutze ich gern meine Morgendliche Aufwach-Routine, die Mittagspause und auch die Zu-Bett-geh-Zeit. Diese Woche hörte ich zum Einen die letzten beiden Folgen der Sommer-Serie Corona Virus Update Kompakt. Beke Schulmann zog gemeinsam mit Dr. Sandra Cieseck eine Zwischenbilanz. Ich habe zwar alle Folgen des Podcasts gehört. Doch fand ich es gut, alles Wichtige zu wiederholen. Ich lege diese acht Kurz-Folgen vor allem denjenigen ans Herz, die sich einen Überblick verschaffen wollen, wo wir wissenschaftlich zum Thema stehen – Schwerpunkt Virologie, Medizin und Epidemiologie.

Auch die letzten beiden Folgen vom SPRIND-Podcast kann ich empfehlen. In der 15. Folge unterhält sich Thomas Ramge mit Rebecca Saive über Solarzellen. Die Folge mit Dieter Willbold über Alzheimer-Forschung ist eine der nerdigsten, die ich jemals gehört habe. Und das schließt das Corona Virus Update mit ein! :-)) Thomas ist sich dabei nicht zu schade, wiederholt Verständnisfragen zu stellen. Das macht es dennoch angenehm, dem Gespräch zu folgen.

Am meisten geht mir jedoch das Gespräch zwischen Maja Göpel, Richard David Precht und Hartmut Rosa nach. Es war der Auftakt zur Utopie-Konferenz an der Leuphana letzte Woche. Die drei unterhalten sich über Resonanz und Beschleunigung. Sie diskutieren vor allem Begriff, Entstehungsgeschichte sowie die sozialen Konsequenzen von “Eigentum”. Richard wagt den Versuch, Hartmut einen Lösungsansatz zu entlocken. In gewisser Weise gelingt es ihm sogar. Höchst spannend und amüsant.

Bundestagswahlkampfmüde

Bei meinen abendlichen Runden bin ich konfrontiert mit Wahlplakaten. Ich muss wirklich sehr an mich halten, da nicht “Finte. Zum Fakten-Check bitte hier entlang” zu kleben. Bleibt zu hoffen, dass möglichst wenig Menschen dem Glauben schenken, was einem da von den Laternenmasten entgegengrinst. Social Media wird mir ebenso leidig. Ich kann die dumpen Wahlkampfparolen und die Empörungen nicht mehr hören. Wenn es um Lösungen auf die großen Fragen oder wenigstens Inhalte und Positionen ginge. Darüber ließe sich ja ein Diskurs führen. Die gegenseitigen Beschimpfungen und Verleumdungen, die unsachgemäßen Grabenkämpfe hingegen sind grässlich. Auf die Trialoge verzichte ich. Ich habe Wichtigeres zu tun.

Doch so ganz kann man sich dem Thema ja nicht verschließen, will man eine halbwegs aufgeklärte Entscheidung treffen. Am Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung finde ich übrigens gut, dass endlich auch die kleinen politischen Organisationen mit aufgeführt werden und Du die Möglichkeit hast, Akzente zu setzen, was Dir wichtig für Deine Wahlentscheidung ist. Konzeptwerk neue Ökonomie hat die Wahlprogramme der fünf großen Parteien aus Klimagerechtigkeitsperspektive analysiert, um festzustellen, inwiefern sie eine transformative – mit der 1,5°-Grenze konforme Politik anstreben. Die Klima-Allianz Deutschland greift sich ebenfalls nur die großen heraus, bewertet sie im Hinblick auf ihre Klimaschutzpolitik und bietet einen Klima-Wahl-Check an. Für die LGBTQI+ Community gibt es Wahltraut, die die Wahlprogramme mit Fokus auf feministische und gleichstellungspolitische Themen prüft und entsprechende Empfehlungen ausspricht. Zur letzten Europa-Wahl gab es ja den Wahl-O-Mat, der sich die tatsächlichen politischen Entscheidungen und Gesetzesabstimmungen der Parteien vorgenommen hatte. Das vermisse ich hier. Schade. Denn das war wenigstens ehrlich.

Nach all den Wahl-O-Maten brauchte ich eine Aufmunterung und fand sie bei Sarah Bosetti. Ein Hoch auf “Extra3”!

Danke dafür! *wischt sich die Tränen aus den Augenrändern

Meine Briefwahlunterlagen schauten mich also von Tag zu Tag verlockender an. Ich entschied mich daher, Twitter vom Smartphone zu deinstallieren. Ich gab meine beiden Stimmen ab und warf meinen Wahlbrief in den nächsten Briefkasten. Es ist eine strategische Entscheidung geworden und trifft nicht meine innere Überzeugung. Jetzt nicht so kompliziert, wie Rico die Szenarien entwirft und Empfehlungen gibt. Eher so: Welche der großen Parteien entspricht am ehesten meinen Vorstellungen in ihren Positionen? Und: Wem traue ich zu, die kommenden vier Jahre einen politischen Wandel zum Wohle der Menschheit in Sachen Klimawandel auf die Kette zu kriegen? Mir war das Risiko zu groß, eine der kleinen Parteien zu wählen, die dann an der 5%-Hürde scheitern. Wohl wissend, dass ich damit genau in die Falle tappe: Wie sollen diese Kleinparteien die Hürde je schaffen, wenn alle so denken wie ich? Der kantsche Imperativ. Da ist er wieder.

Mir erscheint diese Wahl besonders wichtig. Wenn wir die Kipppunkte in der Natur noch abwenden wollen, bleibt nicht mehr viel Zeit zu Handeln. Die Natur diskutiert da nicht.

So habe ich die aus meiner Sicht bestmögliche Wahl getroffen gegen ein “Weiter so!” Wir können es uns nicht leisten. Als aufgeklärte, informierte Bürgerin ist es mir ohnehin ein Rätsel, wie man die in CumX und Korruptionsaffären verwickelten, Klimawandelleugner:innen, die Natur zugrunde richtende, auf den Macht-Erhalt orientierten Berufspolitiker(innen) wählen kann. Echt jetzt. Es übersteigt meinen Horizont, weil ich schon seit meiner Kindheit davor die Augen nicht verschließen kann (siehe oben). Natürlich bin ich von 1989/90 und der politischen Erschütterung meiner damaligen Welt geprägt. Offensichtlich unterscheide ich mich von vielen anderen in Deutschland, die mit dem Ausblenden der Konsequenzen des Klimawandels und auch einem – äh verschrobenen – Demokratie-Verständnis der Volksvertreter kein Problem zu haben scheinen. Nach mir die Sintflut. Blöd nur, dass die Flut, die Dürre, die Wirbelstürme, die Ernteausfälle und Pandemien nicht so lange warten.

Da ich die letzten Wochen oft gefragt wurde, warum ich mich nicht in Partei-Politik und für Lobbyismus einsetze, beschäftigt mich die Frage, wie ich meinen Standpunkt klarer formulieren kann. Ich bin noch nicht an dem Punkt, das zu meiner Zufriedenheit in Worte fassen zu können. Ich kann nur sagen: Für mich macht es einen immensen Unterschied “politisch” zu sein und dem, was ich da draußen an Partei-Politik und Demokratie-Verständnis sehe. Um mich hier weiterzuentwickeln, hörte ich mir zuerst im “Soziopod” die Folgen zu Hanna Arendt an: Soziopod #056: Hannah Arendt – Vita Activa oder Vom tätigen Leben und Soziopod #057: Hannah Arendt – Über das Böse. Dann bei “Was denkst Du denn?”: Hanna Arendt oder: Nicht handeln ist auch keine Lösung. Das war höchst spannend, erst den Männern und dann den Frauen beim draufrumdenken zuzuhören. Aus fachlicher Sicht empfehle ich meine gewählte Reihenfolge. Das erwies sich als geschickt fürs Verständnis. Danke an Rita und Nils, die sich in die Bücher reinvertieften, um sie uns näherzubringen. Und an Nora und Patrick für Ihre guten Fragen und die Ergänzungen. Dieser Mix ist es, der mir beide Podcasts so hörenswert macht. In Kombination ist es dann echt ‘ne Wucht.

Neben den Wahl-O-Maten und zahlreichen Wahlprüfsteinen, die wie Pilze aus dem Boden sprießen, fand ich den “Lesomat” vom Katapult-Magazin. Wie cool ist das denn?! Er bietet die Möglichkeit, Zeitungen und Magazine nach dem eigenen Lesebedarf auszuwählen. Das Ergebnis überrascht mich nicht. Es trifft so ziemlich die Medien, die ich regelmäßig und sporadisch lese. Ist das jetzt Bias? Oder beweise ich schlicht ein gutes Händchen bei meiner eigenen Auswahl? Hm.

Zuguterletzt

Jo. Was für eine Woche! Die Länge dieses Blogbeitrags offenbart mir mein dringliches Schreibbedürfnis. Vielleicht sollte ich doch dazu übergehen, öfter als ein Mal pro Woche zu bloggen? Hm. Da auch mal draufrumdenken.

Schließen wir mit einem schönen Gedanken: Meine zweite Impfung ist nun mehr als 14 Tage her. Wenn alles wie geplant gelaufen ist (und darauf vertraue ich), habe ich jetzt ganz viele Antikörper gegen SARS-CoV-2 entwickelt. Ein Hoch auf die Wunder der Medizin!

Stille Ziele: Frickenhofen / Hohenlohe / Baden-Württemberg / Deutschland. Bild: cc Franziska Köppe | madiko

Stille Ziele: Frickenhofen / Hohenlohe / Baden-Württemberg / Deutschland
[ 2021-08-10 Franziska Köppe | madiko ]

Wie sind die Aussichten? Ich freue ich mich auf den WalkToTalk Remix nächsten Dienstag und all die tollen Menschen, die ich wiedersehen werde. In zwei Wochen dann sogar richtig von Angesicht zu Angesicht in Stuttgart. So langsam versuche ich, mich wieder an Leute zu gewöhnen. Ein Ge(h)spräch im Grünen scheint mir da die geeignete Wahl. Es hält die Urlaubserinnerungen wach. Bewegung im Kopf und Bewegung in der Natur. Passt.

Felder & Wiesen an einem lauen Sommerabend / Maitis / Baden-Württemberg / Deutschland. Bild: cc Franziska Köppe | madiko

Felder & Wiesen an einem lauen Sommerabend / Maitis / Baden-Württemberg / Deutschland
[ 2021-08-08 Franziska Köppe | madiko ]

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