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To tröt or not to tröt

Meine Reise des Verstehens im Fediverse via Mastodon

veröffentlicht: 07.11.2022 · Franziska Köppe | madiko

· Kapitel 2 ·

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To tröt or not to tröt. Meine Reise des Verstehens im Fediverse via Mastodon

Aufmerksamkeitsfallen
und Torwächter

Warum ist für mich ein dezentrales, föderiertes Social Media eigentlich interessant? Und warum halte ich es für notwendig im gesellschaftlichen Diskurs? Einer Diskussionskultur, die auf freier Teilhabe eines aufgeklärt-humanistischen Bürgertums fußt.

Plattform-Kapitalismus
und Profit-Maximierung

Plattformen wie YouTube, Twitter, Spotify, TikTok & Co. sind darauf optimiert, die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer:innen möglichst lange zu halten. So haben sie drei unternehmerische Vorteile, an die wir Nutzer:innen uns immer wieder erinnern sollten:

  • Sie können zahlreiche Informationen über die Nutzer:innen sammeln – über ihre Interessen, Standorte, Verflechtungen und Vernetzungen, über ihre Verhaltensweisen in der Interaktion.
  • Sie können interessensbezogene Werbung einblenden und bezahlte Inhalte in den Fokus rücken.
  • Sie können über geschicktes Steuern der Algorithmen Emotionalisieren und Sichtbarkeit von Inhalten manipulieren und so den gesellschaftlichen Diskurs steuern.

Rufen wir uns noch einmal die US-amerikanische Kultur ins Gedächtnis:

What unites “lockdown liberation” protesters, Jeff Bezos, Elon Musk, McKinsey and Co […]? They are all in it for private gain. There is no sense of a common wealth or of a public interest or a shared good whatsoever. In fact, even that’s an understatement.

This way of thinking stems from Ayn Rand, who was an acolyte of Nietzsche’s harder, later more embittered thinking, and to it, the idea of any kind of common good is itself a lie. To even imagine a common good or public interest is to do damage. To what? To the Uberman. To the Zarathustra. To the “master morality”, which must dominate the “slave morality”, is the world is to be fair.

Do you see the sleight of hand there? In that little philosophical parlour trick, every virtue has been perverted. Selfishness has become generosity. Cruelty, compassion. Brutality, kindness. Vanity, humility. Good has become bad when we imagine that to conceive of any interest larger than our own narrow material gain is itself foul and harmful — because what good can we really then do in the world? Instead, we pervert ourselves, and believe the foolish lie that only our own narrow enrichment matters, only our own existence counts, and only our own “opinion” is truth. That leaves us with a very big problem.

If I believe that any form of collective action, public interest, or common good is inherently bad — then all the following things become flatly impossible. Morality. Ethics. Society. Decency. Modernity. Civilization itself.

That’s because civilization and modernity are made of public goods. Think of Europe — and you imagine grand public squares, broad avenues, wide open parks, art on the streets. All these public goods are the essence of modernity — as is the expansive healthcare, retirement, education, and so forth, of European social contracts. These are the things which civilize us, and keep us civilized.

I bump into you in the town square, and we chat. How has the day gone? I see you. You are not just my rival in a capitalist contest. We are equals for a moment on this ground. Just like I am at the dog park, with the grizzled London copper, the Italian doctor, the German accountant.

But where does that happen in American society? That levelling? That equality? That freedom from capital and role and status? Nowhere.

Umair Haque

Member of "Thinkers50":https://thinkers50.com

Den Investoren und Eignern der großen Tech-Konzerne des Silicon Valley geht es also um das Maximieren des eigenen Profits und Einflusses. Es ist nicht für ungefähr, dass die reichsten Männer der Welt aus diesem Metier stammen. Allen voran übrigens Elon Musk mit rund 206,4 Milliarden US-Dollar (November 2022). Bei den Frauen liegt im Übrigen die Industriellen-Erbin und Autorin Francoise Bettencourt-Meyers mit einem Vermögen von rund 61,9 Milliarden US-Dollar vorne. Ihre Familie verdiente ihr Geld in erster Linie mit L’Oréal, dem größten Hersteller von Kosmetik weltweit.1

[ 1 ] Quelle: Die 25 reichsten Menschen weltweit im Jahr 2022 (statista, abgerufen 2022-11-05)

Statt eine gesunde Debatten-Kultur zu fördern, werden Strukturen und Abläufe der Applikationen darauf getrimmt, den Nutzer:innen Inhalte anzuzeigen, die möglichst viele Reaktionen hervorrufen. Konstruktive oder destruktive soziale Wirkung? Egal! Erklärtes Ziel ist, dass Nutzer:innen möglichst lange verweilen und die bezahlten Inhalte konsumieren. Mike Kuketz bezeichnet das als »attention prison«. “Also eine Art Aufmersamkeitsgefängnis, aus dem es möglichst kein Entkommen gibt bzw. es nur schwer gelingt »auszubrechen«.”2

[ 2 ] Das Fediverse: Social Media losgelöst von den Fesseln kommerzieller Interessen (Mike Kuketz, abgerufen 2022-11-05)

(Un)Verfügbarkeit und Deutungshoheit
im öffentlichen Diskurs

Wissen ist Macht, lautet ein alter Spruch. Heute ist uns bewusst: Mächtig ist, wer öffentliche Meinungen steuern und in seinem (selten ihrem) Interesse manipulieren kann. Ich erinnere da noch einmal an den Vortrag mit anschließender Diskussion von Prof. Rainer Mausfeld aus dem Jahr 2015: “Warum schweigen die Lämmer?”

Die hohe Verweildauer auf den Social-Media-Plattformen hat über die Jahre letztendlich auch dazu geführt, was viele für undenkbar hielten: Nicht mehr Medienhäuser und Journalisten sind »Gatekeeper« von Informationen, sondern die Betreiber der Plattformen bzw. ihre Algorithmen. Die Deutungshoheit von Informationen hat sich demnach verlagert und befindet sich unter der Kontrolle von Algorithmen, die nach eigenen Kriterien entscheiden, welche Inhalte Verbreitung finden. Und diese Kriterien sind meist so gestaltet, dass der Plattformbetreiber den größten Eigennutzen daraus zieht bzw. diese optimal zum Geschäftsmodell passen. Die Nutzer wiederum sind gern gesehene »Gäste«, die letztendlich dieses datengetriebene Geschäftsmodell überhaupt erst ermöglichen.

Mike Kuketz

Es wundert mich also wenig, dass Elon Musk in seinen ersten Tagen als CEO von Twitter, nicht nur das Content-Moderation-Team, sondern sämtliche Verantwortliche für Menschenrechte, Ethik, Transparenz, Mitsprache und Verantwortung kündigte. Wie das Unternehmen derzeit implodiert, kann man verfolgen via #TwitterLayoffs. Ich fühle mich dabei wie ein Gaffer an der Unfallstelle.

Aktuell streben amerikanische Investoren nach der Macht über die chinesische Plattform TikTok. Keine Überraschung hier. TikTok unterdrückt Videos von politischen Protesten und Demonstrationen. Über künstliche Intelligenz und Content-Moderation-Teams bestimmt die Plattform auf vielfältige Weise, welche Inhalte sichtbar (gepusht) und welche unsichtbar (gebremst oder gelöscht) sind.3 Das gilt für Videos und Hashtags. Die Kontrolle über das, was Menschen auf TikTok sehen, liegt in der Hand von Beijing ByteDance Technology Ltd. und der chinesischen Regierung.4 Mal ganz von den prekären und toxischen Arbeitsbedingungen der Moderator:innen abgesehen.5

[ 3 ] Quelle: TikTok: Gute Laune und Zensur (Markus Reuter und Chris Köver via Netzpolitik, abgerufen 2022-11-06)
[ 4 ] Quelle: ebenda und Geheime Wortfilter: TikTok hat in Deutschland heimlich Kommentare blockiert (Sebastian Meineck via Netzpolitik, abgerufen 2022-11-06) und Streit mit TikTok: Im Zweifel mit der Partei (Chris Vover und Markus Reuter via Netzpolitik, abgerufen 2022-11-06)
[ 5 ] ebenda. Weitere siehe Netzpolitik: TikTok.

Wenn wir uns also von den US-amerikanischen und chinesischen Tech-Giganten lösen. Wenn wir uns stattdessen auf Basis von Open-Source und föderalen Systemen, mit europäischen Werten moderierten Netzwerken zuwenden. Dann finde ich das gut.

Dass wir dabei noch stolpern, hinfallen, uns wieder aufrappeln, Krönchen richten und weiterlaufen ist ganz normal. Ich begrüße, dass wir es versuchen. Dass wir im Fediverse via Mastodon (oder den anderen Zugängen) experimentieren. Dass wir uns Social Media neu einrichten. Das Internet ist ein guter Ort – wenn wir es dazu machen.6

[ 6 ] In Erinnerung an Hannes Korten.

Und damit komme ich nun zu meinen ersten Erfahrungen und was ich daraus im Umgang mit diesen (für mich und viele andere) “neuen” Social Media lerne:

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