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To tröt or not to tröt

Meine Reise des Verstehens im Fediverse via Mastodon

veröffentlicht: 07.11.2022 · Franziska Köppe | madiko

· Kapitel 4 ·

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To tröt or not to tröt. Meine Reise des Verstehens im Fediverse via Mastodon

Neue Hausordnung –
Chance, meine Hacking-Ethik
zu hinterfragen

Was nehme ich für mich aus meinem ersten Monat Fediverse mit?

Remix aus
eigenen, wertvollen Inhalten
& Kuratorin des Netzwerks

Schnell kar hatte ich, was ich nicht möchte: Ich möchte kein News-Feed werden mit einer wilden Abfolge Tausender Meldungen, mit denen ich andere Accounts flute. Das Fediverse ist ferner kein Platz für Aufreger und Befindlichkeiten. Nein, das schon mal gar nicht. Das sind die Accounts, denen ich nicht folge beziehungsweise schneller entfolge, als sie Tröt sagen können. Dazu unten auch noch einmal mehr, wenn ich darüber schreibe, wem ich folge. Ich hoffe dabei inständig, dass diese negative Welle, die sich via Twitter breit gemacht hat, nun nicht zu Mastodon rüberschwappt.

Und was also stattdessen? Ich möchte ein gesundes Maß an eigenen Inhalten remixt mit interessanten Infos anderer Accounts. Ergänzt um Kunst & Kultur, abgerundet durch eine Prise Humor. Das ist stimmig zum Bild, das ich von mir als Intendantin der Kooperative EnjoyWork habe: Anderen eine Plattform und Bühne bieten. Ihnen Sichtbarkeit verleihen. Leben und Arbeiten integrieren. Einen Raum zum Austausch öffnen.

Ich entscheide mich dabei bewusst für die 3 Accounts:

madiko: mein Haupt-Account und am engsten mit mir als Person und Freiberuflerin verbunden. Wie ich es auch bei Twitter handhab(t)e: Das ist für mich die Stelle, um meinen eigenen Horizont so breit wie möglich aufzuspannen. Ich folge nach Interesse und netzwerke. Ab und an plaudern und einander necken erlaubt. Humor und Situationskomik kommt in meiner Arbeit ohnehin viel zu kurz.

EnjoyWork: Account der Kooperative. Engagement und Aktionen ergeben sich aus der Interaktion mit der EnjoyWork-Community. Hier werde ich stärker den Fokus aufs Kuratieren legen. So richtig spannend wird es, sobald ich wieder mehr Inhalte und Realexperimente via EnjoyWork auf den Weg bringen kann. Das ist ja immer noch stark heruntergefahren aufgrund der Zeit, die ich in die Programmierung unserer Plattform-Kooperative stecke. Ich hoffe, dass zu gegebener Zeit dann ein Teil dessen, der über madiko läuft, hierhin weiterzieht und sich so Dopplungen besser ausgleichen.

FAHRRADkultur: Realexperiment-Account zu EnjoyWork mit Fokus auf die Fahrrad-Community. Ich muss mal schauen, ob das klug ist, das zu trennen. Via Twitter war es sehr erfolgreich und hat mir umgedreht geholfen, mich auf die speziellen Gruppen besser einzustellen. Gleichwohl teile ich etwas auf, das eigentlich zusammengehört. Ich habe mir vorgenommen, konsequenter den Fokus auf den unternehmerischen Anteil zu legen und mich bei verkehrspolitischen Diskussionen noch stärker (als bisher via Twitter) zurückzuhalten. Zudem ist mir wichtig, wieder einen Account mit positiver Grundstimmung aufzubauen. Konstruktiver Journalismus ist gerade in der Fahrrad-Community extrem wichtig, weil deutlich unterrepräsentiert im Vergleich zu anderen Feldern sinnvollen Wirtschaftens. Die ersten Fedinaut:innen posten ihre “Mit dem Rad zur Arbeit”-Fotos. Sehr motivierend und inspirierend. Schön, was hier von Twitter rüberschwappt. Gute Traditionen pflegen. So wichtig!

Keine kommentierenden Tröts

Die Hausordnung im Fediverse – die sich wie schon geschrieben in zentralen Aspekten von Twitter unterscheidet – zwingt mich dazu, mich zu hinterfragen. Beispielweise mag ich es, Tweets aus meiner Community zu nehmen und sie mit ergänzenden Infos und Kontext angereichert weiterzuzwitschern. Ich remixe also. Es entsteht neuer Inhalt. Im Fediverse ist das nicht nur technisch deutlich erschwert – es wird unter Fedinaut:innen nicht gern gesehen.

Warum? Weil es zahlreiche Menschen gab, die dieses Twitter-Feature für Hass, Belästigungen und Schikane missbrauchten. Es wird übereinander geredet, statt miteinander. Was für mich ein Weiterreichen mit Mehrwert war, wurde von diesen Leuten verkehrt in gewaltvolle Kommunikation.

Mir fällt diese Unsitte auch in meiner Filterblase auf. Wenn sich beispielsweise über rechte Accounts, Politiker im Allgemeinen oder Speziellen, staatliche Institutionen, Unternehmen, Aktivist:innen sowie – ganz aktuell – über einen gewissen Multimilliardär aufgeregt wird. Kopfschüttelnd scrolle ich weiter, wenn Tweets auf diese Weise Reichweite verschafft wird, statt sie zu ignorieren. Genau diese Empörung heizt den Algorithmus an. Faschistische oder moralisch bedenkliche Inhalte erhalten eine noch höhere Sichtbarkeit und Verbreitung. Wir erinnern uns: Das, was die großen Tech-Konzerne wollen, ist unsere Zeit und unsere Aufmerksamkeit. Und wie bekommen sie sie? Genau: Mit unseren Befindlichkeiten und unserer Wut.

Aus diesem Grund gibt es via Mastodon die Funktion des zitierenden Tröts nicht. Das leuchtet mir ein. Und ich spüre schon jetzt, dass es tatsächlich diesen kurzen Moment des Zögerns wieder bei mir gibt: Bekräftige (booste) ich einen Beitrag zu recht? Zahlt er ein auf meine oben umrissenen Ziele? Möchte ich, dass er zukünftig in meinem Profil unter Beiträge steht? Und ganz oft verwerfe ich es. Das ist gut. Genau darum geht es.

Anerkennen & Wertschätzen
mit Sternchen

Sehr aufgeatmet habe ich, dass endlich die Sternchen-Funktion wieder so einsetzbar ist, wie ich es mir wünsche: Es sind Wertschätzungen und kleine Aufmerksamkeiten gegenüber der Verfasserin, dem Verfasser. Sichtbar nur für uns beide. Und das auch nur, sofern die Person die Benachrichtigung nicht abgeschaltet hat. Meine Sternchen bleiben also ohne Auswirkungen auf einen Algorithmus. Von mir favorisierte Meldungen werden meinen Follower:innen also nicht in die Zeitleiste spült, die sie nicht abonniert haben. So fällt viel Störgeräusch und Echokammer allein durch das Gestalten der Rahmenbedingungen im Fediverse weg. Sehr schön!

Fediverse: Organisationsintelligenz via Mastodon <br>(Sketchnotes KommunikationsDesign & Info-Fluss). Bild: cc Franziska Köppe | madiko

Informationsflut bewältigen

Dennoch ist nach nur einem Monat meine Startseite schon heillos überfüllt mit Meldungen. Zuweilen fühle ich mich wie der Zauberlehrling.

Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.

Johann Goethe

Der Zauberlehrling

Das hat drei Gründe:

Ich kann Accounts nur Listen zuordnen, denen ich auch folge. Das ist furchtbar! Ich kann also nicht mehr Themen in Listen kuratieren – und nur einer kleinen Auswahl an Accounts direkt folgen, deren Meldungen ich gern in jedem Fall lesen möchte. Ich erhalte alles. Den Sinn dahinter habe ich noch nicht durchdrungen. Hier versuche ich einfach offen zu bleiben und den Fediverse-Moderator:innen/Admins zuzuhören, um zu verstehen.

Da zudem die Suche im Fediverse nur sehr eingeschränkt funktioniert, kann ich leider nicht nach Bedarf zu Themen und nach Menschen recherchieren. Auch das eine Maßnahme, um Trollen und Stalkern den Boden zu entziehen. Das leuchtet mir ein. Gleichwohl ist es für mich als Wissenschaftlerin ein Hindernis für meine Arbeit.

Am leichtesten ist es noch über Hashtags an die gewünschten Informationen und Neuigkeiten zu kommen. Das wiederum führt leider dazu, dass zum Teil unter den Meldungen unzählige Schlagworte gepostet werden. Eine Unart aus Instagram. Ich ertappe mich selbst dabei, fühle jedoch großes Unbehagen.

Schlimmer noch: Auf der Hauptseite werden mir sämtliche Antworten auf einen Thread in der Zeitleiste angezeigt. Bei Twitter oder in gut moderierten Foren bleiben Erwiderungen hinter der ursprünglichen Nachricht verborgen. Sie werden erst geöffnet, wenn ich die Konversation öffne. Mastodon – so wie es heute standardmäßig umgesetzt ist – ist also ein enormer Rückschritt. Es ist wie früher in Foren, wenn sämtliche Gespräche wild durcheinandergehen und man komplett den Überblick verliert wer mit wem über was diskutiert. Grauenvoll! Daran werde ich mich wohl am schwersten gewöhnen.

Mein Hoffnungsschimmer: Noch teste ich unterschiedliche Software-Oberflächen für Desktop und Smartphone mit ihren spezifischen Einstellungsmöglichkeiten. Von daher schließe ich nicht aus, dass sich das in einem der Tools doch einstellen lässt. Und wenn es noch nicht da ist, wird es Open-Source-Entwickler:innen geben, die die Funktionalität programmieren. Lösungen für die oben genannten Punkte unter Wahrung der gewünschten Hacking-Ethik würde ich sehr begrüßen.

Und ich selbst? Was kann ich tun? Als Konsequenz daraus achte ich bewusst auf die Einstellungen zur “Öffentlichkeit” bei jedem Tröt. Soll er für das gesamte Fediverse öffentlich sein? Setze ich den Redebeitrag auf “nicht gelistet”, sodass sie nur im Rahmen der spezifischen Konversation (thread) sichtbar wird? Ist’s nur für meine direkten Follower? Oder gar ausschließlich für die erwähnte(n) Person(en), der/denen ich – quasi als Direktnachricht – schreibe?

Dahinter steht die Überlegung: Was Du nicht willst, das man dir tut, das tröte auch keinem anderen zu!

Fasse dich kurz!

Mastodon bietet 500 Zeichen. Das erscheint mir luxuriös. Ich mag es, dass ich via Twitter lerne, pointiert und knackig zu schreiben. Längere Texte und Gedankengänge (threads) gehören meiner Meinung nach ohnehin nicht in Social Media. Sie erfordern andere Wege der Kommunikation.

Hier ist also für mich Vorsicht geboten. Ich nehme mir vor, weiter daran zu arbeiten, mich via Social Media kurzzufassen. Langstrecken für alle, die gern in die Tiefe gehen und meiner Reise des Verstehens folgen wollen, gibt es wie gewohnt hier ;-)

An dieser Stelle: Danke, dass Du mir weiterhin aufmerksam zuhörst. Das ist schön.

Weniger ist mehr

Was mich letztlich wieder auf die Quintessenz bringt: Fokussieren auf das Wesentliche, auf das, was wirklich wirklich wichtig ist.

Es ist ein Klischee, ich weiß. Worauf ich hinaus möchte: Letztlich scheint mir wichtig, mich bei allem, was ich tue oder unterlasse, immer wieder zu fragen:

  • Zahlt es ein auf meine Zukunftsvision von Lebens- & Arbeitswelten mit Zukunft?
  • Stibitze ich Menschen ihre Zeit?
  • Oder kann ich inspirieren und informieren, in den Austausch gehen?

Daran jeden Tröt ermessen. Und mich im Zweifel öfter für NEIN als für JA entscheiden. Entwürfe löschen.

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