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To tröt or not to tröt

Meine Reise des Verstehens im Fediverse via Mastodon

veröffentlicht: 08.11.2022 · Franziska Köppe | madiko

· Kapitel 5 ·

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To tröt or not to tröt. Meine Reise des Verstehens im Fediverse via Mastodon

Was wird aus Twitter?

Lass mich noch einmal auf Twitter zurückkommen. Die Stimmung ist dort zurzeit unerträglich. Ich weiß nicht, ob sich die Tweetie-Community von den aktuellen Entwicklungen im Mutter-Konzern wird jemals wieder erholen. Die Stimmung kippt gerade.

Der Kipppunkt ist erreicht

Über die letzten Jahre verteilt gab es immer wieder Empörungswellen. Die erste, die ich bewusst in Erinnerung habe, war die Umstellung von “Sternchen” auf “Herz” als Symbol für Favoriten. Wobei das Icon das geringste Problem war – es war die damit einhergehende Algorithmisierung unserer Interaktionen miteinander, die für Empörung sorgten. Plötzlich wurden uns nämlich wildfremde Tweets von Accounts in die Startseite gespült, die wir nie abonniert hatten (und zumeist auch nicht wollten). Das war im November 2015. Die nächste große Welle kam zwei Jahre später im November 2017 mit dem Verdoppeln des Limits von 140 auf 280 Zeichen. Twitter wird untergehen! Meine Güte, was für eine Aufregung.

Diese Wellen waren stets verbunden mit der Aufforderung, Twitter zu verlassen. Daran gewöhnte ich mich. Es schien irgendwie zu Social Media dazuzugehören. Schließlich kamen – und gingen – diese Wellen regelmäßig, wenn es technische Änderungen mit ethisch-moralischen Implikationen gab.

Jede dieser Wandlungen für sich genommen war klein. Über die Jahre – bei mir sind es nun schon zehn, immerhin – hat sich jedoch etwas angesammelt. Und so ist die Übernahme der Plattform von einem einzelnen Mann und all sein Gebaren in den letzten Tagen vielleicht der Grad an Modifikation mehr, der den Kipppunkt setzt.

John Pull aka garius hat das kürzlich in einem längeren Gedankengang treffend so auf den Punkt gebracht:

One of the things I occasionally get paid to do by companies/execs is to tell them why everything seemed to suddenly go wrong, and subs/readers dropped like a stone.

So, with everything going on at Twitter rn, time for a thread about the Trust Thermocline.

So: what’s a thermocline?

Well large bodies of water are made of layers of differing temperatures. Like a layer cake. The top bit is where all the waves happen and has a gradually decreasing temperature. Then suddenly there’s a point where it gets super-cold.

That suddenly is important. There’s reasons for it (Science!) but it’s just a good metaphor. Indeed you may also be interested in the “Thermocline of Truth” which a project management term for how things on a RAG board all suddenly go from amber to red.

But I digress.

The Trust Thermocline is something that, over (many) years of digital, I have seen both digital and regular content publishers hit time and time again. Despite warnings (at least when I’ve worked there). And it has a similar effect. You have lots of users then suddenly… nope.

And this does effect print publications as much as trendy digital media companies. They’ll be flying along making loads of money, with lots of users/readers, rolling out new products that get bought. Or events. Or Sub-brands. And then suddenly those people just abandon them.

Often it’s not even to “new” competitor products, but stuff they thought were already not a threat. Nor is there lots of obvious dissatisfaction reported from sales and marketing (other than general grumbling). Nor is it a general drift away, it’s just a sudden big slide.

So why does this happen? As I explain to these people and places, it’s because they breached the Trust Thermocline.

I ask them if they’d been increasing prices. Changed service offerings. Modified the product. The answer is normally: “yes, but not much. And everyone still paid.”

Then I ask if they did that the year before. Did they increase prices last year? Change the offering? Modify the product? Again: “Yes, but not much.”

The answer is normally: “Yes, but not much. And everyone still paid.”

“And the year before?”
“Yes but not much. And everyone still paid.”

Well, you get the idea.

And here is where the Trust Thermocline kicks in. Because too many people see service use as always following an arc. They think that as long as usage is ticking up, they can do what they like to cost and product. And (critically) that they can just react when the curve flattens.

But with a lot of content products (inc social media) that’s not actually how it works. Because it doesn’t account for sunk-cost lock-in. Users and readers will stick to what they know, and use, well beyond the point where they start to lose trust in it. And you won’t see that. But they’ll only move when they hit the Trust Thermocline. The point where their lack of trust in the product to meet their needs, and the emotional investment they’d made in it, have finally been outweighed by the physical and emotional effort required to abandon it.

At this point, I normally get asked something like: “So if we undo the last few changes and drop the price, we get them back?” And then I have to break the news that nope: that’s not how it works. Because you’re past the Thermocline now. You can’t make them trust you again.

Classic examples of this behaviour are digital subscription services, where the product gets squeezed over time, or print magazines (particularly in B2B) that constantly ramp up their prices a little bit each year until it’s too late. Virtually the only way to avoid catastrophic drop-off from breaching the Trust Thermocline is not to breach it.

I can count on one hand the times I’ve witnessed a company come back from it. And even they never reached previous heights.

So what’s the lesson for businesses here?

  • Watch for grumbling and listen to it.
  • Don’t assume that because people have swallowed a price or service change that’ll swallow another one.
  • Treat user trust as a finite asset. Because it is.

And I will admit this is one of the reasons I am (with sadness, because I’ve got a lot of value out of this place) watching Elon’s current actions wrt Twitter with curious horror. Because I’ve never seen someone make such a deep dive for the Trust Thermocline, so quickly.

It’s why I’ve got about 20 big accounts I’m watching on here to see when they personally feel he crosses that Thermocline and begin shifting their main effort and presence elsewhere.

Because that’ll be the moment I suspect things will start changing very quickly.

John Bull

Historian. Streamer. Tech Strategist.

Quelle: Twitter-Thread am 2022-11-03 (abgerufen 2022-11-06)

Inzwischen gibt es auch eine Fortsetzung des Threads mit Antworten auf Nutzer-Fragen: How to avoid hitting it. I’ll give you the same answer I give senior execs: I don’t know. But the people working on the ground level in the customer-facing sections of your company do. (read on via twitter)

Twitter eingefroren

Fazit – und ich hätte nie gedacht, dass ich das mal schreiben würde: Momentan kann ich nicht dazu raten, sich einen Twitter-Account anzulegen.

Noch hänge ich an meinen Accounts. Ich spüre jedoch auch, dass sich eine gewisse Egalisierung einschleicht. In den nächsten Tagen und Wochen werde ich die historisch gewachsenen Accounts von mir auf den Prüfstand stellen. Es gibt einige (z. B. praktisch NACHHALTIG), die ohnehin verwaist sind und nur noch als Archiv dienen. Andere sind so jung (z. B. draufrumdenken und zitatinte), dass ich hier eine sehr überschaubare Gefolgschaft habe. Es macht Sinn, sie zu löschen und aufzulösen.

Da ich die Lage beobachten möchte, werde ich mindestens madiko weiterbestehen lassen. Ich werde jedoch deutlich weniger via Twitter aktiv sein. Die App habe ich bereits von meinem Smartphone gelöscht. Das hat in mir eher Erleichterung als Panik ausgelöst.

Und es gibt noch einen Grund, dass ich meine Accounts erst einmal bestehen lasse. Ich schrieb oben, dass ich Debirdify und ähnliche Tools (siehe oben) nutze, um meinen Umzug zu Mastodon so geschmeidig wie möglich zu organisieren. Diese Möglichkeit möchte ich anderen ebenso eröffnen. Daher habe ich in meine Profile entsprechend den Link auf meine Mastodon-Accounts angepinnt. Ich hoffe, dass es meinen Follower:innen den Wechsel ebenso erleichtert.

Was bleibt?

Für mich war Twitter vor allem die selbst kuratierte Fachzeitschrift und das Medium, um im Weltgeschehen auf dem neuesten Stand zu bleiben. Eine Zeitung brauchte ich nicht. Ich hatte ja Twitter. Ich pickte mir meine Themen und journalistischen Ressorts heraus. Ich baute über die vergangenen zehn Jahre ein Netzwerk an interessanten Menschen auf. Zu vielen hat sich mit der Zeit ein persönlicher Kontakt entwickelt.

Es tut weh, das zerbröseln und sich in Luft auflösen zu sehen. Es zeigt, dass wir zu abhängig von US-amerikanischen Tech-Konzernen geworden sind. Es zeigt uns unsere Vulnerabilität.

Der Kipppunkt, den wir nun als Zeitzeugen erleben, kann damit etwas Positives bewirken, nämlich das Erstarken föderaler, dezentral organisierter, quell-offener Plattformen. Da bin ich gern mit dabei.

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