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Stadtbummel durch Mainz

· Teil 1 ·

veröffentlicht: 16.09.2022 · Franziska Köppe | madiko

Meine Erkundungstour startet am B&B-Hotel direkt am Bahnhof. Vom Hotelzimmer aus habe ich Ausblick Richtung Osten (Rhein) und sehe den Güterbahnhof. Am Himmel türmen sich Wolken. Für später ist Regen angekündigt. Es ist merklich herbstlich geworden.

Foto: Mainz Hauptbahnhof
Franziska Köppe | madiko

Also doch besser kein Nickerchen und direkt aufbrechen. Jacke und Regenschirm nicht vergessen. Ich wende mich gen Süd-Osten auf die zwei Hochhäuser der KPMG zu. Von dort folge ich der Kaiserstraße weiter Richtung Rhein. Wieder einmal fällt mir auf, wie autozentriert auch Mainz ist. Die Stadt wirkt grau und laut, wenig einladend.

Foto: Mainz Hauptbahnhof: Blick über das Bahnhofsviertel mit den Türmen der KPMG-Hochhäuser. Am Himmel türmen sich dicke Regenwolken.
Franziska Köppe | madiko

Mit einer gewissen Faszination nehme ich wahr, dass hier Prachtbauten, gebaut um 1900 und älter, neben Immobilien stehen, die deutlich jünger – und offenkundig baufälliger sind. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden schnell Gebäude hochgezogen. Diese scheinen mehrere Retrofits hinter sich zu haben. Heute überall Baustellen. Doch die alte, langlebige Bauweise können die Bauherren seither nicht mehr erreichen. Es wirkt wie Flickwerk und ergibt kein stimmiges Stadtbild. Das hat sich Eduard Kreyssig, Stadtbaumeister von Mainz, sicher anders gedacht.

Foto: Mainz Kaiserstraße
Franziska Köppe | madiko

Es beginnt zu nieseln. Die Kinder, die im Überschwang lärmten und auf den Klettergerüsten tobten, werden von ihren Müttern und Vätern eilig nach Hause gezogen. Noch ein sehnsüchtiger Blick. Ein Tränchen. Ein schüchternes Winken. Ein, zwei Minuten später und der Spielplatz ist leer. Nun fällt umso mehr auf, wie stark Parks unter der Dürre in diesem Jahr leiden. Die Wiesen sind blass. Der Boden versiegelt und porös. Selbst wenn es regnet, kann er das Wasser kaum aufnehmen. Die Rosen lassen die Köpfe hängen. Es ist Mitte September und fast alles verblüht. Der aufkommende Wind spielt mit braunen Blättern.

Foto: Mainz Spielplatz Kaiserstraße
Franziska Köppe | madiko

Wie so oft bei Stadtbummeln zieht mich am anderen Ende des Parks eine Kirche in den Bann. Und so folge ich der Kaiserstraße weiter nach Nord-Ost. Es ist die Christus-Kirche. Als Atheistin kann ich mit der Institution – außer einer gewissen Neugier für die Sozio-Kultur an sich – nicht viel anfangen. Mich fasziniert die Architektur, in diesem Fall die schöne Kuppel. Der Innenausbau ist schlicht, minimalistisch, schnörkellos – wie für evangelische Bauten typisch. Ich bin die einzige Touristin, versuche, mit meinen Fotos nicht die Trauer und das Gebet zu stören. Sie sind versunken in Gedanken. Ich spüre, wie ich zur Ruhe komme. Einen Moment hinsetzen. So viel Zeit muss sein.

Foto: Mainz Kaiserstraße: Blick auf Christus Kirche
Franziska Köppe | madiko

Von der Christus Kirche ist es nicht mehr weit bis zum Kurfürstlichen Schloss (Spät-Renaissance, 17. Jahrhundert). Heute dient das sandstein-rote Gebäude als Konferenzzentrum. Unterwegs fallen mir zahlreiche Fahrrad-Wracks ins Auge. Mit einem Fahrradschloss hängt das Hinterrad am Zaun. So viel Mühe wurde sich beim zweiten nicht mehr gegeben. Es baumelt am Lenker. Auf den ersten Blick erstaunlich, hat das Rad noch seine Luftpumpe. Vergebliche Liebesmüh – der Platten im Vorderrad ist klares Zeichen, dass die Besitzerin den Drahtesel am Zaun nicht erst seit wenigen Stunden geparkt hat.

Foto: Fahrrad-Wrack eines Damenrades
Franziska Köppe | madiko

Mainz: Kurfürstliches Schloss (Spät-Renaissance, 17. Jhd.). Bild: cc Franziska Köppe | madiko

Den Prachtbau und den feierabendlichen Stau der Autos auf der vierspurigen Straße im Rücken stehe ich nun am Rhein. Auch die Ufer-Promenade ist eine Aneinanderreihung von Baustelle an Baustelle. Ein händchenhaltendes Paar. Sie stützen sich gegenseitig, sprechen leise miteinander. Alte Liebe, vermutlich auf der täglichen Abendrunde. Ihnen kommen junge Leute entgegengeradelt. Ich schnappe im Vorbeigehen “Parking-Day” und “Klimastreik” auf. Französische, niederländische und spanische Gesprächsfetzen weht der Wind zu mir, während ich zuschaue, wie Lastkähne den Rhein flussabwärts fahren. Unter der Theodor-Heuss-Brücke singt ein Liedermacher Liebeslieder. Das passt alles ganz gut zusammen und doch will nicht so recht Flanier-Stimmung bei mir aufkommen.

Foto: Mainz Rhein-Ufer: Blick vom Mainstrand nach Kastel auf Höhe der Theodor-Heuss-Brücke
Franziska Köppe | madiko

Am gegenüberliegenden Ufer sehe ich die ‘‘Pieter van Aemstel’‘ vor Anker liegen. Doch die Wolken werden immer schwärzer. Ich entscheide mich dagegen, zum Kasteler Ufer zu laufen, um mir den Drei-Master aus der Nähe anzuschauen. Es frischt weiter auf. Ein Angler sagt mir, dass es in zirka zehn Minuten stark regnen wird. So interpretiert er das Radar seiner Wetter-App. Er wird recht behalten. Nur eine kleine Gruppe Gäste trinkt Cuba Libre am Mainzstrand. Sie lachen viel. Und sie frösteln. Sie schauen enttäuscht in den Himmel. Der Cubanische Son aus den Lautsprechern wird sie nicht zum Bleiben bewegen können. Mit einem Seufzen stößt sich der Bar-Besitzer vom Tresen ab, greift sich die Kellner-Geldbörse und weiß, dass sich die Strand-Promenaden-Saison dem Ende neigt. Ob er im September wird schwarze Zahlen schreiben können?

Foto: Mainz-Strand mit Blick nach Kastel auf den Drei-Master Pieter van Aemstel (auf Höhe Theodor-Heuss-Brücke)
Franziska Köppe | madiko

Mein Magen knurrt. Ich wende mich also wieder gen Altstadt. Ein Gruß geht raus an Die Radgeber Für mehr als ein Foto ist keine Zeit. Alle Mitarbeiter sind intensiv im Gespräch mit Kund:innen. So muss das. Ein Alltagsradler nutzt die Service-Station, um die Reifen aufzupumpen. Noch ein Spritzer Kettenöl. Routiniert sitzt jeder Handgriff. Dann schwingt er sich wieder aufs Stahlross und gibt Kette.

Foto: Mainzer Fahrradladen Die Radgeber
Franziska Köppe | madiko

Im Schaufenster von Bilder & Rahmen Klose entdecke ich Klappkarten (Artis Design GmbH) mit verschiedenen Fahrrad-Motiven. Der Laden ist eine Mischung aus Kunst-Galerie und Bastelladen. Eines der wenigen Geschäfte in Mainz, das Individualismus kennt. Ansonsten weit und breit eine Handelskette neben der anderen mit unzähligen Kiosken und Schnell-Imbissen mit dubiosem Angebot dazwischen. Es riecht nach abgestandenem Fett. Die Auswirkungen der Konsolidierung im Einzelhandel fallen mir in Mainz besonders stark auf. Oder sind das die Nachwirkungen von COVID-19? Vermutlich hat Letzteres die Tristesse noch verstärkt.

Foto: Schaufenster von Bilder & Rahmen Klose in Mainz mit Klappkarten
Franziska Köppe | madiko

Schaufenster von Bilder & Rahmen Klose in Mainz mit Klappkarte eines Hochzeitspaares auf einem Tandem. Bild: cc Franziska Köppe | madiko

Insofern habe ich auch großes Glück, einen der begehrten Plätze im Il Pomodoro zu ergattern. Sitzen! Lecker essen. Dazu einen kräftigen Merlot und Wasser. Geht es mir gut. <3

Während ich genüsslich Pizza schlemme und meinen Gedanken nachhänge, kommt die Müdigkeit bei mir an. Es war eine anstrengende Woche. Ich beschließe, direkt ins Hotel zu laufen und nicht mehr im NEO, dem REDAXO-Treff, vorbei zu schauen. Morgen ist auch noch ein Tag.

Foto: Il Pomodoro Mainz: Pizza, Panna, Merlot
Franziska Köppe | madiko

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