Podcasts, öffentlich-rechtliches Radio und Plattform-Kapitalismus

Journalismus und Wissenschaftskommunikation im Spannungsfeld von Pragmatismus und gelebter Ethik

veröffentlicht: 23.06.2023 · Franziska Köppe | madiko

Portrait eines jungen Mannes (Halbnahe) an einem Herbsttag. Er steht nah einer Backstein-Hauswand. Er trägt Kopfhörer um den Hals und schaut auf sein Smartphone. Seine Lippen umspielt ein Lächeln.

Über mein Podcast-Erleben und unternehmerisches Entscheiden konnte ich reflektieren, als ich dem Gespräch von Philip Banse mit Sandro Schroeder via Küchenstudi.io folgte: Podcasts, öffentlich-rechtliches Radio und die Plattformen. Die Folge ist von Mitte Februar 2021, hat an Aktualität jedoch nicht eingebüßt. Die beiden unterhalten sich über die unterschiedlichen Arten von auditiven Publikumsformaten und ihren Umgang damit. Mich interessieren die Rückschlüsse, die sie für die Arbeit von (freien) Journalist:innen und Medien-Leute ziehen. Mich interessieren die sozio-kulturellen Auswirkungen und die gesellschaftlichen Wirkungen. Ich fokussiere mich in meiner Betrachtung wie stets auf kleine und mittelständische Organisationen, Freiberufler:innen und Wissenschaftler:innen.

WandelMut Podcasts (allgemein)
[ WandelMut | madiko, Foto: drazen ]

Lebendiges Ökosystem:
Vielfalt durch Dezentralität

Sandro und Philip steigen ein über die Entstehungsgeschichte von Podcasts. Sie vollziehen nach, wie die Dezentralisierung dem Genre seine besonderen Eigenschaften und die bereichernde Vielgestaltigkeit ermöglicht hat. Sie ziehen Vergleiche zur Blogosphäre (text-basiert) und der Vlogosphäre (video-basiert). Podcasts bieten unzählige Formate:

  • vom Informations-Podcast, der sich in Serien von ein bis n Folgen dediziert einem Thema in aller Tiefe widmet,
  • über nachrichtliche Kurz- und Lang-Formate,
  • Interview- und Gesprächs-Podcasts bis hin zu
  • “Laber-Podcasts”.

Letzteres – bei dem die Gastgeber:innen miteinander und mit ihren Gästen locker über mehrere Stunden lang palavern – assoziiere ich als die Unterhaltungsform des Mediums “gesprochenes Wort”. “Kalk und Welk” kommen mir spontan in den Sinn.

Ich öffne AntennaPod. Meine Vorliebe ist klar erkennbar: Zirka die Hälfte meiner Abos beschäftigen sich mit allen möglichen Disziplinen der Wissenschaften mit Schwerpunkt KlimaFolgenForschung, Soziologie, Philosophie – zumeist in Form von gebauten Beiträgen und Gesprächs-/Interview-Podcasts. Zweite Gruppe (rund ein Drittel) sind Podcasts im Gespräch mit Anwender:innen und Akteuren der Klimabewegung sowie aus der Künstler:innen-Szene. Die verbleibenden 20% sind nachrichtlicher, kabarettistischer und satirischer Art. Sie widmen sich gesellschaftspolitischen Fragen. Keine Laber-Podcasts. Die probierte ich für ein paar Wochen aus. Letztlich löschte ich sie jedoch alle wieder, weil mein Interesse verebbte.

Daraus ergibt sich: Mir dienen Podcast zur Weiterbildung, zum Erweitern meines Netzwerks über meine Kreise hinaus und dazu, gesellschaftspolitisch auf dem Laufenden zu bleiben.

Radio ist nicht Podcast,
Podcast ist nicht Radio

Philip und Sandro sprechen über die Schwierigkeiten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, Podcasts und ihre Eigenheiten zu verstehen und sich daran zu adaptieren. Sie kommentieren die Lernkurve, die beispielsweise durch den NDRinfo-Podcast “Corona Virus Update” (nicht nur beim NDR) entstanden ist. Sandro bestätigt meinen Eindruck, dass der Erfolg dieses Wissenschafts-Podcasts darauf zurückzuführen ist, dass Prof. Dr. Christian Drosten die Art und Weise des Podcasts stark mitbestimmt hat. Der Schlüssel liegt darin, dass sich das Kräfte-Verhältnis zwischen Redaktion und “Gast” neu austariert hatte. Statt “verkürzt und bündig” nimmt sich Christian Drosten den Raum zum Erklären. Beständig ist er auf seine Rollen bedacht. Das sprach sich schnell rum. Der Podcast wurde in allen Gesellschaftsschichten weiterempfohlen. Auch ich gehöre zu jenen, die erst über diesen Podcast überhaupt zum Hören von Podcasts gekommen sind. So sauber wie derzeit war meine Wohnung lange nicht.

Sandro ist freier Mitarbeiter für das Deutschlandradio und dort für Konzeption und Präsentation von Podcasts zuständig. Im Gespräch mit Philip gewährt er uns seinen Einblick. Er erklärt, weswegen sich Radio-Redakteur:innen, -Intendant:innen und Moderator:innen mit Podcasts so enorm schwer tun. Unter anderem führt er es darauf zurück, dass sie ihren eigenen blinden Fleck nicht sehen. Nämlich, dass der Blickwinkel für lineare Angebote ein anderer ist als für bedürfnisorientierte, nicht-liniare Formate. Es ist ein kompletter Wandel im Fokus. Die fürs Radio publizierten Inhalte 1:1 via Podcast-Technologie auszustrahlen – der Versuch, Podcasts als neuen, einseitig gerichteten Sende-Kanal zu betreiben – geht schief. So wie konventionelle Marketing-Dudes an Social Media scheitern. Missachtet wird dabei das Netzwerken, die Interaktion und die Einzigartigkeit, die diesem Medium innewohnt.

Besonderes Merkmal von Podcasts ist dieser Mix, der im Austausch mit der Nische entsteht. Die erfolgreichsten Podcaster:innen sind Nerds für ihr Interessensgebiet. Mithin sind gute Podcasts nicht nur ein Fach-Magazin. Sie sind fokussiert auf das Spezialgebiet im Fachmagazin für Gleichgesinnte. Es schwingt darin mit, dass seitens der Höhrer:innen ein großes Interesse am Thema vorausgesetzt werden kann. Etwas, das im Radio nicht zwingend vorhanden sein muss. Wenn Podcaster:innen sich nicht einlassen auf den neuen Raum, den Podcasts bieten, bleibt der Erfolg aus. Sie stranden an und mit der Kultur. So weit kann ich Sandro voll und ganz folgen. Gleichwohl regt sich bei mir die Sorge, dass genau diese besondere Eigenschaft gefährdet ist, wenn Radio-Sender (ob öffentlich-rechtlich oder privat finanziert) und vor allem die US-Konzerne ins “Geschäft einsteigen”. Nämlich gerade dadurch, dass die Großunternehmen das Potenzial für sich entdecken – und kommerzialisieren (dazu gleich mehr). Lass mich zunächst weiter bei den Inhalten von Sandro und Philipp bleiben.

Wie schwer sich der ÖRR in seinen Podcast-Experimenten tut, zeigt sich auch daran, dass sie sich vom selbst auferlegten Zeitdruck des 3-Minuten-Feature nicht lösen können. Radio-Beiträge sind extrem durchgetaktet. Ein Sender hat Zuhörer:innen, die ständig “wegzappen” könnten. Darauf reagieren sie mit dem Prinzip “kurz und möglichst wenig anspruchsvoll”. Bloß nicht überfordern. Dann kann man die Werbe-Einblendungen ja nicht mehr ausspielen. Die Reichweite sinkt und damit der Profit. Gleichwohl bleiben die Zuhörer:innen diffus. Bei einem allzu spezifischen Fokus und Thema steigt die Sorge in den Intendanzen, dass Höhrer:innen weiterschalten. Also wird alles egalisiert und glattgebügelt. Leider kommen sie gar nicht auf die Idee, dass qualitativ gute Inhalte gepaart mit sympathischen Moderator:innen und Sprecher:innen mehr Hörer:innen an sie binden könnten. Für Podcasts indes funktioniert das nicht. Ich bin der Auffassung, dass das für Musik genauso wenig funktioniert. Insbesondere Pop-Musik ist – musikalisch betrachtet – richtig öde geworden durch diese Art. Banal. Nichtssagend.

Podcasts sind
Nischen-Angebote für Nerds

Podcasts sind anders. Podcasts werden bewusst ausgesucht und gehört. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es Leute gibt, die wahllos in Kanäle reinzappen. Spotify und all die anderen großen Konzerne arbeiten an ihren App-Algorithmen, damit sich das ins Nutzer:innen-Verhalten einschleicht. Sie haben ein wirtschaftliches Interesse daran, Hörer:innen auf ihrer Plattform und ihren Apps zu halten. Das kennen wir aus der Entwicklung rund um Social Media und der Vlogosphäre. Doch noch haben sie diese Macht bei Podcasts nicht. Noch gibt es die bunte Vielfalt von Formaten. Noch ist die Freiheit erhalten, wo und wie wir Podcasts hören. Datensparsame, privacy-by-default Angebote – oder eben Spotify und wie sie nicht alle heißen. Schlimm genug, dass viele Podcaster:innen schon heute das Gefühl haben, auf Spotify sein zu müssen – ich komme auf diesen Punkt gleich zurück.

Mithin ist die momentane Podcast-Kultur (noch) bunt. Ich gehe davon aus – sowohl Sandro als auch Philipp bestätigen dies –, dass die Mehrzahl der Menschen interessensgeleitet ihre Lieblingskanäle aussucht. Bei mir sind es mittlerweile die einzelnen Folgen und nicht mehr nur der Kanal, die ich explizit wähle. Die Zahl meiner Abos ist in den letzten Monaten explodiert. Ich bin derzeit in einer Kurations-Phase, sie wieder einzudampfen. Daher höre ich selektiv.

Dieses komplexe Ökosystem entdecken ÖRR noch für sich. Es reicht nicht, wenn sie sich mit ihren Podcast-Angeboten der Oberflächlichkeit hingeben. Allen gerecht werden zu wollen, funzt halt nicht. Wenn sie – das empfinde ich als die größte Unsitte – schlagzeug-dominierte Musikbetten unter fachliche oder nachrichtliche Ausschnitte legen, um Dynamik künstlich zu erzeugen. Das Einzige, was dabei entsteht, ist ein Gefühl von Bedrängnis und dass ich mehr Konzentration benötige, mich auf das Gesagte zu konzentrieren. Zeitdruck für die:den Redner:in. Belastung für die:den Hörer:in. Was soll das? Ich bin davon nur genervt. Der neue Podcast “Update Erde” von Deutschlandfunk Nova ist so ein Fall. Ich hörte rein. Die Inhalte sind ok. Die Machart finde ich ätzend. Ich gebe dem Team noch ein, zwei Folgen. Doch schon jetzt tendiere ich dazu, mir die Zeit und den künstlich erzeugten Stress zu sparen. Schade eigentlich. An diesen Punkten zeigt sich, wie groß die kulturellen Unterschiede sind. Wie lang der Weg bei den Entscheider:innen, diese feinen Nuancen wahrzunehmen. Sich einzulassen auf das aus einer Experimentierfreude gewachsene Ökosystem.

Podcast zwischen
Journalismus und Freiem Radio?

Zurück zum Küchenrad.io: Im Gespräch von Philip mit Sandro geht es ferner darum, wie sich Podcasts in die Landschaft einerseits der Torhüter und Informationsregulierer (“Gatekeeper” für journalistische Informationen) und andererseits dem zivilgesellschaftlich organisierten Freien Radio-Sendern einordnen ließen. Ich würde hier eher von einem Vieleck als einer geraden Linie des Spektrums sprechen. Interessant sind die soziologischen Veränderungsprozesse, die mit der Digitalisierung einhergehen. Wie sie wechselseitig wirken.

Für meine Großeltern war es ab Anfang der Siebziger ein Privileg, sich 19:30 Uhr vor den Fernseher zu setzen, um die “Aktuelle Kamera” zu schauen und dann heimlich 20:00 Uhr ins Westfernsehen zur “Tagesschau” zu schalten. Eingefangen wurde das vom Politbüro mit dem “Schwarzen Kanal”, der montags die westlichen Nachrichtensendungen in den sozialistisch-agitierenden Kontext stellte und kommentierte. Für die Jüngeren unter uns: Bis dahin ging man ins nahegelegene Kino, um sich “Der Augenzeuge” – die Wochenschau zur Lage der Nation – anzuschauen.

Nachrichten in bewegten Bildern vom Sofa aus? Erst das eigene Fernsehgerät machte es möglich. Meine Großeltern mussten darauf mehr als zehn Jahre sparen. Auf einen Farbfernseher wartete man im Übrigen über mehrere Jahre. Es waren nicht die neun bis dreizehn Jahre Lieferzeit wie bei einem Trabbi. Doch auch Farbfernsehgeräte sah die Planwirtschaft als Luxusgut. Mithin: Ein Fernsehempfänger in der guten Stube war eine Errungenschaft ihrer Generation.

(Klassik)Radio aus dem großen, einem Möbelstück gleichenden Röhrenradio hingegen lief bei ihnen täglich rauf und runter. Meine Omi liebte die verschiedenen Sendungen. Es war ihre Art, sich zu informieren und Musik zu genießen. Verließ sie ihre Wohnküche, um am anderen Ende der Wohnung ihren Hausfrauentätigkeiten nachzugehen, hatte sie stets das kleine Reiseradio mit dabei. Das änderte sich erst, als Kasetten-Rekorder mit Radio und später CD-Player für sie erschwinglich wurden. Dann liefen ihre Sinfonien, Chor-Werke und Opern bevorzugt aus der Konserve über den Äther. Ihre Angewohnheit, das Gerät ständig von einem Zimmer ins nächste mitzunehmen, behielt sie bei. Nachrichten blieben bis zu seinem Tod das Interesse meines Großvaters. Meine Großmutter setzte sich gegen sieben, halb acht dazu. Bei ihnen hatte sich eingebürgert, das Abendbrot danach auszurichten. So strukturierte und begleitete der öffentliche Rundfunk ihr Leben. Ich bin mir recht sicher, dass das für ältere Generationen heute noch immer so ist.

Wer aus meiner Alterskohorte, wer von den Jüngeren, setzt sich Punkt acht vor den Fernseher? Eben! Der ÖRR muss mit allen Generationen zurechtkommen. Wir alle kennen die Graphen der Demographie. Bei Destatis kann man übrigens interaktiv anschauen, wie sich die Altersgruppen über die Bundesländer verteilen:

Karte von Deutschland. Die einzelnen Kreise sind in vier Farbvarianten je nach Anteil dargestellt. Für die Altersgruppe der 80- bis unter 100-Jährigen ist ein deutlicher Schwerpunkt in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen zu sehen. Hier liegt der Anteil an der Bevölkerung bei 8,2 bis 11,6 % (höchster Wert). Alle anderen Bundesländer liegen darunter.. Bild: copy Statistisches Bundesamt (Destatis), GeoBasis-DE / BKG 2023, Quelle: Bevölkerungsfortschreibung

Anteil der 80- bis unter 100-Jährigen an der Bevölkerung (%) im Jahr 2021
[ 2021 Statistisches Bundesamt (Destatis), GeoBasis-DE / BKG 2023, Quelle: Bevölkerungsfortschreibung ]

Mithin: ÖRR muss der älteren Generation dienen. Gleichwohl sollte er parallel ein sinnstiftendes Angebot als Mediathek für die jüngeren Generationen aufbauen. Doch wie viel vom Apparat, der zum Bildungsauftrag gehört aber teuer im Unterhalt ist, wie viel davon soll erhalten bleiben? Was weicht, um neuen Formaten und dem geänderten Nutzungsverhalten gerecht zu werden? Wie gelingt der Spagat von “sowohl als auch”? In diesem Findungsprozess stecken wir. Ich hoffe, dass es aus konstruktiv-journalistischer Sicht weitergedacht wird. Ein Hoch auf das Bonn-Institut, die hierbei Enormes leisten.

Die fatale Macht
des Turbo-Kapitalismus

Sandro und Philip sprechen ferner über die Macht der Audio-Plattformen (z. B. Spottify, Apple, Google). Welche Gefahr für die Diversität der Podcasts lauert, werden Podcasts kommerzialisiert. Was vor allem mit der Zentralisierung der großen Plattformen zu tun hat.

Das andere Ding, das Deinem Argument Gewicht verleiht, ist, dass in Zukunft – wenn wir diesen Shift erleben, weg vom linearen, mehr zum On-Demand – wird der Player, das Gerät, die Software, in der du dein Radio-Programm, deinen Podcast abspielst, enorm an Bedeutung gewinnen. Denn wenn du Leute tracken willst, wenn du wissen willst, von wo nach wo hören sie, wo skippen sie, an welchem Ort hören sie das, wann können wir Werbung einblenden – dann geht das nach heutigem Stand eigentlich nur, wenn du die Abspiel-Software kontrollierst. Deswegen investieren Leute in Plattformen. Deswegen investieren sie in Podcast-Apps.

Philipp Banse

Demzufolge geht es um Privatsphäre und digitale Freiheitsrechte. Wir alle wissen, dass wir gratis Angebote mit unseren Daten bezahlen. Hier ist wieder ein Beispiel dafür.

Einen Punkt in Sachen Technik-Folgen-Abschätzungen fand ich im Gespräch von Sandro und Philip als wichtig: Die unglückliche Verquickung zwischen Plattform als technische Basis und dem Anbieten eigener Inhalte. Sandro verglich es mit Amazon. So wie dieser enorm große Marktplatz gebaut ist, hat der Konzern Zugriff auf die Nutzungsdaten. Damit wird die konzern-interne Analyse möglich. Welche Inhalte und Produkte verkaufen sich besonders gut? Amazon weiß anhand der geschürften Daten, worin der (Miss)Erfolg der Anbieter:innen liegt. Wird vom Konzern ein lukratives Segment entdeckt, werden diese Angebote kopiert. Die “Erfinder” geraten ins Abseits rein durch die Marktmacht des Konzerns. Chancen-Gleichheit und vor allem Gerechtigkeit sieht anders aus.

Genau diese Gefahr lauert auf dem bunten Markt der Podcasts. Dies ist nur ein konkretes Fallbeispiel, wo sich der Turbo-Kapitalismus einem freien Internet entgegenstellt. Weil sich bei der Verquickung von Infrastruktur und eigener Markt-Teilnahme zwangsläufig Schwierigkeiten ergeben, wenn zwischen dezentralen, demokratischen Strukturen und wirtschaftlichen Interessen abgewogen werden muss. Da haben wir sie wieder, die Hacking-Ethik.

Daraus nehme ich für mich als Warnung mit, was passiert, wenn eigene Angebote mit dem freien Marktplatz gemixt werden – ein Punkt, den ich für den WandelMut Marktplatz berücksichtigen sollte. Wie ich diese berechtigte Kritik umsetzen werde, weiß ich noch nicht. Das wird sich gemeinsam mit der Community finden. Vermutlich wird es ein kontinuierlicher Verhandlungsprozess, ein Experimentierfeld bleiben. So schlecht ist das nicht. Es gilt, uns nur beständig darüber bewusst zu bleiben.

Nils und Sandro diskutieren, was wir aus der Vergangenheit lernen können, um diese Gefahr zu bannen und zu minimieren – auch in unserem eigenen Konsumverhalten (z. B. alternative Podcasts-Apps nutzen statt alles nur via Spotify zu abonnieren).

Infrastruktur und
Moderation der Inhalte

Letztlich läuft es darauf hinaus, dass wir den Zugang seitens der Podcast-Gastgeber:innen und der Zuhörerschaft zu einer gemeinsamen Plattform öffnen. Dafür braucht es einen gemeinwohl-orientierten Unterbau. Es geht um die digitale Infrastruktur – mit Podcast-Feeds plus ergänzenden Notizen (show notes) bis hin zu Kapitel-Marken und auch noch ein Aufmacher-Bildchen mit dabei. Ergänzt um Angebote wie Aufnahme-Equipment und Rechner samt Software für die Post-Produktion. Es geht um Arbeitsteilung von Redaktion, über Fakten-Checks bis hin zum Gastgeben in den Gesprächen, der Transkriptionen und der Moderation der Communities.

Freie Rede, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Wahlfreiheit – sie alle finden heute in Podcasts ihren Ausdruck. Das gilt für jede:n. Das ist gut so. Auch wenn mir selbst die Vorstellung misshagt, dass rechte Podcasts ihre Meinungen und Ansichten ins Ohr ihrer Zuhörerschaft säuseln. Sandro, der ein persönliches Experiment durchführte, spürte am eigenen Erleben, wie viel schwerer es ist, sich davon nicht einlullen zu lassen. Es ist aufreibend und kräfte-zehrend, Gedankengut am rechten Rand auszuhalten. Zumal wir in einer Zeit leben, da Partei-Politiker:innen enormen Druck auf die Grenzen des Denk- und Sagbaren ausüben, sie tagtäglich nach rechts zu verschieben suchen. Das halte ich für fatal und in Anbetracht der Klimakrise für brandgefährlich.

Insofern ist die Gefahr, die von dieser Offenheit und den Freiheitsrechten ausgeht, nicht zu unterschätzen. Gleichwohl schaffen wir ein gutes Leben nicht über Verbote. Für mich (und für die beiden) zählen die humanistisch-aufgeklärten-freiheitlichen Grundrechte. Beschränkt werden sollen sie, wenn sie die Freiheitsrechte anderer einschränken. Das steht im Grundgesetz. Dafür brauchen wir keine neuen Gesetze zum Regulieren von Plattformen und Podcasts. Es gilt vielmehr, diese zu leben und in die Praxis umzusetzen.

Schaffen wir es, unsere Menschlichkeit zu bewahren? Oder geben wir auf bei der leichtesten Erschütterung? [...] Du kannst Werte nicht verteidigen. [...] Du kannst Werte nur leben. Dann werden sie manifest und kriegen Strahlkraft. . Bild: cc Franziska Köppe | madiko

zitatinte: Hagen Rether - Menschlichkeit
[ 2017-10 Franziska Köppe | madiko ]

Die (Ohn)Macht des Einzelnen

Als Podcast-Anbieter:innen stehen wir mithin vor der großen Herausforderung: Werde ich Teil des Macht-Apparats der Turbo-Kapitalisten des Silicon Valley oder auch des schwedischen Plattform-Riesen Spotify? Wie lebe ich diese humanistisch-aufgeklärten-freiheitlichen Grundrechte über meinen Podcast? Meine Antwort aus heutiger Sicht: Widerstehe den Versuchungen des vermeintlich Einfachen!

Baue eine kleine Internetseite – entweder als eigenständiges Web-Angebot oder besser noch integriert in Deinen Webauftritt. Biete von dort aus den Feed an. So bleibst Du unabhängig. Du bist Herr:in Deiner Daten und schützt die Deiner Hörer:innen. Das steigert die Investition zu Beginn. Du wirst zudem im laufenden Betrieb dranbleiben müssen, da sich die Technik beständig weiterentwickelt. Aus eigener Erfahrung kann ich jedoch sagen: Nichts schlimmer, als alles verlieren, weil der Dienst für Dich unbezahlbar oder eingestellt wird. Dann war das vermeintlich Einfache alles für umsonst. Und vergiss nicht den Lerneffekt. Souveränität und Selbstwirksamkeit wirken Hand in Hand. Außerdem gibt es zahlreiche Web-Worker:innen, die sich freuen würden, ein Projekt wie Deines zu betreuen. Die Wirtschaft unterstützen – dezentral, indem jede:r sich auf ihre:seine Talente fokussieren kann.

Das eröffnet Dir (Euch) zudem die Chance, Dein Angebot über Schwarmfinanzierung ökonomisch tragbar aufzubauen. Deine Nutzer:innen bezahlen für Deine Inhalte und Deine Einzigartigkeit. Du machst Dich nicht von Masse, sondern von Klasse abhängig. Du kannst experimentieren und hast die volle Bandbreite an Möglichkeiten. Du bleibst unabhängig von ohnehin für alle nerviger Werbung oder gar dem guten Willen (der Dir nicht garantiert sein kann) eines Konzerns. Wir sehen aktuell, was mit den Inhalten passiert. Twitter, Reddit, Facebook / Meta, TikTok sind die besten Beispiele.

Und als Hörer:in? Nutze einen Open Source Podcatcher! Ich empfehle AntennaPod. Kein Tracking. Keine Werbung. Podcasts pur. Verweigere den Turbo-Kapitalisten Deine Daten. Unterstütze Deine LieblingsPodcasts. Werfe für die App ein paar Euro in den Hut. Erzähle anderen davon. Gib ihnen Geld. So einfach kann digitale Souveränität und Zukunftsrobustheit sein. So kultivieren wir das lebendige, bunte und vielgestaltige Ökosystem.

Finanzierung – es ist kompliziert

Podcasts zu produzieren ist aufwändig. Es fängt an mit dem Entwerfen des journalistischen und / oder wissenschaftlichen Konzepts. Das Finden und redaktionelle Aufbereiten der Themen. Das Recherchieren nach Expert:innen und Fallbeispielen. Das Gewinnen dieser Personen für ein Vorgespräch. Das Auswählen und Pflegen der Technik. Das Aufzeichnen der Folge. Dann das Transkribieren und die Post-Produktion. Je nach Format kommen Sound-Design und Musik-Abmischen hinzu. Sind das Audio abgemischt und die Notizen zur Folge geschrieben, geht’s ans Publizieren – also das Einpflegen im Kanal und Bewerben über zum Beispiel Social Media. Ferner der Kontakt und die Moderation der Hörerschaft. Je nach Erfolg des Kanals ebenso nicht zu unterschätzen in seinem Aufwand.

Keine Frage: All das macht riesig Spaß. Es ist gleichwohl zeit- und energie-bedürftig. Um zukunftsrobust zu sein, brauchen Podcast-Produzent:innen also Geld. Grob geclustert finanzieren sie sich über mehr oder weniger fünf Quellen:

  • Abonnements / Mitgliedschaften / Schwarmfinanzierung
  • Spenden / Sponsoring
  • Werbung
  • (bezahlte) öffentliche Auftritte
  • Podcast im Auftrag bzw. unter dem Dach einer Organisation mit entsprechendem Honorar

Es ist eine Herausforderung, jede dieser Finanzierungsmethoden rechtlich, journalistisch und wissenschaftlich sauber, transparent, daten-sparsam und fair umzusetzen. Unabhängiger, kritischer Journalismus und Wissenschaftskommunikation bleiben nur dann frei, wenn sie nicht zum Diener oder gar verdecktem Sprachrohr der Finanziers werden. Glaubwürdig bleiben sie nur, wenn nicht das Geschmäckle des Sponsorings oder großer Spender:innen an der Integrität der Redaktion/Moderation haften bleibt.

Ähnlich schwierig gestaltet es sich bei Anzeigen. Es gibt Podcasts, die mit einzelnen Werbe-Partner:innen arbeiten. Philip und Ulf haben für die “Lage der Nation” ihren Weg gefunden. Sie erarbeiteten Werbe-Richtlinien und veröffentlichen transparent ihre Sponsoren. Vor allem jedoch trennen sie Redaktion und Akquise organisatorisch strikt voneinander. Eine graue Zone entsteht dadurch, dass Philip die Werbeblöcke für den Podcast einspricht. Ein Konzept, das stetig justiert werden muss und im Zusammenspiel mit der Community von ihnen weiterentwickelt wird. Es ist ein beständiges Aushandeln und Hinterfragen. Mithin: Die beiden nehmen für ihren Podcast – innerhalb der Regeln guter journalistischer Praxis – bewusst Einfluss auf Menge und Ausgestaltung der Werbung in ihrem Podcast. Über ein Plus-Abo bieten sie ihren Hörer:innen die werbefreie Version an.

Will oder kann man als Publizierende:r diesen Aufwand der Werbe-Akquise nicht betreiben, bleibt die Möglichkeit, Werbung automatisiert einfügen zu lassen. Damit gibt man jedoch jede Steuerung und Kontrolle sowohl über die Inhalte als auch über den Zeitpunkt der Einblendung ab. Das führt nicht selten zu rüden Unterbrechungen im Podcast. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Werbung in krassem Kontrast zum eigenen Plot steht. Nicht schön. Ferner erlaube ich der Plattform das Ausspionieren meiner Hörer:innen. Egal sollte auch das uns nicht sein.

Als Podcaster:in kann ich also sagen: “Werbung geht gar nicht. Spotify geht gar nicht.” Dann muss ich mit den Konsequenzen leben. Das kann bedeuten, auf bis zu 50% der Nutzer:innen zu verzichten. Es ist anstrengend, sich seine Hörerschaft aus eigener Kraft aufzubauen und die Community zu pflegen. Da scheint es leichter zu sein, sich auf der beliebtesten Seite einen Kanal zusammenzuklöppeln und draufloszufunken. Schließlich wollen wir ja publizieren und nicht endlos lange programmieren. Richtig?

Diese Überlegungen blenden dabei jedoch zwei Dinge aus: Es ist enorm zeitaufwändig – und das dauerhaft und zunehmend höher – im Massenmarkt auf einer Plattform sichtbar zu bleiben. Wir erinnern uns: Konzerne sind rein profit-getrieben. Ihnen geht es nicht um die Qualität oder gar Fakten-Checks von Inhalten. Am Gemeinwohl orientiert? Keinesfalls! Ihnen geht es um fette Gewinne, die sie mithilfe und unter Ausnutzung der Kreativen scheffeln. So funktionieren ihre Geschäftsmodelle.

Wollen Kreative auf diesen Plattformen bestehen und erfolgreich sein, sind sie gezwungen, sich den Algorithmen und dem Turbo-Kapitalismus zu unterwerfen. Folglich sind sie nicht mehr intrinsisch motiviert. Sie werden zu Dienern zweier Herren: zuerst den Plattformen und dann ihren Hörer:innen gegenüber. Sie füttern den Algorithmus. Welche Auswirkungen das hat, sehen wir derzeit überdeutlich an YouTube. Schau Dir dazu zum Beispiel das Video von Alpay Efe an, indem er beschreibt, was die neueste unternehmerische Entscheidung von Google für Konsequenzen für Künstler:innen hat: The End of Art. YouTube hates Artists and Creators, and it’s getting worse!

Fazit & Ausblick

Das Gespräch zwischen Philip und Sandro war eine Bereicherung. Ich habe viel verstanden, weswegen ich heute kein Radio mehr höre. Mir ist bewusster, was mich am Rundfunk (seit jeher) stört. Gleichwohl ist meine Liebe zu Podcasts durch die beiden nun tiefer. Ich habe einen klareren Blick auf die Szene und die Entwicklungen. Es war ein Ohrenöffner sozusagen. Mehr möchte ich nicht spoilern. Hör doch mal rein und bilde Dir eine eigene Meinung: Podcasts, öffentlich-rechtliches Radio und die Plattformen. Ich wünsche viel Hörvergnügen!

Bleib neugierig,
Franziska (handschriftliche Signatur)

Bist Du vom Bericht aus der Werkstatt Woche 25/2023 hierher gesprungen?
Hier geht es zum nächsten Kapitel: Integrationsangriff auf das Fediverse.


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