WandelMut ImpulsZeit

Rückblende erste Staffel WissKomm 2024/2025

veröffentlicht: 28.08.2025 · Franziska Köppe | madiko

· Kapitel 4 ·

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WandelMut ImpulsZeit – Rückblende erste Staffel WissKomm 2024/2025

Wissenschaft alltags-tauglich: Multilog statt Monolog

Wissenschafts-Kommunikation, Interaktion und die Rolle von Wissenschaftler:innen in der Gesellschaft

Wissenschaft hilft uns, die Welt um uns herum zu verstehen. Wissenschaftler suchen Antworten auf Fragen. Wissenschaftlerinnen lösen Probleme. Fokussiert auf einzelne Aspekte unseres (Zusammen)Lebens, nehmen sie sich Zeit, die Dinge im Detail zu studieren. Sie beobachten über einen längeren Zeitraum, wie etwas funktioniert. Ihr Ziel: Sie wollen den Zusammenhängen auf die Schliche kommen, wie und warum das Beobachtete passiert.

Grundlagen-Forschung und angewandte Forschung

Wissenschaftler:innen erforschen, welchen Einfluss die von ihnen observierten Faktoren auf uns haben. Aus ihren Erkenntnissen formulieren sie Hypothesen. Diese Annahmen über die Wirklichkeit werden sie selbst und andere Forscher:innen in Experimenten zu belegen oder zu widerlegen versuchen. Sie sammeln Informationen. Sie ordnen diese für uns in den Gesamt-Zusammenhang ein. Akademiker:innen sind diskussionsfreudig und stets bereit, ihre Hypothesen mit neuen Erkenntnissen – ihrer eigenen und anderer Expert:innen aus ihrem Gebiet – zu remixen.

Forscherinnen und Forscher entwickeln Prototypen und bauen innovative Lösungen. Diese testen sie in Laboren und später in praktischen Anwendungen: angefangen von Medikamenten über Technologie bis hin zu Gesellschafts-Modellen. Ein Großteil dieser Entwürfe wird nie relevant für die Praxis. Wissenschaftler:innen brauchen eine hohe Fehler- und Frustrations-Toleranz.

Indes das, was als wertvoll im Prozess hervorsticht, wird von anderen Akteur:innen der Gesellschaft gern aufgegriffen. Zuweilen entstehen die besten Ideen aus einem Zufall oder einem Miss-Erfolg. Innovationen werden Teil unserer Prophylaxe, unseres Alltags und unserer Anpassungs-Strategien. In kleinen und großen Maßstäben tragen Wissenschaftler:innen also dazu bei, dass sich unser (Zusammen)Leben kontinuierlich verändert. Und sie werden die Ersten sein, die diese Veränderungen dokumentieren und auswerten.

Traum und Alptraum von “Fortschritt”

In diesem beständigen Kreislauf aus Theorie – Experimenten – praktischer Anwendung streben wir Menschen danach, unsere Lebens-Qualität zu verbessern. Über ein vertieftes Verständnis der komplexen Zusammenhänge unserer Erd-Systeme, von Pflanzen und Tieren finden wir Wege, unseren Lebens-Raum zu schützen. Indem wir die Welt und unsere Rolle darin verstehen, können wir Zukünfte entwerfen.

Traum und Alptraum von “Fortschritt” liegen indes eng beieinander. Daher müssen wir über die Entwicklungen im Austausch bleiben. Diesen Aushandlungs-Prozess können wir aktiv in konstruktiv-kreativem Sinne gestalten. Daraus ziehen wir unsere Motivation und Kraft. Indem wir neugierig und informiert bleiben, lernen wir die Rolle der Wissenschaft in der Welt um uns herum schätzen und werden ihre Erkenntnisse gewinn-bringend nutzen.

Miteinander reden und zusammen gestalten

Mir sind Veranstaltungen ein Graus, in denen die Beteiligten übers Reden nie hinaus kommen. Alibi-Laber-Events organisiere ich nicht. Davon gibt es ohnehin schon viel zu viele. Mein Bestreben ist es, die Welt zu verändern. Und sei es ein Mensch im Publikum, der sinn-gekoppelt und mit einem Impuls aus dem Abend in den Berufs-Alltag geht. Eine Person, die auf Basis ihrer Erkenntnisse voranschreitet, worüber sie sich am Vortag ausgetauscht hat.

Meine lang-jährige Erfahrung im Begleiten von Transformations-Prozessen ist, dass es auf den Drei-Klang aus Information & Inspiration + Reflexion & Kommunikation + gemeinsam Handeln ankommt. Das trage ich in meine Moderation. Dazu gehören Interaktivität, Chancen-Gleichheit und ein Schöpfen des Wissens im Raum. Das Hierarchisieren von “schlauen Leuten auf der Bühne” und dem zum Zuhören verdammten Publikum ist ein Relikt aus der Vergangenheit. Dafür haben wir heute andere Formate, wie Erklärbär-Filme, Tutorien oder Bücher.

Wenn wir uns von Angesicht zu Angesicht treffen, sollten wir die Gelegenheit zum wechsel-seitigen Austausch ergreifen. Jede:r soll die Chance haben, sich einzubringen – mit seinen Fragen, mit seinem Wissen. Bist Du die schlauste Person im Raum, bist Du im falschen Raum. Oder Du bist ein Narzisst.

Raum geben & Raum halten

Eines meiner Anliegen der Reihe war daher, dass ich den Teilnehmenden im Rahmen der Treffen mindestens ebenso viel Raum einräume wie den Expert:innen. Jede im Raum sollte mehr als ein Mal zu Wort gekommen sein und ihre Gedanken frei aussprechen können. Wir klärten Begriffe und Terminologie, um der gemeinsamen Sprach-Fähigkeit eine Basis zu geben. Direkt im Anschluss stiegen wir mit einer Frage zum Alltag ins Thema ein.

Um introvertierten und extrovertierten Teil-Gebenden die Brücke zu bauen, starteten wir in Brabbel-Gruppen (2 bis 5 Personen). Zuweilen auch zwei-stufig: Starten im Duo, dann zu viert. Erst nach dieser “Rede-Zeit” im kleinen Kreis öffneten wir den Diskurs im Plenum. Als Moderatorin achtete ich auf die Körpersprache. So kamen die Schüchternen zu Wort und wurden im Verlauf des Abends mutiger, sich einzubringen. Zudem unterband ich im Plenum Zwie-Gespräche, nahm bei Bedarf das Tempo aus der Diskussion heraus.

Die wissenschaftlichen Impulse kürzten wir auf Päckchen mit je zirka 7 bis 20 Minuten und verteilten sie über den gesamten Abend. So brachten wir zugleich Struktur in den Austausch von Wissen und Erfahrungen. Die Dreh-Bücher der Moderation hatten “Luft”. Ohne Zeit-Druck konnten wir uns auf die Menschen und ihre Anliegen einlassen. Alle Zahlen, Daten, Fakten waren belegt und sorgfältig von uns vorab recherchiert.

Realität & Wirklichkeit

Es ging mir darum, alle Beteiligten darin zu unterstützen, natürliche Gesetz-Mäßigkeiten (= unverhandelbare Realität planetarer Grenzen) von sozialen Konstruktionen (= gemeinschaftlich ausgehandelte und entwickelte Wirklichkeit) unterscheiden zu lernen.

Das Wissen im Raum sichtbar zu machen und es weiter anzureichern mit evidenz-basierter Forschung. Allen Beteiligten mithin den eigenen Handlungsraum öffnen, in dem sie gestalten können. Und ihr Vertrauen in Wissenschaften zu stärken – dass sie diese verstehen und akademischen Argumenten folgen können.

Ein hoher Anspruch. Um den Zugang zum Mitgestalten aller nieder-schwellig anzulegen, nahmen wir uns je zwei Stunden Zeit für den Austausch. (Eine Stunde zusätzlich, also insgesamt drei pro Abend, würde der Sache noch mehr dienen, ist jedoch für viele zeitlich schwer zu realisieren.)

Ich konnte meine Partner:innen und die Teilnehmenden davon überzeugen, dass wir einen Beitrag zum Gemeinwohl leisten. Weniger ist mehr. Oder richtiger: Raus aus der Überforderung. Fokus ist wichtig und erhöht die Chancen auf Erfolg.

Die optimale Vorbereitung für die Impuls-Geber:innen

In der Vorbereitung der Treffen arbeitete ich mit meinen Tandem-Partner:innen hart daran, dass wir Menschen vermitteln, mit welchen Fragen wir uns als Gesellschaft beschäftigen müssen. Was das für uns als Individuen im – beruflichen wie privaten – Alltag bedeutet. Wie wir zu klugen Lösungen und ins eigen-verantwortliche Handeln kommen können. Darin liegen die Fach- und Methoden-Kompetenzen der Expert:innen.

Was ihnen schwer fiel, war, sich von ihrem hart erarbeiteten Berg an Detail-Wissen aus jahr-zehnte-langer Forschung zu lösen. Sich locker zu machen hinsichtlich ihrer gewohnten Form der präzisen Fach-Kommunikation unter Kolleg:innen. Verständlich, das ist anspruchsvoll. Populär-wissenschaftliche Kommunikation ist eine hohe Kunst, die im Wissenschafts-Betrieb eine unter-geordnete Rolle spielt. Leider.

Story-Telling statt “betreutem Lesen”

Soweit meine Partner:innen es zuließen, unterstützte ich sie darin, ihre Didaktik und darauf aufbauend ihre Folien zu überarbeiten. Statt betreutem Lesen (offensichtlich gibt es die Unsitte an Hochschulen und Universitäten immer noch, arme Studierenden!), suchten wir nach prägnanten Bildern, Illustrationen, Schlagworten. Wir kürzten Tabellen und fassten einzelne Daten in Clustern zusammen. Wir suchten nach Möglichkeiten, ihre Theorien anschaulich und praxis-nah darzustellen. Sie achteten darauf, dass alles wissenschaftlich korrekt blieb. Kollaborativ reduzierten wir die Informations-Flut auf das Wesentliche, um den Know-how-Transfer in den Berufs-Alltag zu erhöhen.

Oft knobelten wir lange, welche Bilder wir finden, um Relationen zu veranschaulichen. Ein Schlüssel ist dabei, die Chronologie des eigenen Denkens zu durchlaufen. Was war nötig, um zu unserem Wissens-Stand zu kommen? Oftmals ist der Prozess zur Erkenntnis wichtiger als das Ergebnis unserer Studien. Es kann in den Hintergrund treten. Interessierte werden Fakten nach der Veranstaltung nachlesen. Daher ist eine Doku wertvoll, die das Gesagte mit Quellen und weiterführenden Informationen belegt. Die Doku ist im Nachgang zur Hand, nämlich dann, wenn die Leute dafür einen Kopf und die Zeit haben.

Um was geht es? Was nutzt es? Wie gestalten wir?

Den Dialog nutzen wir indes, um Fragen aufzuwerfen und darüber zusammen zu diskutieren. Sich immer wieder den Dreiklang vor Augen zu führen und Antworten zu formulieren:

  • WHAT: Was ist es? Worüber reden wir? Das Klären der Begriffe. Worum geht es dabei genau? Was ist der Sachstand? Woran bemessen wir das – quantitativ, qualitativ?
  • SO WHAT: Was hat das mit mir zu tun? Was mit der Gesellschaft – lokal, national, global? Wo stehen wir im Koordinaten-System des sicheren Handlungsraums zwischen planetaren Grenzen und sozialem Fundament? Wie ordnet sich das WHAT in den Kontext ein?
  • NOW WHAT: Wie sind die Lösungen (wissenschaftlich) einzuordnen? Welche Handlungs-Optionen ergeben sich? Welche möglichen, welche wünschenswerten, welche zu vermeidenden Szenarien sehen wir? Welche Gefühle, Wünsche, Hoffnungen, Befürchtungen und Sorgen sind mit diesen Lösungen verbunden? Was halten wir aus Sicht unserer Expertise für realistisch? Wie könnte der eigene Beitrag zur Umsetzung aussehen?

Wissenschaftliche Integrität: Neugier wecken und Wissen teilen

Was fällt schwer und ist doch essentiell für den Erfolg? Sich aus den Elfenbein-Türmen heraus zu wagen, bedeutet für Wissenschaftler:innen, sich stark in ihrem eigenen Wissen zurückzunehmen. Anderen erlauben, laut zu denken. Nicht auf alles eine Antwort zu haben. Und vor allem, sich nicht zu politischen oder populistischen Äußerungen hinreißen zu lassen.

Sie sind Menschen. Insofern können sie nie neutral sein. Unsere Werte und Haltungen bestimmen die Themen, mit denen wir uns intensiv beruflich auseinandersetzen. Meinungsfreiheit ist ein universelles Recht. In der Rolle einer wissenschafts-basierten Impuls-Geberin indes, ist wichtig, anderen den Raum der Eigen-Verantwortung, des eigen-ständigen Denkens nicht zu nehmen. Und im Fall der Fälle den Rollen-Wechsel bzw. die Meinungs-Äußerung als solche unmissverständlich “kenntlich” zu machen.

Keine Antwort ohne Frage(n)

Wie gelingt uns, Neugier zu wecken, sich im Selbst-Studium eingehender mit den Quellen zu beschäftigen? Indem wir Menschen nahe bringen, wie wir wissenschaftlich arbeiten – worauf wir achten und wie wir vorgehen. Gute Fragen sind dabei wesentlich hilfreicher als Antworten. Es gilt, das Publikum auf eine gemeinsame Reise des Verstehens mitzunehmen. Impulse zu setzen. Fragen offen im Raum stehen zu lassen. Ein bisschen wie meine Großmutter früher an meinem Bett: Sie hörte in der Abenteuer-Geschichte stets an der Stelle auf, an der es am interessantesten war. Später amüsierte sie sich prächtig, dass ich unter der Decke mit Taschenlampe weiterlas.

Es hat keinen Sinn, Bürger:innen innerhalb kürzester Zeit alles um die Ohren zu werfen, was man weiß. Das sahen meine Partner:innen ein. Was indes hilfreich ist: Teilnehmenden an wissenschafts-basierten Diskursen den Erkenntnis-Prozess der Expert:innen zu vermitteln. Ihnen aufzuzeigen, was qualitativ hochwertige und was pseudo-wissenschaftliche Arbeit ist. Damit bewegen wir uns im Bereich der “unbewussten Kompetenz”. Wenn Du so willst, müssen Akademiker:innen einen Teil ihres Wissens – nämlich das, was ihnen aus ihrer alltäglichen Arbeit völlig selbstverständlich erscheint – reflektieren, aufbereiten und näherbringen.

Resonanz

Daran hatte der eine mehr und die andere weniger zu knabbern. Ich sah es an den strahlenden Augen nach den Veranstaltungen, dass ihnen das letztlich Freude bereitet hat. Zu sehen, wie ich andere in die Lage versetze, zukünftig eigenständiger lernen zu können. Und etwas über mich gelernt zu haben. Auch das ist Selbst-Wirksamkeit. Wissenschaftler:innen, die sich auf diese Reflexion einließen, sind gestärkt aus der Erfahrung herausgegangen. Lernen ist nicht einseitig. Es entsteht im Dialog und im Zusammenwirken mit anderen.

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