Aus der Werkstatt

Wochen-Rückblick 2025-50

veröffentlicht: 13.12.2025 · Franziska Köppe | madiko
aktualisiert: 05.01.2026 · Franziska Köppe | madiko

Zeichnung eines Bunsen-Brenners mit Kolben an einem Stativ, Reagenz-Glas mit Setzling und ein Prisma als Symbole für eine wissenschaftliche Werkstatt. Dazu der Titel der Blog-Serie: Aus der Werkstatt 2025.

Die Themen der Woche: Mentale Gesundheit – Ausblenden, was ich nicht beeinflussen kann. Reparatur statt Neukauf – zirkuläres Wertschöpfen fällt deutschen Firmen weiterhin schwer. WandelMut – Ruhe bewahren im Jahres-Endspurt. Kartographie und Daten-Visualisierung – Meine Lieblinge der 30 Days Map Challenge. D2030+ Missions-Werkstätten – Zukünfte-Forschung für Einsteiger:innen. Jazz College – Junge Jazz-Künstler:innen aus Süd-Deutschland.

Aus der Werkstatt 2025
[ 2025 Franziska Köppe | madiko ]

Strahlender Sonnenschein, kein Wölkchen am Himmel. Ich saß die letzten Tage mit geöffnetem Fenster für mehrere Stunden im Büro – bei angenehmen 15 bis 20°C. Ist das nicht verrückt?! Mitten im Dezember! Ich genoss es und es war schön. Heizkosten konnte ich sparen. Dennoch beunruhigt mich das. Es sind so klare Anzeichen für die Klima-Krise.

Insofern sind für mich die Nachrichten unerträglich. Diese Ignoranz! Das aktive Bekämpfen von innovativen Lösungen, die unser Leben angenehmer gestalten und noch dazu planetare wie soziale Grenzen achten, sie sind mir unbegreiflich. Die Aktionen der Bundes-Regierung strotzen nur so von Menschen-Verachtung. Sie biedern sich Über-Reichen an. Beratungsresistent zeugen sie von Engstirnigkeit gegenüber den Wissenschaften. Überheblichkeit gepaart mit Opportunismus – das hat nichts mehr mit einem Dienen für die Gesellschaft zu tun. Die US-Regierung erklärt Europa und Süd-Amerika den Krieg. Russland wird aus Washington politisch beraten (ja, so habe ich auch geguckt). Wir sollten als Souverän ernsthaft darüber nachdenken, eine Alters-Begrenzung für Berufs-Politiker einzuführen. Ab einem gewissen Alter sind Männer einfach nicht mehr in der Lage, mit und für die Menschen zu handeln. Sie führen uns direkt hinein in Autoritarismus, Rechts-Extremismus und Krieg. Als gäbe es kein Morgen. Na ja, für sie halt nicht.

Meiner mentalen Gesundheit zuliebe verordne ich mir eine Sende- bzw. vielmehr Empfangs-Pause für Nachrichten. Es wird mir schwer fallen, da ich Routinen anpassen und an meinen Grund-Einstellungen arbeiten muss. Ignoranz ist für mich nicht leicht. Indes kann ich einem Gedanken von Kiki viel abgewinnen: Sie schrieb mir, dass sie ausblendet, worauf sie keinen aktiven Einfluss hat. An dieser Sichtweise gefällt mir, dass damit mehr Raum bleibt für die Dinge, die im eigenen Einflussbereich liegen. Platz schaffen, weniger gesellschaftliche Bürde, weniger Sorgen. Die Themen sind deswegen nicht verschwunden und erledigen sich auch nicht von allein. Indes finde ich hoffentlich wieder mehr Kraft und Energie für meine Projekte. Einen Versuch ist es wert. Und den startete ich diese Woche.

Gesagt – getan: In einem Gespräch mit meiner besten Freundin nahmen wir uns vor, nur über die positiven Dinge zu sprechen. Es ist gelungen. Und das hat so gut getan! Danke an Stef. Und Danke an Kiki. Ihr gebt mir Mut und Zuversicht. Es ist schön, dass es Euch gibt.

Und mit dieser Grund-Haltung bitte ich Dich nun hinein in meine Werkstatt. Wohlan!

Reparatur statt Neukauf

Zirkuläres Wertschöpfen muss Häfele von Nimbus noch lernen

Seit dieser Woche steht meine Schreibtisch-Lampe wieder auf meinem Schreibtisch. Ich hatte sie zu häufig bewegt und das Gelenk, das den Kopf hält, ermüdet. Ich dachte: Kein Problem, ich lasse sie von Nimbus reparieren und habe sie spätestens zur dunklen Jahreszeit zurück. Das war im Juni. Tja, das stellte sich als aufwändiger heraus.

Als ich mir 2016 die Lampe aussuchte, legte ich viel Wert auf Reparierbarkeit. Sie war der Ersatz für die Schreibtisch-Lampe, die ich von meinem Groß-Vater geerbt hatte, die er seinerseits von seinem Vater geschenkt bekommen hatte. Über ein Jahrhundert war sie alt. Gusseiserner Fuß und außen grüner, innen weißer Schirm. Dreh-Schalter mit sattem Klack zum An- und Ausschalten. Ich liebte diese Lampe.

In liebevoller Detail-Arbeit hatten wir sie über Generationen hinweg immer wieder instand-gesetzt und weiter-entwickelt. Vor etwas mehr als zehn Jahren dann gelang das leider nicht mehr. Der Schirm hielt nicht mehr seine Position. Der Umbau auf LED hätte eine komplett neue Elektrik bedeutet. Also beschloss ich: Sie hatte nun ihr Lebensende erreicht. Danke für die langen Dienste!

Aus dieser guten Erfahrung heraus war ich bereit, für die neue Lampe mehr Geld auszugeben – vorausgesetzt sie erfüllt meine Anforderungen an Zirkularität. Ich achtete auf Qualität der Verarbeitung, Lang-Lebigkeit, innovative Elektrik, Reparierbarkeit. Begeistert entschied ich mich für eine “Roxxane Office” von Nimbus. Sie bietet mit 1.500 Lumen warmes Tageslicht und ist stufenlos dimmbar. Ferner gefiel mir das schlichte Design. Es passte zum Konzept.

Leider ist das mittelständische Familien-Unternehmen Nimbus, das ich für sein nachhaltiges Geschäftsmodell bewunderte, mittlerweile von einem Groß-Händler (Häfele Technology Solutions aus Nagold / Baden-Württemberg) aufgekauft worden. Die Firmen-Philosophie Häfeles ist von Effizienz im Sinne von “billige Verarbeitung” geprägt. Nachhaltigkeit – und damit zirkuläres Wertschöpfen – treten für die wirtschaftlichen Interessen der Inhaber:innen in den Hintergrund. Es ist ein Konzern mit 8.000 Mitarbeitenden weltweit, davon 1.700 in Deutschland. Zusammen erwirtschafteten sie 2024 1,74 Mrd. Euro Umsatz.1 Zwar gibt es ein öffentliches Bekenntnis zu Verantwortung. Als Kundin merkte ich davon indes wenig. Echt schade!

Doch so schnell wollte ich nicht aufgeben. Um eine lange Geschichte kurz zu erzählen: Nach mehreren Anläufen lief es letztlich darauf hinaus, dass ich die Lampe demontierte, in die Original-Verpackung steckte und zu einem Vertrags-Händler brachte. Diese prüften den Eingang, nahmen meine Wünsche an die Reparatur auf und organisierten die Abwicklung. Andre Schmiedel von Smow Stuttgart war freundlich und engagiert. So ist es ihm zu verdanken, dass ich mehrere Wochen später die Lampe abholen konnte. Die Rechnung dafür steht noch aus. Mal schauen, wann sie bei mir eintrudelt.

Fazit: Zukunfts-robuste Geschäftsmodelle sind nur dann innerhalb planetarer und sozialer Grenzen, wenn sie den gesamten Lebens-Zyklus eines Produktes einschließlich der Dienste denken. Es kann nicht im Sinne der Firmen sein, nur auf die Verkaufszahlen und Neu-Kunden-Akquise zu schauen. Was man sich engagiert mit den Händen aufgebaut hat, reißt man sich mit dem A… wieder ein. Ein guter Service rund um die Produkte ist wichtig. Es wäre schön, wenn das Führungskräfte und Entscheider begreifen.

Quelle: Geschäftszahlen der Häfele Gruppe, abgerufen 2025-12-13.

WandelMut

Aus der Manufaktur der Bewegung und Kooperative

Mitte Dezember – es wird knapp, die Programmierung des IT-Fundaments für das Portal noch in diesem Jahr abzuschließen. Ich versuche, mich nicht unter Stress zu setzen. HokusFokus! Konzentriert arbeite ich die Aufgaben ab. Ich komme voran. Der dritte Anlauf scheint der Durchbruch zu sein: Jetzt funktioniert mein Datenbank-Konzept und Code-Design. Meine Vorfreude auf das, was entsteht, wächst. Gleichwohl kämpfe ich mit der Enttäuschung, mein Ziel – den Start der Publikation 2025 – erneut zu verfehlen.

Also rufe ich mir in Erinnerung, dass ich das IT-Fundament nun zum dritten Mal baue. Noch dazu als Einzel-Kämpferin. Aller guten Dinge sind Drei? Version 1 hatte ich einreißen und neu zusammensetzen müssen. Software entwickelt sich rasend weiter. Ich war zu langsam und zu sehr Anfängerin, um mithalten zu können. Mit Version 2 holte ich auf und sicherte die Zukunfts-Robustheit.

Beim Praxis-Test von Version 2 stellte ich dann einen gravierenden Logik-Fehler meinerseits fest: Mein Schlüssel für das Benamen von AddOns, Datenbank-Tabellen, Klassen, Funktionen und Fragmenten war um wenige Anschläge zu lang. In einem konkreten Fall war es ein einzelnes Zeichen, weswegen mein Code nicht funktionierte!

Also zurück auf Anfang. Um Konsistenz in der Programmierung zu sichern – und damit die Qualität und Robustheit des Gesamt-Systems – musste ich einen besseren Ansatz finden. Jetzt, da ich Version 3 baue, bin ich froh, dass ich den Mut hatte, Version 2 ebenfalls einzureißen und ein drittes Mal neu anzufangen.

So erklärt sich, warum sich die Publikation verzögert. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Fundament stabil sein muss. Nur dann wird es all die darauf aufbauenden Funktionen tragen können. Beim zentralen Unterbau kann ich nicht schludern. Halb-Fertiges im Roh-Bau kann ich ebenso wenig stehen lassen. Das sind Boomerangs, die mir über Kurz oder Lang vor die Füße fallen.

Auszuschließen ist nicht, dass das dennoch passiert. Es fühlt sich für mich jedoch ganz anders an, wenn ich weiß, dass ich nach bestem Wissen und Gewissen ein solides Fundament baute. Da also weiter. Mal schauen, wie weit ich bis 19.12. komme. Das ist nach aktueller Planung mein letzter Arbeitstag. Danach brauche ich dringend eine Pause und Erholung. Ich bin schon jetzt erschöpft.

Die Grenze zwischen Exzellenz und Perfektionismus ist schmal. Sie auszuhalten, fordert mich nicht nur fachlich und methodisch, sondern auch emotional. Der finanzielle Druck, mit meiner harten Arbeit Geld zu verdienen, wird immer höher. Ich bin angespannt bis in die Rücken- und Nacken-Muskulatur. Also versuche ich, morgens auszuschlafen und meinen Arbeitstag so entspannt wie möglich zu gestalten. Und in der Gewissheit voranzugehen, das Richtige zu tun.

Kartographie & Daten-Visualisierung

Meine Lieblinge der Map Challenge 2025

Jedes Jahr im November findet die “30DayMapChallenge” statt. Kartographen, Spezialist:innen für Daten-Visualisierung und Interessierte basteln jeden Tag eine Karte. Wer mag, nutzt zur Inspiration die “Prompts” (siehe da). Andere verfolgen eigene Projekte und Ideen. 2025 beteiligten sich täglich zwischen 200 und 500+ Kreative (Quelle: Bot von Haifeng Niu via GitHub). Auf der Website der Initiator:innen finden sich zahlreiche Ressourcen für offene Daten, Werkzeuge und Anleitungen.

Meine Favoriten aus dem Fediverse (suche gern selbst, bitteschön: 30DayMapChallenge):

Fahrrad-Parken in Amsterdam

Die Karte ist von Sam van Horne aka DataAngler: Fahrrad-Parken in Amsterdam (Code via CodeBerg):

Rad-Wege und Fahrrad-Parken in Amsterdam (30DayMapChallenge 2025). Bild: copy Sam van Horne aka DataAngler

Rad-Wege und Fahrrad-Parken in Amsterdam (30DayMapChallenge 2025)
[ 2025-11-13 Sam van Horne aka DataAngler ]

Beleuchtung von Rad-Wegen in Wuppertal

Julia aka Joliyea fragte sich, wo man im Dunkeln Rad-Fahren muss. Ihre Karte zeigt beleuchtete Rad-Wege in Wuppertal: Cycling in the dark.

Cycling in the Dark? (30DaysMapChallenge 2025). Bild: copy Julia aka Joliyea

Cycling in the Dark? (30DaysMapChallenge 2025)
[ 2025-11-02 Julia aka Joliyea ]

Bevölkerung Europas 2020-2030

Will Deakin aka wnd nutzte verschiedene Quellen, um die Prognose zur Entwicklung der Bevölkerung Europas als Karte darzustellen. Quellen und Infos findest Du via GitHub: 30 Day Map Challenge.

Prognose zur Entwicklung der Bevölkerung Europas 2020-2030. Bild: copy Will Deakin aka wnd

Prognose zur Entwicklung der Bevölkerung Europas 2020-2030
[ 2025-11 Will Deakin aka wnd ]

Tipp

Später hat er aktuelle Zahlen genommen und mittels unterschiedlicher Größen von Hexagons die Daten visualisiert. Super spannend: Hexagons.

Luft-Verschmutzung in Groß-Britanien

Will Deakins Karte der Luft-Verschmutzung nennt er Black. Sie zeigt die totalen Daten und die aufgrund von Verkehr entstehenden Emissionen.

"Black" (30DaysMapChallenge 2025): Luft-Verschmutzung in Groß-Britannien
[ 2025-11 Will Deakin aka wnd ]

Blaumeisen in Europa

Um mit einer freundlichen Karte zu enden: NordAufNordOst wertete Bio-Diversitäts-Daten von Vögeln aus und zeigt auf seiner Europa-Karte die Zählung von Blaumeisen: Blue wings over Europe:

Blue wings over Europe (30DaysMapChallenge 2025). Bild: copy NordAufNordost

Blue wings over Europe (30DaysMapChallenge 2025)
[ 2025-11 NordAufNordost ]

D2030+ Missions-Werkstätten

Suchen · Bestärken · Realisieren

Kurz zum Kontext: Seit 2019 bin ich Teil der Bewegung D2030+ Deutschland neu denken. Mir ging (geht) es darum, eine Gemeinschaft von Zukünfte-Forscher:innen für den fachlichen Austausch aufzubauen. Mich mit Menschen zu umgeben, mit denen ich Visionen und Vorgehensweisen besprechen kann. Zudem fand ich unsere gemeinsame, zivil-gesellschaftlich organisierte Forschung spannend. 2023 wurde ich offiziell “Botschafterin”.

Franziska Köppe, Zukünfte-Botschafterin D2045 (Statement). Bild: copy Franziska Köppe | madiko für D2045

Franziska Köppe, Zukünfte-Botschafterin D2045 (Statement)
[ 2023-04-04 Franziska Köppe | madiko für D2045 ]

Über die Jahre hat sich die Bewegung weiter-entwickelt. Mit allem bin ich nicht einverstanden. Vor allem das “false balancing” bei den Podiums-Diskussionen im Rahmen der Futures Lounges halte ich für hoch problematisch. Oder auch das schleichende Verschieben des Schwerpunkts der Moderation, sodass immer weniger Zeit für Austausch und Diskutieren der Themen bleibt. Ich hatte in diesem Jahr ohnehin meine Teilnahme an Veranstaltungen reduziert, um mehr Zeit für WandelMut zu haben. Alles zusammen-genommen nahm ich 2025 selten an den monatlichen Treffen teil.

Am 03.12. fand die letzte Futures Lounges des Jahres statt. Kurz vorher hatte das Team das Konzept der Missions-Werkstätten veröffentlicht. Es steht frei für alle zur Verfügung. Bitte hier entlang: Missions-Werkstätten – Soziale Innovation und Idee des Wandels. Die Idee ist, dass jede:r eigene Zukunfts-Werkstätten organisieren kann – eigen-verantwortlich oder mit Unterstützung der D2030+ Moderator:innen. Teilnehmende sind Mitglieder der gast-gebenden Organisation oder – bei öffentlichen Veranstaltungen – alle Bürger:innen. Es gehört zur Mission von D2030+, Methoden der Zukünfte-Forschung einer breiten Bevölkerung nahe zu bringen.

Das Konzept interessierte mich, um mir Anregungen für WandelMut zu holen. Zudem hoffte ich auf Material zu unseren Szenarien, die ich aufgreifen und uns zu Nutze machen kann. Kaum hatte ich den Download gespeichert, kam schon eine E-Mail von Simon Stock. Nach einem kurzen Austausch via elektronischer Post verabredeten wir uns zu einem Plausch. Dieser fand am Dienstag statt.

Mein Fazit: Die “D2030+ Missions-Werkstätten” sind für jene Organisationen geeignet, die in Zukünfte-Forschung einsteigen wollen. Bildungs-Einrichtungen, zivil-gesellschaftliche Organisationen, Sozial-Unternehmen oder auch Bibliotheken fallen mir spontan ein. Mithilfe professioneller Moderation bieten sie Mitgliedern und Gästen einen Einstieg und die Brücke, um ihre gesellschafts-politische Mission plus die ersten Schritte zur Umsetzung zu entwickeln. Thematischer Schwerpunkt ist mithin das ehrenamtliche Engagement für Gesellschafts-Politik und Demokratie. Ihr solltet vier Stunden Zeit mitbringen, gern mehr. Anforderungen an den Raum, den Rahmen sowie die Kontakte zum Abstimmen der Honorare für die Moderator:innen findet Ihr als ersten Orientierungspunkt im Konzept.

Menschen aus kleinen und mittleren Firmen, aus Wissenschaften, Kunst & Kultur, die ihre (berufliche) Strategie und ihre Geschäfts-Modelle weiter-entwickeln wollen, empfehle ich indes unser Konzept rund um WandelMut. Wir gehen auf Euren Kontext ein und führen Euch durch Euren Lern- und Entscheidungs-Prozess. Spreche mich gern darauf an.

Jazz College op. 9

Junge Künstler:innen aus Süd-Deutschland

Der Höhepunkt meiner Woche war die (neunte) “Jazz College” an der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst Stuttgart (HMDK) am vergangenen Donnerstag. Zum einen war es ein wunderbares Erlebnis, das ich mit Martin, einem geschätzten Partner und Freund, teilen konnte. Zum anderen fachte das Konzert meine Begeisterung für Musik und Komposition neu an.

Wusstest Du, dass ich mit 18 an der Musik-Hochschule Franz Liszt (Weimar) im Fach Violine / Viola angenommen wurde? Frisch vom Rutheneum hatte ich mit meinem musisch-humanistischen Abitur die idealen Voraussetzungen. Das war 1993. Damals war viel im Umbruch, das ich zu verstehen suchte. Schweren Herzens entschied ich mich für einen anderen Berufsweg. Musik betreibe ich seither semi-professionell. Und inzwischen leider viel zu selten. Es st schön, meine Leidenschaft und Liebe für die Musik erneut so intensiv zu spüren. Eine Wohltat in der aktuellen Zeit.

Das Konzert fand statt in Kooperation mit dem Südwest Rundfunk sowie den anderen beiden Jazz-Hochschulen aus dem SWR-Sende-Gebiet: Mannheim und Mainz.

Zur “Jazz College” werden je drei junge Bands nominiert. In zirka dreißig-minütigen Sets stellen sie sich vor. Die Jazz-Redaktion des SWR schneidet den Abend mit und sendet später Ausschnitte der Veranstaltung. Leider war das vor Ort spürbar: Der Aufnahme wurde mehr Aufmerksamkeit gewidmet als der Ton-Technik auf der Bühne für das Publikum. Das fand ich total schade.

Wir hatten dennoch viel Freude. Martin und ich verabredeten uns für Februar, um uns gemeinsam die Aufnahmen noch einmal abgemischt anzuhören. Ich freue mich drauf, denn die Musiker:innen waren großartig. Einen ersten Eindruck versuche ich Dir unten schon zu vermitteln. Noch sind die jungen Künstler:innen vielleicht ein Geheim-Tipp. Mich würde es riesig freuen, wenn sie zukünftig ein großes Publikum erreichen. Gern trage ich im Kleinen dazu bei.

“Tuktuk”

Als Erste auf der Bühne stand die Brass-Band-Formation “Tuktuk” aus Mainz. 14 junge Leute, die mitten im Studium sind und sich erst in diesem Jahr als Combo formierten. Tuktuk bietet eine Mischung aus deutschen Hip-Hop-Einflüssen, die sie jazzy interpretieren. Ich mochte vor allem den satten Bläser-Sound. Mutig stellten sie eigene Kompositionen wie Cover vor. Felix Haus, Sänger der Band und Moderator, brachte viel Stimmung in den Saal. Sie hatten vor allem flotte Songs.

Besetzung (soweit ich es im Nachhinein recherchieren konnte):

  • Gesang: Felix Haus
  • Tenor-Saxophon: Niklas Gogolok
  • Alt-Saxophon: Helena Braun, Nikolay Dyachenko
  • Bass-Saxophon: Yannick Dreifert
  • Trompete: Simon Wriedt, Jan Reißer, Simon Patzke, Michael vom Dorp
  • Posaune: Louis Jung, Moritz Matheus, Linda Kufert
  • Sousaphon: Niklas Schumacher
  • Schlagzeug: Anthony Zhurba

Musikalisch beeindruckten mich insbesondere Linda (Posaune) und Niklas (Sousaphon). Bravo!!

“Nebula Quartett”

Aus Mannheim angereist war das “Nebula Quartett”:

  • Mateus do Carmo (Schlagzeug)
  • Max Schroth (Bass)
  • Noah Diemer (Posaune)
  • Thierry Lahyr (E-Guitarre)

Wow, diese Klang-Welten! Ich war völlig fasziniert. Leider brauchte ich zwei Songs, um ihr Bühnen-Konzept zu verstehen und dann meinen Applaus gemäß Jazz-Etikette zu verteilen. Sie leiteten nahtlos von einem Stück ins andere über. Das war phänomenal und insbesondere hinsichtlich Harmonien und Tempi-Wechsel beeindruckend.

Mateus, Max, Noah und Thierry spielen eine Art Fusion. Soli der Instrumente verwebten sich zu Sound-Betten, dröseln sich in die Bestandteile auf, um sich unmittelbar neu zu formieren. Jedes Stück prall gefüllt mit Emotionen und starken musikalischen Bildern. Alles Eigen-Kompositionen der Musiker:innen. Klassische Elemente arbeiten sie dabei genauso in ihre Stücke ein wie Ehrungen an Miles Davis, Chick Corea, Ian Carr (Nucleus) und die anderen Größen des Fusion. Manche Passagen erinnerten mich entfernt auch an Klang-Betten vom “Electric Light Orchestra” oder “Tubular Bells” (Mike Oldfield) – jedoch so verwandelt, dass es flüchtig und unkonkret blieb. Ich fand das faszinierend.

Ich freue mich sehr auf die Aufnahmen, um mich noch einmal in die Rhythmen und Harmonien einhören zu können. Das war großartig. Ich bin mir sicher, beim zweiten, dritten, vierten Hören noch viel mehr zu erkennen und zu entdecken.

Es gibt [ beim Nebula Quartett, A.d.R. ] keinen Band-Leader. Alles wird basis-demokratisch angegangen. Jeder der vier bringt eigene Stücke mit, die er vielleicht auch schon mit anderen Band-Projekten verwirklicht hat. Im Quartett entwickeln die vier immer wieder was Neues daraus. Oder wie Noah es ausdrückt:

“Man kann sicher sein, dass die Stücke nirgendwo so klingen, wie im Nebula-Verbund.”

Konrad Bott

SWR Jazz-Redaktion

Musik-Stunde “Jazz global”
Manuskript zur Sendung vom 3. Januar 2026
Redaktion: Bettina Winkler
Produktion: SWR 2025

Ebenda kannst Du reinhören (Minute 38:29). Ich wünsche Dir viel Spaß bei “Roccabara”, einer Komposition von Maximilian Schroth: Unter dem Schnee ein Neubeginn – Frische Töne von Newcomern.

Yoshi Tschira LARGE

Wir hatten kaum Zeit, die sphärischen Klänge vom Nebula Quartett zu verarbeiten, da stehen schon die neun Musiker:innen des Yoshi Tschira LARGE auf der Bühne:

  • Arvid Maier (Trompete, Flügelhorn)
  • Felix Burrer (Alt-Saxophon, Klarinette)
  • Ilja Tarnopolskij (Schlagzeug)
  • Jasmin Kleinheins / Nuria Noba (Gesang)
  • Lukas Wögler (Tenor-Saxophon, Flöte)
  • Moritz Holdenried (Bass)
  • Moritz Langmaier (Klavier)
  • Samuel Restle (Posaune)
  • Yoshi Tschira (Guitarre, Kompositionen)

BIX, einer der beliebtesten Jazz-Clubs in Stuttgart, schreibt über das Ensemble:

Mit der Gründung seines eigenen LARGE Ensemble verwirklicht der Stuttgarter Gitarrist und Komponist Yoshi Tschira ein lang-ersehntes Herzens-Projekt. In der hand-verlesenen Band vereint er neun heraus-ragende Musiker:innen der süd-deutschen Jazz-Szene, die mit ihrem persönlichen Sound die Kompositionen des Band-Leaders prägen.

Das Nonett mäandert ästhetisch zwischen dem Big Band Sound von Maria Schneider, der Durchschlagskraft von Radiohead und der kammer-musikalischen Ruhe von Wolfgang Muthspiel. In den Reihen der Band finden sich etablierte Player, wie der Saxofonist Lukas Wögler, die Sängerin Jasmin Kleinheins (Nuria Noba), der Pianist Moritz Langmaier sowie der Landes-Jazz-Preisträger und Posaunist Samuel Restle.

Beim LARGE Ensemble handelt es sich um einen wandelbaren Klang-Körper, der im Tutti an den orchestralen Sound einer Big Band erinnert, aber eben auch ein kammer-musikalisches Setting zulässt und damit intimere musikalische Situationen schaffen kann. Die Kompositionen sind geprägt von einem modernen, vielschichtigen Klang, der mutig ist und anecken darf, aber auch keine Scheu vor Geschlossenheit hat. Daraus ergibt sich ein Band-Sound, der frisch und absolut zeitgemäß, ja zukunfts-orientiert ist.

Im Zentrum des musikalischen Austauschs steht der demokratische Gedanke, der es allen Musiker:innen – mit all ihren individuellen Biographien, Identitäten und musikalischen Profilen – gleichermaßen ermöglicht, den Klang des Kollektivs zu formen.

BIX Jazz Club Stuttgart

Besser hätte ich es nicht ausdrücken können. Ihr Konzert ist vielseitig. Mich faszinieren vor allem die schönen Harmonien und oftmals überraschenden Harmonie-Wechsel. Rhythmisch geht die Reise ein Mal durch das Repertoire des Jazz. Es war wie eine Verbeugung vor den Klassikern. Die solistischen Übergänge, der Gesamtklang, die Kommunikation untereinander – ich bin begeistert.

Jede:n Musiker:in ist ein:e Meister:in ihres bzw. seines Fachs – sowohl technisch als auch musikalisch. Ich kann sie individuell heraushören und zugleich mischen sich die Stimmen auf wunderbare Weise. Ein konstanter Wechsel der Führung untereinander. Das unterscheidet sie von allen vorangegangenen Gruppen und macht mir diesen Teil des Konzerts zu etwas ganz Besonderem.

Die Erinnerung ist noch so wach und doch finde ich kaum Worte dafür. Platt formuliert: Man musste dabei sein und diesen Funken fühlen, der zu mir übersprang. Und ich wage die Behauptung, dass es vielen – wenn nicht gar allen – im Publikum genauso erging. Teilweise konnte man eine Stecknadel fallen hören, so gespannt hörten alle zu, um dann in tosenden Applaus nach Soli und jedem Stück auszubrechen. Das war schön!

Hier eine Aufnahme des Quintetts. Hoffentlich sind bald auch Aufnahmen des Nonetts verfügbar. Freue mich drauf! Es spielen:

  • Ilja Tarnopolskij (Schlagzeug)
  • Jani Laakso (Trompete)
  • Moritz Holdenried (Bass)
  • Moritz Langmaier (Klavier)
  • Yoshi Tschira (Guitarre, Kompositionen)

Azenha
[ 2024-12-22 Yoshi Tschira | 7'45" ]

Zuguterletzt

Soweit für heute! Danke fürs Lesen und Dabeisein. Habe noch einen schönen Tag.

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Franziska (handschriftliche Signatur)

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inktober 2025 – Werke veröffentlicht

2025-11-22

Wie verändert das maschinelle Erzeugen von “Kunst” unsere Gesellschaft? In meiner Erfahrung ist die eigene musische Entwicklung ein Prozess. In einer libertär-kapitalistischen Gesellschaft scheint es indes nur noch aufs “Ergebnis” anzukommen und ob man es zu Profit machen kann. Meine Gedanken dazu schrieb ich im letzten Bericht aus der Werkstatt auf – und kürte meine hand-verlesene Wahl der besten Künstler:innen. Sie waren so freundlich und gaben mir ihre Werke frei. Vielen Dank!


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