WandelMut ImpulsZeit

Rückblende erste Staffel WissKomm 2024/2025

veröffentlicht: 28.08.2025 · Franziska Köppe | madiko

· Kapitel 3 ·

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WandelMut ImpulsZeit – Rückblende erste Staffel WissKomm 2024/2025

Erste Staffel WandelMut ImpulsZeit – die Inhalte & Themen

Die Themen sammelten und priorisierten die Beteiligten – Bürger:innen und Wissenschaftler:innen. Rück-blickend warfen wir Themen auf, die zwar in öffentlichen Debatten vorkommen, für die jedoch nie ausreichend Zeit bleibt, sie in ihrer Tiefe, Breite und Höhe zu erfassen und zu besprechen. Wenig überraschend scheiterten auch wir daran. Das liegt in der Natur der Sache. Die Herausforderungen, die in den Themen schlummern, sind vielschichtig und komplex.

Die Freude am Mitdenken im Publikum

Meine frühste und vermutlich wichtigste Erkenntnis war: Pro Abend bewusst nur eines der Themen vornehmen. Wir arbeiteten die zentralen drei bis fünf Fragen zum Thema heraus. Das fiel uns oft schwer, da es zumeist bedeutet, vieles auszublenden und die Komplexität zu reduzieren. Der Clou daran ist, dass die Vielfalt von den Menschen vor Ort eingebracht wird – aus ihnen selbst heraus und nicht als Informations-Flut von der Bühne. Ein wesentlicher Unterschied für die Aufnahme-Fähigkeit und die Freude am Mitdenken im Publikum. Für mich als Moderatorin war es gut, ein, zwei Praxis-Beispiele parat zu haben, um bei Bedarf das Eis zu brechen. Nach einem Jahr kann ich jedoch sagen: Das war nie nötig. (Ich würde die Vorbereitung dennoch so beibehalten, schon allein für mich und für die Bild-Sprache der Präsentationen.)

Die zentralen Fragen unterlegten wir mit Zahlen, Daten, Fakten aus Studien, Szenarien und Sach-Berichten. Da hieß es, viel lesen und sich gut vorbereiten. Mein Anspruch war, die Forschungs-Ergebnisse als Gesprächs-Basis so aufzubereiten, dass sich die Menschen mit uns gemeinsam erste Antworten zu den Fragen erarbeiten können. Wir ihnen Realität und das eigenständige Denken zumuten. Wir ihnen Fach-Begriffe erklären, mit denen sie im Gespräch eine gemeinsame Basis für die Kommunikation hatten.

Unsere Themen im Überblick

Die Reihe startete im Januar 2024 und sollte monatlich fortgeführt werden. Schnell merkte ich, dass das für unser Team unrealistisch war. Wir hätten das Tempo so nicht durchhalten können; zumindest nicht in der von uns gewünschten Qualität. Ab Februar gingen wir in den zwei-monatigen Rhythmus über.

Hier unsere Themen der ersten Staffel:

Grünes (Wirtschafts)Wachstum ist nicht. Und nun?

2024-01

“Grünes Wachstum” bestimmt heute oft die politischen Strategien zur Bewältigung der Klima-Krise – von den Vereinten Nationen über OECD und EU bis nach Deutschland und die Region Stuttgart. Dahinter stehen verschiedene Theorien der Wirtschaft und Politik, die Wirtschafts-Wachstum mit Umwelt-Schutz zu vereinbaren suchen. Kern der Denk-Ansätze ist, Ökonomie und Schäden an der Umwelt zu entkoppeln. Beispielsweise indem es um ein qualitatives Wachstum geht. Oder Unternehmen Produktions-Verfahren entwickeln, die auf rezyklierte Ausgangs-Materialien setzen. Damit grenzen sich die Konzepte ab von Post-Wachstums- und Schrumpfungs-Ansätzen (De-Growth) oder auch Post-Humanismus (was einer Apokalypse gleich kommt).

Diese Theorien sind unter Wissenschaftler:innen aller Disziplinen stark umstritten. Es geistern viel Halb-Wissen und Mythen zu “Grünem Wachstum” herum. In unserer Veranstaltung beleuchten wir diese, um einen Beitrag zur Aufklärung zu leisten. In die Diskussion gingen wir mit der Ausgangs-These, dass ein Entkoppeln von (Wirtschafts)Wachstum und dem massiven Eingriff des Menschen in die Erd-Systeme als gescheitert angesehen werden muss. Verbrauch von Ressourcen und Umwelt-Belastungen scheinen angesichts des aktuellen Sach-Stands unserer Welt und dem menschlichen Tun zu eng miteinander verschmolzen. Wir gingen weiterhin davon aus, dass dies auch zukünftig nicht gelingen wird. Darauf aufbauend diskutierten wir verschiedene Fragen, unter anderem:

  • Wirtschaft und Gesellschaft ohne Wachstum?
  • Optionen für eine neue Form des Geld-Schöpfens?
  • Wie hängen Wohlstand und Brutto-Inlands-Produkt voneinander ab?
  • Welche neuen Ansätze, Wohlstand zu messen, kennt die Wissenschaft?
  • Zirkuläres Wertschöpfen als Lösung?

Wirtschaft soll dem Gemeinwohl dienen

Wir blieben unter anderem bei der Sinnhaftigkeit von Produkten und ihrer Lang-Lebigkeit länger in der Diskussion hängen. Wir diskutierten, was für uns ein gutes Leben ist und wo die Wachstums-Logik der Wirtschaft diesem Wünschen im Weg steht. In der Diskussion ging es uns um die strukturellen Gründe, die hinter der statistischen Evidenz stehen. Weder “grünes Wachstum” noch substantiell wirksamer Klimaschutz scheinen aktuell Realität zu werden – trotz des guten Willens, politischer Beschlüsse auf allen Ebenen, großem Engagement und ungewöhnlicher Einigkeit, wie wichtig das Thema ist. Mithin kamen wir auf Fragen wie

  • Welche (ökonomischen) Rahmen-Bedingungen müssen wir ändern, damit Klimaschutz und Wohlstand realistisch werden?
  • Welche Konsequenzen haben diese Erkenntnisse für uns und unsere Arbeit?
  • Bestehen die Empfehlungen von Klima-Folgen-Forscher:innen den Realitäts-Test?

Zwei Studien dienten uns als Grundlage unseres Gesprächs:

Informierte Laien diskutieren konstruktiver mithilfe von Expert:innen

Als Moderatorin fokussierte ich mich auf einen guten, ausgeglichenen wie konstruktiven Dialog. Daher hielt ich mich mit eigenen Ansätzen zur Lösung zurück. Ich warf lediglich als meine Favoriten zur Lösung die Ideen von Kate Raworth (“Donut-Ökonomie”) und Anders Levermann (“Faltung der Welt”) ein.

Die wichtigste Hypothese für mich aus dieser ersten Veranstaltung war, dass es spannend ist, sich gemeinschaftlich eine Studie zu erarbeiten. Dass es jedoch einen höheren Erkenntnis-Gewinn für alle gibt, wenn ein:e Expert:in vom Fach dabei ist, die hilft, die Fülle an Informationen einzuordnen, zu strukturieren und zu erklären. Andernfalls gerät eine Diskussion selbst unter aufgeklärten Laien schnell unübersichtlich oder gar aus dem Ruder.

Daher bot ich allen daraufhin folgenden Wissenschaftler:innen an, ihre Impulse mit mir gemeinsam zu erarbeiten und zusammen ein Moderations-Drehbuch zu erstellen. So ließen sich zudem die Rede-Anteile gleichmäßiger auf alle Teil-Gebenden verteilen, was der Diskussion gut tut und einen höheren Praxis-Transfer des Besprochenen in den Berufs-Alltag ermöglicht.

Stadt von Morgen. Wie wir klug mit den möglichen Zukünften umgehen.

2024-02

Im Februar 2024 rückten wir Zukünfte-Forschung in den Fokus. Ich organisierte die Veranstaltung zusammen mit Dr.-Ing. Steffen Braun. Steffen ist stellvertretender Leiter des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO. Wir sind beide beteiligt am Open Citizen Science Projekt “Neue Horizonte Deutschland 2045” der Initiative D2030+ “Deutschland Neu Denken”.

Zukünfte-Forschung

Zum Auftakt stellte Steffen vor, was Zukünfte-Forschung im Kern ist und welcher Methoden sie sich bedient. So etablierte er ein Grund-Gerüst an gemeinsamer Sprache für unseren Abend. In der Zukünfte-Forschung unterscheiden wir in mögliche, in erwartete und in wünschenswerte Zukünfte. Dabei greifen wir uns aus der Vielschichtigkeit von Gesellschaften einzelne Faktoren und ihre Merkmale heraus. Um die Komplexität zu reduzieren, nehmen wir diese separat in den Fokus, beschreiben und bewerten sie. Vor meinem inneren Auge entsteht Zukünfte-Forschung wie in einem Kaleidoskop. Viele Perspektiven ermöglichen die unzähligen Variablen zu Fassen zu bekommen, um mit ihnen zu arbeiten.

Je mehr Menschen von Anfang an an einer Zukünfte-Studie beteiligt werden und je repräsentativer sie als Gruppe für die betrachtete Gesellschaft sind, desto aussage-fähiger wird die Studie. Desto eher lassen sich soziologische Muster erkennen. Diese Muster fassen wir zusammen in Szenarien. Zukünfte-Forscher:innen nutzen verschiedene Methoden je

  • nach Grad der Ungewissheit (zum Beispiel je weiter wir in die Zukünfte schauen) und
  • Grad der Komplexität (zum Beispiel ob wir es mit einem einfachen oder vernetzten System(en), mit qualitativer und quantitativer Vielfalt zu tun haben):
Grid mit je 4 Feldern. Auf der X-Achse (senkrecht) wird der Grad der Komplexität in Stufen dargestellt: 1) einfache Systeme, 2) Einfach vernetzte Systeme, 3) Qualitative Vielfalt und 4) Quantitative Vielfalt. Auf der Y-Achse (waagerecht) wird der Grad der Ungewissheit dargestellt: Stufe 1) Planbarkeit, 2) Alternativen, 3) Zukunfts-Raum und 4) Völlige Unschärfe. 

Im Grid sind dann folgende Methoden verzeichnet (X/Y): 
Mega-Trends (S1/S1)
Simulationen (S3-4/S1)
Szenarien (S1-4/S2-3)
- Szenarien auf Basis von Fall-Studien (S1/S2-3)
- Szenarien auf Basis von Morphologie (S2-3/S2-3)
- Narrative

Zukünfte-Forschung: Methoden im Überblick
[ 2025-08 Franziska Köppe | madiko ]

Aus den erarbeiteten Szenarien formen Zukünfte-Forscher:innen eine “Land-Karte der Zukünfte”. Am Schluss schauen wir auf die Karte und vergleichen sie zu heute. Im Spannungsfeld der Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum aktuellen Sach-Stand – einschließlich wie groß diese sind – vergleichen wir die möglichen, erwarteten und wünschenswerten Zukünfte. Liegen die Szenarien eng beeinander, weist dies auf Kompromiss-Flächen hin. Je größer die Abweichungen, desto höher das Potenzial für Konflikte. In der Interpretation dieser Gegenüberstellungen leiten die Forscher:innen ihre Hypothesen für Handlungs-Spielräume zum Gestalten wünschenswerter Zukünfte ab.

Nach der knackigen Einführung von Steffen durchliefen wir mit allen Teil-Gebenden vor Ort einen verschlankten Prozess unserer Studie “Neue Horizonte”. Mit dem beispielhaften Ausflug in die Zukünfte-Forschung positionierten sich die Teilnehmenden auf einer “Land-Karte der Zukünfte”. Die Ergebnisse waren direkt sichtbar. In Brabbel-Gruppen und später im Plenum diskutierten sie ihre individuellen Werte und die Resultate der Gruppe. Steffen ergänzte seine Interpretation, setzte auf diese Weise wissenschaftliche Impulse.

Welchen Fokus wir auch wählten, letztlich lief es auf diese Kern-Fragen hinaus:

  • Wie wollen wir leben und arbeiten?
  • Wie hängen unsere Zukünfte-Szenarien mit unserem Welt- und Menschenbild zusammen?
  • Wie gestalten wir unser Zusammenleben als Gesellschaft?

Wir rissen die zentralen Themen unserer Studie an:

  • Wohlstand,
  • Wirtschaft,
  • Technologie,
  • Digitalisierung,
  • (innere und äußere) Sicherheit,
  • Bildung,
  • Infra-Sturktur und
  • politisches System.

Zu jedem Thema boten wir ein Spektrum aus zwei sich diametral gegenüber stehenden Positionen. Bewusst nicht als Null und Eins, sondern mit Abstufungen dazwischen. Die Teilnehmenden sortierten sich auf dieser Bandbreite ein. Wir nutzten dafür mentimeter, um die Ergebnisse direkt vor Ort sichtbar zu machen. Anschließend diskutierten wir die obigen Fragen.

Über den Abend hinweg entstand ein Holz-Schnitt der Welt. Dass wir nicht detaillierter wurden, war der Kürze der Zeit geschuldet. Das war auch nicht notwendig. Die Teilnehmenden entwickelten ein erstes Gefühl dafür, wo sie sich auf der insgesamt ausgebreiteten “Landkarte möglicher Zukünfte” verorten. Steffen und mir ging es vor allem darum, Kompromiss-Flächen und Konflikt-Linien herauszuarbeiten. Einen Diskussionsraum zu öffnen, der den Teil-Gebenden eben gerade nicht sofort eine Antwort auf Alles gibt, sondern sie zum Draufrumdenken ermutigt.

Wir hatten zirka 70 Teilnehmende vor Ort, was dienlich war. Repräsentativ war unsere Stichprobe indes nicht. Obwohl Jung und Alt aus allen sozialen Schichten – so ziehen die Raupe Immersatt als Food-Sharing-Café, die Scientists For Future und auch ich mit meinem Netzwerk eher das bildungs-bürgerliche Publikum an. Das war jedoch kein Problem für den Abend. Uns lagen die ersten Studien-Ergebnisse aus unserer freien, zivil-gesellschaftlichen Forschung vor. Diese stellten wir dem Vor-Ort-Resultat an die Seite.

Besonders genial fand ich, dass Steffen den Abend abschloss mit am Fraunhofer IAO erarbeiteten Zukünfte-Bildern. Forschung ist oft text-lastig und verkopft. Mithilfe von Illustrationen, generierten Bildern und Simulationen rückte er die Szenarien in unsere Vorstellungskraft. Wir fühlen, wie Städte und Siedlungen künftig aussehen könnten. Ideen werden greifbarer. Wir sehen, wofür es sich zu engagieren lohnt. Statt Angst und Horror vor der Klima-Krise zu schüren, ist dies ein konstruktiv-kritischer Ansatz, der die Selbst-Wirksamkeit und den sozialen Zusammenhalt stärkt.

Klingt spannend? Schau mal in die Publikation “Virtuelle Dörfer und Bioreservate: Zukunftsszenarien für das Quartier von morgen” und lasse Dich von Future Districts des Fraunhofer IAO inspirieren.

Doppelte Ernte mit Landwirtschaft und PhotoVoltaik

2024-04

Im April starteten wir ins Thema Energie-Wende. Mit Dr. Christoph Glawe an meiner Seite gelang es, die Denk-Werkzeuge eines Photovoltaik-Projektierers herauszuarbeiten. Für den konkreten Anwendungs-Bezug bedienten wir uns Praxis-Beispielen aus dem Bereich Agri-PV. Agri-PV verbindet Land-Wirtschaft (Agri) mit Energie-Erzeugung (PhotoVoltaik = PV). Anhand eines fiktionalen, mittel-großen Familien-Betriebs wogen wir technische Lösungen unter ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekten ab.

Christoph ist Physiker und promovierter Mathematiker. Unter anderem forschte er zu Modellierungs-Methoden für turbulente und atmo-sphärische Strömungen. Heute gilt er als ausgewiesener Experte für erneuerbare Energie-Systeme. Er verdient seine Brötchen als Leiter Photovoltaik Eigen-Entwicklung bei wpd onshore GmbH & Co. KG. Christoph war es, der zusammen mit anderen die Scientists For Future 2019 mitgründete. Seither koordiniert er die Regional-Gruppe und vertritt sie in der Region Stuttgart als Sprecher nach außen.

Beim Treffen hatten wir den Vorteil, dass es eine Schnitt-Menge an Teilnehmer:innen gab, die entweder im Bereich Energie oder im Bereich Land-Wirtschaft arbeiten. Interessant wurde es, als wir die Sektoren kombinierten. Im ersten Durchlauf erläuterte Christoph, wie er denkt und vorgeht. Dann stellte er die nächste technische Lösung kurz vor und lud die Teilnehmenden ein, sie mithilfe der gelernten Methode im Kontext unseres fiktionalen Bauernhofs zu analysieren. Die Ergebnisse ihrer Brabbel-Gruppen sammelten wir im Plenum. Christoph ergänzte aus seiner Perspektive. So übten wir angewandte Forschung.

Christoph flocht in seine wissenschaftlichen Impulse viel Grundlagen-Wissen rund um Erd-Systeme ein. So betrachteten wir Agri-PV unter dem Blick-Winkel von

  • Erd-Erwärmung und Klima-Wandel (u.a. Dürren, Hagel und Überschwemmungen, mit denen Land-Wirte immer häufiger kämpfen),
  • Land-Nutzung (Konkurrenz der Flächen, siehe auch unten),
  • Bio-Diversität (Arten-Vielfalt und das resiliente Zusammen-Spiel der Arten),
  • Süß-Wasser-Systeme,
  • Schad-Stoffe & Umwelt-Belastung

Technisch klapperten wir die Band-Breite an PV-Lösungen ab:

  • Frei-Flächen-PhotoVoltaik
  • auf unterschiedliche Höhen aufgeständerte PhotoVoltaik
  • Bifazial vertikale PhotoVoltaik
  • Ost/West gerichtete PV-Dächer mit Zusatz-Funktionen
    (z.B. integrierte Bewässerung oder auch Sonnen- und Hagel-Schutz usw.)

In Bezug auf die Land-Nutzung schauten wir auf

  • Pflanzliche Ernährung
  • Perma-Kulturen
    (z. B. Obst und Weinbau)
  • Tier-Haltung
  • Brach-Flächen
    (PV über Blüh-Streifen an Weges-Rändern
    vs. Land-Kolonialismus von PV-Groß-Investoren)
  • Energie-Pflanzen
  • Futter-Pflanzen
  • Moore und Auen

In der Kombination von Energie- und Landwirtschaftlicher Produktion liegen für Land-Wirt:innen zahlreiche Zusatz-Nutzen – jedoch auch neue, zu lösende Probleme. Schauen wir uns die Agrar- und Ernährungs-Wirtschaft insgesamt an, so steht die Versorgungs-Kette mit Lebensmitteln unter einem hohen Preis-Druck. Mir war bis zur Vorbereitung auf diese Veranstaltung nicht bewusst, wie stark Land-Wirte heute von der EU-Förderung abhängen. Für unseren Beispiel-Betrieb nutzten wir das statistische Mittel von 70% des Gewinns aus Subventionen. Das gilt für Bio-Bauern wie für konventionelle Höfe.

Mithilfe von PV-Anlagen (oder auch Wind-Kraft-Anlagen) können Land-Wirte ihren Eigen-Verbrauch an Energie decken. Sie werden unabhängig(er) von Energie-Versorgern. Bestenfalls können sie über die Einspeisung ins Energie-Netz ihrer Region zusätzliche Einnahmen generieren. Mit Erweitern ihres Geschäfts-Modells indes ergeben sich neue Anforderungen an die Arbeits-Organisation auf einem Hof. Neue Aufgaben, die ihnen nicht zufallen. Die weit weg von ihrer Kompetenz im Umgang mit Pflanzen und Tieren liegen. Die zusätzlich zur Arbeit auf dem Feld und im Stall bewältigt werden müssen.

Häufig sind diese Projekte zudem im Austausch mit dem Umfeld zum Hof zu lösen. Christoph berichtete von erfolgreichen Unternehmungen, wo es dem Bauer gelang, zusammen mit der Gemeinde und den Einwohner:innen die Energie-Wende voranzutreiben. Sein Fazit: Je aktiver die Betroffenen einbezogen und am Energie-Projekt beteiligt werden, desto weniger Ärger im Ort gibt es. Doch auch dafür braucht der chronisch überlastete Bauer Motivation, Zeit und Geld.

Mithin zeigt sich, wie viel-schichtig das Thema Agri-PV ist.

  • Was gilt es alles abzuwägen, um zu klugen Entscheidungen zu kommen?
  • Wo liegt die Balance aus Selbst-Versorger-Wirtschaft und Büger:innen-Energie, schon auch um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen?
  • Wie sorgen wir für eine ausgewogene, sichere Ernährung mit regionalen, land-wirtschaftlichen (Bio-)Produkten?
  • Wie sichern wir als Gesellschaft das wirtschaftliche Überleben der Bauern-Höfe und ihrer Souveränität? Wie bringen wir Agri-PV in Einklang mit den anderen Sektoren?

In unserem Treffen wägten wir die Konzepte daher auch ab hinsichtlich

  • Verkehrs-Infra-Struktur & Photo-Voltaik: Solar-Schienen, solar-überdachte Rad-Wege, bifaziale Module an Fern-Straßen und Bahn-Linien, auf Dächern und Fassaden von Bahnhöfen, Bushalte-Stellen, Park-Häusern und Park-Plätzen
  • Gewerbliche Gebäude & Photo-Voltaik: Photovoltaik auf Dächern und Fassaden von Industrie, Handel und produzierendem Gewerbe, öffentlichen Gebäuden wie Schulen, Kranken-Häusern, Bibliotheken und so weiter
  • Wohnen & Photo-Voltaik: Solar-Technik für den privaten und gewerblichen Wohnungsbau in all seinen Facetten von Balkon-Solar bis hin zur kompletten Anlage auf Dach und an Fassaden.

Christoph packt Dich mit seiner Praxis-Erfahrung und seinem tiefen Verständnis für Energie-Systeme. Die wiss-begierigen und diskussions-freudigen Teil-Geber:innen machten den Abend kurzweilig. Wir erhielten das schönste Lob nach der Veranstaltung von einer Philosophie-Studentin. Sie sagte sinn-gemäß zu mir: “Technik ist nicht meins. Dass ich jetzt weiß, wie man an eine Technik-Folgen-Abschätzung rangeht, finde ich stark. Danke.” Umgedreht hatte sie wertvolle Impulse in sozialen Fragen eingebracht. Ich konnte das Kompliment also nur zurück-geben.

Ent-Täuscht – Umgang mit Meinungs-Lenkung und Populismus

2024-08

Der brütenden Hitze zum Trotz kamen im August 2024 knapp 80 Personen in die Raupe Immersatt. Das Café war rappelvoll und bis zum letzten Platz belegt. Wir hatten mit dem Thema offensichtlich einen Nerv getroffen.

Auf dem Bühnen-Sofa mir zur Seite saß Bärbel Winkler. Bärbel arbeitet in der IT von Kärcher als System-Analystin. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich seit vielen Jahren mit dem Erkennen und Widerlegen von Falsch- und Des-Informationen rund um den mensch-gemachten Klima-Wandel. Bärbel gehört zum Team “Skeptical Science”. Sie koordiniert Übersetzungen ins Deutsche und veröffentlicht Blog-Artikel. Ferner engagiert sie sich in zahlreichen ehrenamtlichen Organisationen, die sich mit nachhaltiger Entwicklung beschäftigen. So auch für die Scientists For Future.

Skeptiker lesen sich intensiv ein, bevor sie sich zu einem Thema äußern. Sie beschäftigen sich mit Thesen, die mittels wissenschaftlicher Methoden nachgewiesen oder widerlegt werden. Ihr Wissen basiert auf Fakten, die sich belegen lassen. Neuen Erkenntnissen stehen sie offen gegenüber. Sie scheuen sich dabei nicht, Dogmen der Wissenschaften kritisch zu hinterfragen und innovative Wissenschaftler:innen zu unterstützen. So gelangen sie zu informierten Meinungen und handeln entsprechend.

Diese Grundhaltung unterscheidet Skeptiker fundamental von Verschwörungs-Mythikern. Letztere legen sich erst ihre eigene Meinung zurecht und suchen dann nach “Beweisen”, von denen sie glauben, sie stützten ihre Anschauung. Skeptiker indes sind bereit, ihre Glaubenssätze zu hinterfragen und sich von evidenz-basierter Argumentation überzeugen zu lassen. Und noch einen fundamentalen Unterschied gibt es: Aufgeklärte Skeptiker begegnen Menschen freundlich, offen und wertschätzend. Missionieren ist tabu. Gewinner und Verlierer in einem Dialog gibt es nicht. Populisten hingegen suchen die Macht mit Gewalt. Sie zerstören den Diskurs. Ihnen geht es um das (Ab)Lenken der Aufmerksamkeit, nicht um das Lösen von Problemen oder gar ein Miteinander in Frieden.

Als Bärbel und ich uns in der Vorbereitung zur Veranstaltung, an den Skeptiker:innen orientierten, passte das hervorragend zu meiner Grund-Idee für unsere Multilog-Reihe. Denn bewusst distanziere ich mich von politischen Veranstaltungen, bei denen man sich positionieren und für Mehrheiten werben muss. Mir geht es ums wechsel-seitige Zuhören, um zu verstehen. Mir geht es um die Langsamkeit des laut Denkens. Dafür öffne und halte ich den Raum. Skeptiker sind Menschen, mit denen ich mich identifizieren kann. Bärbel ist in ihrer Art ähnlich, auch wenn sie sich nie als ausgewiesene Skeptikerin bezeichnen würde. Gemeinsam achteten wir darauf, die skeptische Grundhaltung über alle Tische hinweg zu stärken, indem wir sie den gesamten Abend unter Anleitung übten.

Nach einer kurzen Einleitung ins Thema und zwei, drei steilen Thesen von mir fragten wir die Teil-Gebenden:

  • Bist Du schon auf Falsch-Informationen hereingefallen?
  • Woran hast Du es schließlich gemerkt?
  • Wie bist Du damit umgegangen?

Wir ließen sie in Brabbel-Gruppen (2-3 Personen) darüber sprechen. In einer Blitz-Perlen-Lese sammelten wir die Gedanken im Plenum. Dies war der ideale Nähr-Boden, auf dem Bärbel ihre interaktive Präsentation aufbaute. Sie fordert die Menschen spielerisch heraus. Sie nutzt Comics, Quizze und Bilder-Rätsel dafür. Sehr kreativ! Auch wenn mir der Stil der Illustrationen des Crancy Uncle (schrulliger Onkel) von John Cook nicht gefällt, eine tolle Inspiration für mich.

Des-Informationen sind Aussagen, denen der Anschein gegeben wird, wahr zu sein. Populisten und Meinungs-Unternehmer verbreiten sie gezielt, um Menschen zu manipulieren. Was sie so gefährlich macht: Sie sind darauf gerichtet, Vertrauen zu zerstören – Vertrauen in das Gute unserer Mitmenschen und Vertrauen in Demokratie als funktionierenden Prozess einer Gesellschaft. Es gibt unzählige Methoden, unser Denken, Fühlen und Handeln zu beeinflussen. Wir erleben täglich, wie Kräfte unsere Einstellungen und unser Verhalten zu kontrollieren suchen – sei es in der Werbung, in Medien und Politik oder auch am Arbeitsplatz. Die Taktiken der Meinungs-Lenker sind subtil und raffiniert. Doch wer Propaganda durchschaut, kann sich ihrer Wirkmacht entziehen.

Wie erkennst du Lügen und Tricks von Populisten? Einen guten Einstieg bietet die wissenschaftliche Methode P-L-U-R-V. Anhand von aktuellen Fällen zerlegten wir Klima-Schmutz-Kommunikation. Auf Pseudo-Experten, Logische Trug-Schlüsse, Unerfüllbare Erwartungen, Rosinen-Picken und Verschwörungs-Mythen werden die Teil-Gebenden des Abends nicht mehr so leicht hereinfallen. Wir hatten die Gäste ferner gebeten, eigene Beispiele mitzubringen, die wir analysierten und den Umgang mit diesen Des-Informationen diskutierten. Bärbel war voll in ihrem Element und hatte stets einen Witz auf den Lippen.

Ich gebe zu, ich war vor der Veranstaltung nervös. Ich befürchtete, dass Schwurbler und Querdenker im Publikum sitzen und Unruhe stiften. Die Sorge war unbegründet. In all den Veranstaltungen im letzten Jahr hatten wir nur eine Person, die absichtlich störte. Die Mehrzahl der Menschen ist an einem konstruktiven Miteinander interessiert. Sie wollen gemeinsam voran-kommen. Im Grunde gut – wenn wir den Menschen das Gute unterstellen, werden sie es uns unter Beweis stellen.

100 % Erneuerbare Energien bis 2040 – (wie) geht das?

2024-10

Jedes Kohlen-Di-Oxid-Molekühl bleibt für zirka 10.000 Jahre in der Atmo-Sphäre. Nur über diese lange Zeit baut der natürliche Kohlenstoff-Kreislauf es ab. CO₂ heizt jedoch den Planeten auf. Mit der Erd-Erwärmung geht der Klima-Wandel einher, der für uns zu feindlichen Lebens-Bedingungen führt. Darum ist es wichtig, dass wir alle menschlichen Aktivitäten so rasch wie möglich CO₂-neutral gestalten. Die größte Baustelle ist unsere Energie- und Wärme-Versorgung. Ich hatte diese Zusammenhänge und den aktuellen Stand für Deutschland in einem meiner letzten Berichte aus der Werkstatt beschrieben.

Für eine klima-resiliente Versorgung mit Energie und Wärme stellen sich uns also die Fragen:

  • Können wir bis 2045 den Bedarf zu 100% aus erneuerbarer Energie-Erzeugung decken – in Deutschland, in Europa, der ganzen Welt? Ist das rein technisch möglich?
  • Reichen die Rohstoffe für dieses ambitionierte Vorhaben?
  • Sind die Energie- und Wärme-Wende bezahlbar?
  • Wie ist der Finanz-Bedarf und der prognostizierte Energie-Preis nach der Umstellung?
  • Welche neuen Geschäfts-Beziehungen und -Modelle entstehen? Was müssen wir loslassen dafür?
  • Wie hoch ist der Flächen-Bedarf? Zerstören wir mit Erneuerbaren Natur und Landschaft?
  • Holen wir uns neue Probleme? Wird die Lösung gar zum (neuen) Problem?
  • Bedeutet der Umbau Verzicht, Abstriche im Wohlstand und schlechtere Lebens-Qualität?
  • Was braucht es für eine sozial abgefederte Energie- & Wärme-Wende?

Das Debakel der politischen Kommunikation rund um das “neue” Gebäude-Energie-Gesetz – in die Annalen geht es wohl ein als “Heizungsgesetz” – ist leider inzwischen die Basis für zahlreiche Mythen, Verschwörungs-Erzählungen und populistische Meinungs-Mache in Deutschland. Dass wir uns im Oktober letzten Jahres des Themas annahmen, war überfällig und zugleich eine große Herausforderung. Allein das Thema erhitzt die Gemüter.

Umso mehr freute mich, dass wir uns in diese Arena trauten. Wir klärten mit Zahlen, Daten, Fakten auf. Wir gaben Hinweise auf Studien und Medien, denen die Teilnehmenden vertrauen können – und warum. Zudem fanden die ausgewiesenen Energie-Expert:innen unter den Teilnehmenden Inspiration für die Art ihrer Kommunikation. Es wurden von allen Seiten viele Fragen gestellt und interessante Ideen zur Lösung eingebracht. Die Gespräche waren intensiv. Uns glühten die Köpfe, überhitzt war es jedoch nie. Das fand ich schön. Gerade weil es so oft in der Öffentlichkeit anders zu beobachten ist.

Mein Tandem-Partner für den Abend war Jakob Leweke. Jakob studierte Umweltschutz-Technik an der Uni Stuttgart. In seiner Abschluss-Arbeit beschäftigte er sich mit Hoch-Temperatur-Brennstoff-Zellen. Heute arbeitet er beim IT-Dienstleister Sphera. Die Firma unterstützt Firmen im nachhaltigen Reporting rund um die Ziele für nachhaltige Entwicklung. So wirkte Jakob beispielsweise an Öko-Bilanz-Projekten für Busse und Autos mit. Mit Interesse verfolgt er sämtliche Themen rund um erneuerbare Energien, alternative Antriebe und nachhaltige Mobilitäts-Konzepte. Dabei schaut er nicht nur auf die Probleme, sondern hält sich insbesondere zu technischen Neuerungen auf dem Laufenden.

Jakob hatte mir im Frühling letzten Jahres vorgeschlagen, als Ausgangs-Basis unseres Veranstaltungs-Konzepts die Studie “Low-cost renewable electricity as the key driver of the global energy transition towards sustainability” (Kosten-günstiger Strom aus erneuerbaren Energien als wichtigster Treiber der globalen Energie-Wende hin zu mehr Nachhaltigkeit) zu nutzen. Es gibt davon eine populär-wissenschaftliche Version mit Fokus auf Europa: “Accelerating the European renewable energy transition” (Beschleunigen der Energie-Wende in Europa). Daraus zogen wir die zentralen Eck-Punkte für unseren Wissens- und Erfahrungs-Austausch:

  • Technik,
  • Ressourcen,
  • Biodiversität & Land-Nutzung,
  • Wirtschaftlichkeit sowie
  • Wohlstand & Lebens-Qualität.

In den nächsten Wochen fragten wir uns, welche Kern-Ideen jeder Punkt enthält und wie sie zusammenhängen. Wir lasen ergänzende Studien und Fach-Berichte. Ich hörte wissenschaftliche Podcasts. In iterativen Schleifen näherten wir uns dem Thema vom Großen zum Kern. Jakob fiel es noch schwerer als mir, Aspekte zu streichen. Zusammen achteten wir darauf, dass der Gesamt-Zusammenhang und das große Bild gewahrt bleibt. Als besonders wertvoll erwies sich, mit Christian Breyer von der LUT University Kontakt aufzunehmen. Christian ist einer der zentralen Wissenschaftler der Studien. Er versorgte uns mit aktuellen Zahlen, Daten, Fakten und Tipps für unsere Recherche. Zudem stand er uns für Verständnis-Fragen zur Verfügung. Danke und die herzlichsten Grüße nach Finnland!

Über mehrere Monate entwickelten Jakob und ich unser didaktisches Konzept, das interaktiv ist und sich auf die Teil-Gebenden und ihre Fragen einlässt. Derweil sammelten wir Erfahrungen mit der Veranstaltungs-Reihe. Lange knobelten wir daran, was das Wesentliche einer Energie-Wende hin zu 100% Erneuerbare ist und wie wir die Ergebnisse der Wissenschaftler:innen knackig zum Ausdruck bringen. Da war sie wieder: Die Frage, wie wir aus dem Kopf in die Vorstellungskraft und unsere Resonanz kommen. Wir suchten nach anschaulichen Bildern, die die Theorie illustrieren.

Wir entwarfen fast alle Grafiken neu, um Zahlen und Zusammenhänge zu visualisieren. Ich programmierte eine Karte, um den von den Wissenschaftler:innen errechneten Flächen-Bedarf von Wind und Sonne zu zeigen. Wir kramten Sateliten-Bilder heraus, um Kooperations-Potenziale in Europa zu veranschaulichen. Wir sprachen Unternehmen und Forschungs-Einrichtungen an, um ihre Lösungen als Beispiele aus der Praxis für den Stand der Umsetzung zeigen zu können.

Wir legten den Finger in die Wunde. Gleichwohl inspirierten wir mit konkreten Projekten. Für den konstruktiven Austausch in einer derart aufgeladenen Debatte, legten wir besonderen Wert darauf, die Teil-Gebenden durch einen Denk-Prozess zu führen, dessen Ergebnis offen bleibt. Es ist uns gelungen.


Ein paar Wochen später war ich übrigens zu Gast bei SoliDach im Theater Rampe. Dort stand ich Rede und Antwort zur Frage, wie nachhaltig PhotoVoltaik ist und wie man sich dieser Frage wissenschaftlich nähert. Die Doku dazu findest Du via “WandelMut ImpulsZeit – Photovoltaik zwischen ökologischen Herausforderungen und sozialer Verantwortung”. Die Gruppe dort setzte sich aus Architekt:innen, Immobilien-Vertretern, Mitgliedern von Haus-Gemeinschaften sowie interessierten Bürger:innen zusammen. Die Diskussionsfreude empfand ich genauso groß und konstruktiv. Das macht mir Hoffnung, dass öffentlicher Diskurs zur Energie-Wende anders geht und wir gemeinschaftlich zu sinn-stiftenden Lösungen kommen können. Lösungen, über die nicht nur gesprochen wird, sondern die wir in die Tat umsetzen.

Haltbar bis... zum Umdenken

Verschwendung von Lebensmitteln und Sichern der Ernährung
2025-02

Die erste Staffel unserer gemeinsamen Veranstaltungs-Reihe beschlossen wir mit dem zentralen Thema der Raupe Immersatt Community: Dem Verschwenden und dem Verlust von Lebensmitteln in unseren heutigen Ernährungs-Systemen. Das Team und Vertreter:innen der Bewegung wünschten sich von uns, sie auf den neuesten Stand der Forschung zu bringen. Wir sollten Myhten aus dem Weg räumen – auch und gerade ihre eigenen. Vor Ort waren daher eher die Nerds zum Thema. Das gab dem Abend wieder einen neuen Charakter.

Wenn wir Lebensmittel entlang der Versorgungskette verlieren oder sie wegwerfen, schaden wir unserer Umwelt, gefährden die Ernährung weltweit und treffen die Wirtschaft.

  • Was genau verbirgt sich hinter den Begriffen Verlust und Verschwendung?
  • Warum ist es so wichtig, sie zu verstehen und voneinander abzugrenzen?
  • Wie funktioniert heute die Produktion und Verteilung von Nahrungsmitteln?
  • Welche sozialen und ökologischen Wirkungen haben unsere Entscheidungen in Sachen Nahrung?
  • Wie spielen Agrar- und Ernährungs-Wirtschaft zusammen mit dem Verbraucher-Verhalten?
  • Welche Hürden für eine gesunde Ernährung stecken in sozialen Strukturen?
  • Wo liegt unser Gestaltungs-Spielraum?

Nach einer kurzen Präzision der Begrifflichkeiten aus wissenschaftlicher Sicht, interessierten sich die Teilnehmenden insbesondere für diese Fragen:

  • Wo und warum entstehen Verluste und Verschwendung entlang der Wertschöpfungs-Kette?
  • Was hindert uns an der Anpassung? (Psychologie & Bildung)
  • Welche Maßnahmen sind am effektivsten? Was fehlt?
  • Wie können wir gemeinsam einen Wandel bewirken, der uns gesund, voller Lebensfreude und im Rahmen der planetaren Grenzen hält?

Die Veranstaltung verbuche ich als Erfolg. Der Weg der Vorbereitung bis dahin indes war holprig und schwierig. Das lag zum Einen daran, dass ich es mit drei Impuls-Geber:innen gleichzeitig zu tun hatte. Ernährungs-Systeme sind hoch komplex. Daher waren mir eine natur-wissenschaftliche, eine psychologische sowie eine agrar-wissenschaftliche Perspektive aufs Thema wichtig. Die Temperamente und gewohnten Arbeitsweisen unterschieden sich dann doch stark. Ich saß dazwischen und sollte moderieren. Es ist gelungen, war jedoch eine Herausforderung für mich. Danke an Dr. Ingo Kerkamm, Jun.-Prof. Ramona Weinrich und Prof. Carola Pekrun. Ich habe viel auch über den Wissenschafts-Betrieb von Euch gelernt.

Ingo übernahm den Auftakt mit einer Gesamt-Sicht. Er ist Diplom-Geo-Wissenschaftler und -Mineraloge (Uni Hannover / Köln). Anschließend promovierte er in Material-Wissenschaften (TU Darmstadt). Ingo stellte das Feld der Ernährungs-Sicherheit in den globalen Kontext des Klima-Wandels und der planetaren Gesundheit.

Ramona knüpfte direkt daran an. Sie ist Junior-Professorin am Institut für Agrar-Politik und Landwirtschaftliche Marktlehre im Fachgebiet Verbraucher-Verhalten in der Bio-Ökonomie an der Uni Hohenheim. Ramona ergänzte das Konzept der planetaren Gesundheit um die Empfehlungen für unsere eigene Gesundheit. Mithin holte sie das Thema wieder nah an uns und unsere Lebens-Realität heran. Das half, das Abstrakte aufzulösen und das Thema handhabbarer zu machen.

Ferner setzte sie uns Impulse, wo uns die Psychologie in die Quere kommt im Anpassungs-Prozess. Damit löste sie das Rätsel auf, warum Wissen so oft mit Handeln auseinander-klafft. Es lässt sich zurück-führen auf unsere Überforderung hinsichtlich der Flut an Informationen. Während uns die Psyche entlastet, hält sie uns gleichzeitig in alten Verhaltens-Mustern fest. Wir kämpfen also in Veränderungs-Prozessen gegen uns selbst und unsere kognitive Dissonanz. Manchen ist diese bewusst, andere erleben sie als Stör-Gefühl und sind unzufrieden. Ramonas Tipps, wie die Transformation dennoch gelingen kann – auf gesellschaftlicher wie auch auf persönlicher Ebene – wurden besonders wissbegierig von den Teilnehmenden diskutiert und aufgegriffen.

Was uns zurück zu den strukturellen, gesellschaftlichen Herausforderungen und der Perspektive der Agrar-Wissenschaften brachte. Carola lehrt als Professorin für Pflanzenbau und Qualitätsmanagement an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU). Im Rahmen unseres Treffens nahm sie mit uns die Verfügbarkeit von land-wirtschaftlicher Nutz-Fläche in Deutschland in den Blick.

2.000 qm steht einem jeden Mensch – rein rechnerisch – auf dieser Erde zu. Auf dieser Fläche muss alles erzeugt werden, was vom Acker zum Leben gebraucht wird: Getreide für Brot, Gemüse und Obst, Öl, Zucker, Tabak, Baumwolle, Grün-Futter für Tiere, Öl-Pflanzen für Bio-Diesel und so weiter. Carola sprach davon, wie die Studierenden der HfWU auf dem Welt-Acker maßstabs-getreu das anbauen, was pro Erden-Bewohner auf dieser Fläche produziert wird. Es sind über 40 Kulturen mit ihren jeweils spezifischen Anforderungen.

Sie sprach ferner über (die mangelnde) Verteilungs-Gerechtigkeit. Sie zeigte uns das Miss-Verhältnis, mit der wir in Deutschland heute Flächen für Nahrungs- und Futter-Mittel, für Energie und nachwachsende Rohstoffe verwenden. Mehr über die internationale Bewegung und das Projekt der HfWU erfährst Du via 2000m2.eu von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft.

Von den Teil-Gebenden wurden ferner das Über-Düngen und das Eintragen von Mikro- und Nano-Plastik in unsere Böden angesprochen. Wir fangen erst an zu begreifen, welche Folgen für die Gesundheit aller Lebewesen mit diesen toxischen Substanzen verbunden sind. Nach der Veranstaltung hatte ich einiges auf meinem Zettel zusätzlich, das ich in die Dokumentation aufnahm.

Mein Fazit: Im fliegenden Wechsel zwischen wissenschaftlichen Impulsen und Gesprächs-Runden an den Café-Tischen diskutierten die Beteiligten die immensen Herausforderungen und mögliche Lösungs-Ansätze. Unser Ziel war, Anregungen zu geben. Wir verzichteten bewusst auf Appelle. Gerade mit Letzterem forderten wir die Teilnehmenden in besonderem Maße heraus. Wir hatten keine abschließenden, wissenschaftlichen Handlungs-Empfehlungen.

Beim Thema Ernährung – wie im Übrigen bei allen oben genannten Fragen auch – gilt es anzuerkennen, dass Studien ihre Lücken und Schwächen haben. So sehr wir uns Genies wünschen, die uns sagen, wo es lang-gehen soll: Vorgegebene Lösungen und perfekt ausgearbeitete Leitfäden gibt es nicht. Darin liegt gleichwohl die Chance auf Selbst-Wirksamkeit. Nachdenken zu müssen auf Basis des aktuellen Kenntnis-Standes – wohlwissend, dass weitere Studien und Real-Experimente neue Erkenntnisse hervorbringen und dieser Prozess dauerhaft in Bewegung ist. Miteinander in regel-mäßigem Austausch bleiben. Dinge ausprobieren. Scheitern. Aufstehen. Krönchen richten. Weitermachen.

Herausgefordert zu sein, sich die eigene Meinung zu bilden (statt sie wie in der Schule von einer Professorin fertig vorgelegt zu bekommen) – das war für viele der Aktivisti schwer erträglich. Sie werden erst Monate später erkennen, dass darin ein eigener Wert liegt. Und in der umfassenden Dokumentation, die wir ihnen als Basis für ihre Aktionen an die Hand gaben. Du findest sie am Ende der Doku via WandelMut: “Haltbar bis … zum Umdenken! Sicherheit unserer Ernährung in Zeiten der Klima-Krise — im Spannungsfeld von Verlusten, Verschwendung & Klima-Resilienz.” Aus meiner Sicht die beste aller WissKomm-Dokus, die wir für die erste Staffel produzierten.

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